Hoeness spricht Klartext: «Financial Fairplay kann man in die Tonne klopfen»

Luca Betschart

20.8.2018

Uli Hoeness redet Tacheles.
Bild: Getty Images

987 Tage lang musste Uli Hoeness sein Amt als Präsident des grossen FC Bayern München während einer Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung ablegen, bevor er im November 2016 erneut zum Präsidenten gewählt wurde. Dieses Wochenende war er zu Gast im Skystudio und nahm Stellung zu allem und jedem. 

Zwei Stunden gab Hoeness im Skystudio bei Jörg Wontorra Auskunft und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Er äusserte sich zu einzelnen Spielern und Trainern, aber auch zur Transferpolitik verschiedener Vereine und beispielsweise der Financial-Fairplay-Regel und redete dabei Klartext: 

«Das Financial Fairplay kann man in die Tonne klopfen, das ist sowieso nichts wert.»

Hoeness erklärt, dass das Financial Fairplay sehr leicht aber ganz legal umgangen werden kann. «Wenn Paris einen Spieler will, werden sie Möglichkeiten finden. Man kann einen Spieler für ein Jahr ausleihen und den Kaufvertrag erst für das nächste Jahr machen und schon ist das Financial Fairplay umgangen.»

Bezüglich der eigenen Transferpolitik betont Hoeness, dass der FC Bayern «nicht in den Gesang einstimmen muss. Ich muss ehrlich sagen, dass ein Fussballspieler, der 200 Millionen kostet und 50-60 Millionen im Jahr verdient, ... das kann der FC Bayern ja irgendwann machen, aber ich mache das nicht mit.»  

«Selbst wenn wir 500 Millionen auf dem Konto hätten, würde ich keinen 200-Millionen-Transfer machen. Denn kein Mensch ist 200 Millionen wert.»

Die Chefetage in München verfolgt indes andere Strategien, um auch nächste Saison einen international konkurrenzfähigen Kader zu stellen. Dem Stürmerstar Robert Lewandowski wurde ein Abschied in diesem Sommer verwehrt, indem man dem Berater des Polen auf sture Art und Weise keine Gesprächszeit gewährte.

«Lewandwoski hatten wir immer im Griff, nur seinen Berater hatten wir nicht im Griff. Ich habe ihm gesagt, dass ich erst am 2. September um 14.30 Uhr Zeit habe.»

Dann nämlich ist das Transferfenster sowohl in Spanien als auch in Deutschland geschlossen. «Wir wollen der Fussballwelt beweisen, dass auch bei Angeboten, die weit über 100 Millionen liegen und lagen, ein Verein mal ‹Nein› sagt und das werden wir durchziehen», so der Bayern-Präsident.

Hoeness erklärt, dass er zwar die Champions League gerne gewinnen möchte, «allerdings nicht mit Schulden erkaufen und von irgendeinem Mann abhängig sein, der heute in Fussball und übermorgen in Pferde investiert». 

«Früher haben wir gegen Vereine gespielt, heute spielen wir gegen Staaten wie den FC Katar, den SV Shanghai oder den FC Abu Dhabi.»

Für ihn ist wichtiger, dass ein möglichst grosser Erfolg in einem Gesamtpaket erreicht wird: «Möglichst seriös und wirtschaftlich». Und genau diesen Erfolg verspricht sich ein optimistischer Uli Hoeness unter dem neu verpflichteten Trainer Niko Kovac:

«Schon nach sechs Wochen kann man sagen, dass wir den richtigen Trainer geholt haben.»

Zwar dauert die Amtszeit von Niko Kovac bei den Bayern erst wenige Wochen, doch für Hoeness gibt es aktuell keine Zweifel mehr, ob er der richtige Mann an der Seitenlinie ist. «Es wird hart gearbeitet und es wird wieder grossen Wert auf die Disziplin gelegt. Die Spieler haben weniger Freiheiten als auch schon.» 

Vor allem in Bezug auf soziale Netzwerke muss das Rad aus Sicht des Präsidenten zurückgedreht werden: «Wenn ich nach dem Pokalendspiel sehe, dass die Spieler in der Kabine schon wieder twittern, werde ich wahnsinnig!» Falls Lewa und sein Berater einen Wechsel erzwingen wollen, gibt es da also eventuell doch noch eine Möglichkeit...    

Und schliesslich wurde auch das blamable Aus der deutschen Nationalmannschaft an der WM in Russland thematisiert. Im «Fall Özil» hatte sich Hoeness bereits in der Vergangenheit klar positioniert und diesen harsch kritisiert. Im Gespräch mit Wontorra darauf angesprochen, legt Hoeness seine Sichtweise erneut unmissverständlich dar: 

«Özil ist ein gut vermarktetes Produkt seiner Agentur, die ihn besser darstellt als er eigentlich ist.»

So sieht der 66-Jährige in der Nomination Özils für die Weltmeisterschaft in Russland den einzig grossen Fehler, der Jogi Löw vorgeworfen werden kann. «Hätte Löw sich Özil mal bei Arsenal vor Ort angeguckt, dann hätte er ihn aus sportlichen Gründen nicht mitgenommen.» 

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