Nur drei Titel in 140 Jahren – wie ist das möglich?

20.4.2019 - 08:00, Tobias Benz

Die Meistermannschaft des FC St.Gallen von 1904.
Bild: Keystone

Am Freitag feierte der FC St.Gallen sein 140-jähriges Bestehen. Der FCSG ist der älteste Fussballklub Kontinentaleuropas, hat es aber irgendwie fertig gebracht, in 140 Jahren nur dreimal einen Titel zu gewinnen.

In St.Gallen erzählt man sich nicht, wie viele Titel der Verein bereits gewonnen hat. Man beschäftigt sich eher mit der Frage, ob man das überhaupt schon einmal am eigenen Leibe erlebt hat. In den 140 Jahren, in denen die Ostschweizer nun schon das runde Leder über den Rasen kicken, konnten sie nämlich nur drei grosse Erfolge feiern. Es sind dies die Meisterschaften von 1904 und 2000, sowie der Cupsieg aus dem Jahr 1969. Aber wie ist das möglich, schliesslich spielten die St.Galler zu Beginn ja eigentlich nur gegen sich selber?



Fussball im 19. Jahrhundert

Ganz stimmt das so nicht. Es gab bereits vor 1879 – dem Gründungsjahr des FCSG – Fussballvereine in der Schweiz. Diese traten damals entweder an kleineren Turnieren oder an sogenannten «Wettspielen» gegeneinander an, Grün-Weiss ist nur deshalb der älteste Verein der Schweiz, weil die anderen allesamt nicht mehr existieren. Die erste Schweizer Meisterschaft fand indes in der Saison 1898/99 statt. Viel darüber ist jedoch nicht bekannt, auch nicht, ob der FC St.Gallen damals wirklich mitspielte. Als Meister führt der 1895 gegründete SFV den Grasshopper Club Zürich.


Info für den aufgescheuchten Leser: St.Gallen oder St. Gallen? Im «Blick» haben sich zu diesem Thema bereits Publizisten, Designer und Prorektoren die Köpfe eingeschlagen – kurz: Nach dem Punkt kommt ein Achtelgeviert. In St.Gallen lässt man den Abstand weg, im Rest der Welt fügt man ihn hinzu. Wie Senf also – und ich bin St.Galler.



Der Meistertitel 1904

Die Ostschweizer mussten auf ihren ersten Titel dennoch nicht lange warten. Kurz nach der Jahrhundertwende 1904 gelang Grün-Weiss, was ihnen nur noch einmal in den nächsten 115 Jahren gelingen sollte – sie wurden Schweizer Meister. Viel Beachtung fand dies damals übrigens nicht. Das St.Galler Tagblatt, das dieser Tage das hauseigene Archiv auf den Kopf stellt, gibt zu, über den so grossen Erfolg lediglich zwei Sätze auf Papier gebracht zu haben. In der Sektion «Lokales» sei vermeldet worden, dass St.Gallens Fussballer ein Spiel gewonnen hätten und damit Finalsieger der Serie A seien. Und das wars.

Treue Fans trotz Flaute

Die Fans des FC St.Gallen stehen auch in guten Zeiten hinter dem Verein. In schlechten sowieso.
Bild: Keystone

Das fehlende Interesse der Bevölkerung ist in St.Gallen aber sicherlich nicht der Grund für die sportlich «bescheidene» Leistung während der letzten fast eineinhalb Jahrhunderte. Der FCSG-Anhang zählt zu den treusten der ganzen Schweiz und der aktuell Tabellenfünfte (Stand: 18. April 2019) hat seit langer Zeit den dritthöchsten Zuschauerschnitt des Landes. Bereits 1920 erschienen für ein Freundschaftsspiel gegen Slavia Prag 2’000 Zuschauer im legendären Espenmoos. Aber es half damals schon nichts, das Heimteam ging mit 1:4 unter. Als möglichen Grund schrieb das Tagblatt: «Huber befand sich halt im Militärdienst.»

Es ist schwierig zu erklären, weshalb St.Gallen in 140 Jahren so erfolglos blieb. Selbst das längst verblasste La Chaux-de-Fonds hat sechs Titel mehr. Vielleicht liegt es am Wetter, an der Höhe, oder vielleicht an der Bratwurst, aber sicher ist, dass auch in den kommenden Jahren die ganze Stadt hinter dem Verein stehen wird. Und wer weiss, möglicherweise gibt es ja bis zum nächsten Jubiläum in zehn Jahren tatsächlich noch einen sportlichen Erfolg zu feiern. Es wäre dem Verein und der Stadt zu gönnen.


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