Nur im Erfolgsfall geliebt Rakitic und 33 weitere Doppelbürger stehen im Halbfinal

Patrick Lämmle

9.7.2018

Zwei Herzen in einer Brust: Ivan Rakitic, Romelu Lukaku und Kylian Mbappé haben an der WM geglänzt.
Zwei Herzen in einer Brust: Ivan Rakitic, Romelu Lukaku und Kylian Mbappé haben an der WM geglänzt.
Bild: Getty Images

Wer verliert, der hat nicht alles richtig gemacht. Wer nicht alles richtig gemacht hat, der gerät in Erklärungsnot. Schuldige müssen her!

Auch SFV-Generalsekretär Alex Miescher hat nach dem enttäuschenden WM-Aus im Achtelfinal gegen Schweden nach einer Erklärung für das Scheitern gesucht und die Frage in den Raum geworfen: «Wollen wir Doppelbürger in der Nati?» Das Thema wird heiss diskutiert. Viele sind entsetzt, dass wir im 21. Jahrhundert eine solche Debatte führen. Aber der Vorschlag findet auch Anklang. Viele finden: Nein, wir wollen keine Doppelbürger in der Nati.

Warum? Es kann nicht sein, dass wir in der Schweiz Fussballer ausbilden, die sich dann für eine andere Nation entscheiden, hört man oft. Doch kann man so das Schweizer WM-Aus erklären? Natürlich nicht! Denn alle Spieler im Schweizer WM-Kader haben sich ja für die Schweiz entschieden, logisch! Und sowieso hat sich in den letzen Jahren kein potenzieller WM-Fahrer gegen unsere Nati entschieden. Mehr dazu lesen Sie hier.

Also muss ein anderer Grund her: Spieler mit zwei Herzen in einer Brust, die sind nicht bereit, alles zu geben, hört und liest man oft. Das habe man ja gegen Schweden gesehen, da seien Xhaka und Shaqiri nicht bereit gewesen und hätten zu wenig gekämpft.

Gut gespielt haben die beiden nicht, das hat aber nichts damit zu tun, dass sie Doppelbürger sind. Gegen Brasilien wurden die gleichen Spieler noch mit Lob überschüttet, man traute ihnen alles zu. Ein paar Tage später sind sie Versager, lustlose Secondos.

32 Doppelbürger stehen im Halbfinal

Dass man mit zwei Herzen in einer Brust alles erreichen kann, das bewies zum Beispiel 2009 die Schweizer U17-Nati als sie sensationell den WM-Titel holte. Dany Ryser, der Trainer dieser Mannschaft, glaubt, dass diese Vielfalt ihre grosse Stärke war. «Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen hat uns alle bereichert – mich als Trainer genauso wie die Spieler mit nur einem Pass. Die Doppelbürger habe ich immer als Chance für den Schweizer Fussball gesehen, nie als Problem.» In 14 verschiedenen Ländern hatten die U17-Weltmeister ihre Wurzeln.

Ein Blick auf die vier WM-Halbfinalisten zeigt, dass auch sie von Doppelbürgern profitieren. Romelu Lukaku, Kylian Mbappé, Dele Alli, alle haben ihre Wurzeln nicht in dem Land, für das sie an der WM spielen. Bei Frankreich sind es insgesamt 15 (von 23), bei Belgien 11 und bei England 7. Doch auch sie geniessen nicht alle den bedingungslosen Rückhalt in ihrer Heimat.

Belgiens Rekordtorschütze Romelu Lukaku, er erzielte in Russland bereits vier Tore, sagte vor der WM in einem Interview: «Ich weiss nicht, warum mich manche Landsleute scheitern sehen wollen. Ich weiss es wirklich nicht.» Wenn er gut spiele, dann sei er für viele Lukaku, der belgische Stürmer. Wenn er die Leistung nicht bringe, sei er aber einfach der belgische Stürmer kongelesischer Abstammung. Wenn man ihn oder seine Art zu spielen nicht möge, dann sei das in Ordnung. «Aber ich bin in Belgien geboren. Und ich bin in Antwerpen, Lüttich und Brüssel aufgewachsen. Und ich wollte immer der beste Fussballer in Belgiens Geschichte werden. Das war immer mein Ziel. Nicht gut. Der Beste.»

Rakitic, der «Verräter»

Kroatien hat nur einen Doppelbürger im Kader, den «Schweizer» Ivan Rakitic. Für viele ein Beleg dafür, dass man ihm schon im Juniorenalter den kroatischen Pass hätte wegnehmen müssen oder ihn nie für eine U-Mannschaft hätte aufbieten dürfen. Denn schliesslich hat er einem «richtigen» Schweizer einen Platz im Kader weggenommen und der Verband hat unnötig Geld ausgegeben für ihn. Was wohl kaum jemand weiss: Rakitic ist nur vier Mal im Schweizer Trikot aufgelaufen, in vier Freundschaftspielen mit der U21.

Vier Testspiele haben ihn zu dem Weltstar geformt, der er heute ist? Da muss man sich die Tränen aus den Augen wischen, weil man sich vor lauter Lachen kaum noch halten kann. In der Schweiz ausgebildet wurde Rakitic natürlich schon, aber beim FC Basel. Aber der FC Basel hat ja auch von seiner Klasse profitiert und mit ihm gutes Geld verdient – ein Vielfaches von dem, was man in seine Ausbildung investiert hat. Rakitic auszubilden hat sich gelohnt – und wie!

Ja, die Diskussionen rund um Doppelbürger lassen sich aus sportlicher Sicht nicht erklären. Viel mehr ist es ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen, dass man Angst vor dem «Fremden» hat. Einer der weltweit führenden Angstforscher, der Psychologe Prof. Borwin Bandelow, erklärt, dass in der Menschheitsgeschichte viele Ängste ein Überlebensvorteil gewesen seien – auch die Angst vor dem Fremden. Heute nutze sie allerdings weniger den Ängstlichen als den Populisten.

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