Hat die Schweiz ihr Olympia-Pulver verschossen?

Von Marcel Allemann

5.8.2021

Zwölf Medaillen hat die Schweiz in Tokio bisher gewonnen. Und damit die Zielvorgabe deutlich übertroffen. Aber seit vier Tagen gehen wir leer aus und fragen uns: War's das? 

Von Marcel Allemann

5.8.2021

Beweisen und somit liefern muss die Schweiz an diesen Olympischen Spielen nichts mehr. Mit zwölfmal Edelmetall sind die besten Sommerspiele der Neuzeit ohnehin schon längst Tatsache. Eine zweistellige Zahl erreichte die Schweiz letztmals 1952 in Helsinki mit 14 Medaillen. Die Zielvorgabe von sieben Medaillen wurde somit nicht nur übertroffen, sondern sogar pulverisiert. Alles, was noch kommt, ist Zugabe.

Und trotzdem ist es augenfällig: Seit dem Nationalfeiertag am Sonntag und dem Tennis-Silber von Belinda Bencic und Viktorija Golubic sowie dem Bronzegewinn im BMX von Nikita Ducarroz ruht der Schweizer Medaillenbetrieb. Kamen wir letzte Woche kaum noch nach mit Edelmetall zählen, sehen wir in dieser Woche zu, wie den Sportlern anderer Nationen die Medaillen umgehängt werden.

Überraschend ist dieser Einbruch keineswegs

Ganz so überraschend ist das nicht. Die erste Woche konnte nicht nur wegen der Mountainbiker, die vier Medaillen gewinnen konnten, schon vor den Spielen als die aus Schweizer Sicht verheissungsvollere bezeichnet werden.

Aber es ist auch so, dass Swiss Olympic in dieser Woche bislang mit einigen Enttäuschungen umgehen musste. Vor allem von den Springreitern um Steve Guerdat und Martin Fuchs hatte man im Einzel mehr erwartet. Und auch ein Exploit, wie es ihn letzte Woche mehrfach gegeben hat (etwa durch die sensationelle Bronze von Schwimmer Noè Ponti oder die Tennis-Show von Belinda Bencic), blieb aus.

Haben die Schweizer also ihr Olympia-Pulver verschossen? Auszuschliessen ist das nicht, aber Hoffnung auf die Medaille Nummer 13 und allenfalls noch weiteren Zuwachs besteht durchaus.

Holen Heidrich/Vergé-Dépré die Medaille Nummer 13?

So kommende Nacht, wenn Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré im kleinen Final des Beachvolleyballs nach der Bronzemedaille greifen. Zumal das Schweizer Duo gegen Tina Graudina/Anastasija Kravcenoka aus Lettland zu favorisieren ist. Es wäre der zweite Medaillengewinn eines Schweizer Beachvolleyball-Duos nach der Bronzemedaille 2004 in Athen von Patrick Heuscher und Stefan Kobel.

Anouk Verge-Depre, right, and Joana Heidrich of Switzerland in the women's beach volleyball semifinal against April Ross and Alix Klineman of the United States at the 2020 Tokyo Summer Olympics in Tokyo, Japan, on Thursday, August 05, 2021. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré haben gute Chancen auf die Bronzemedaille.
Bild: Keystone

Noch historischer wäre es, wenn es morgen Nachmittag mit der ersten Leichtathletik-Medaille seit 1988 in Seoul (Bronze von Werner Günthör im Kugelstossen) klappen würde. Die 4-x-100-m-Staffel der Frauen hat mit ihrem Schweizer Rekord im Vorlauf und der souveränen Finalqualifikation gezeigt, dass sie heiss ist.

Aber: Dafür braucht es vermutlich nicht nur ein perfektes Rennen von Riccarda Dietsche, Ajla Del Ponte, Mujinga Kambundji und Salomé Kora, sondern womöglich auch noch Patzer der starken Konkurrenz um die USA und Jamaika, zu der aber auch Grossbritannien und Deutschland zählen.

Insgesamt noch drei realistische Medaillenchancen

Und dann wollen sich natürlich auch noch die Springreiter im Team-Wettkampf rehabilitieren. Zunächst ist am Freitag von Martin Fuchs, Steve Guerdat und Bryan Balsiger in der Qualifikation ein Top-10-Platz gefordert, um am Samstag im Final doch noch die angestrebte Medaille ins Visier zu nehmen.

Steve Guerdat of Switzerland riding Venard de Cerisy competes in the equestrian jumping individual qualifier at the 2020 Tokyo Summer Olympics in Tokyo, Japan, on Tuesday, August 03, 2021. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Im Einzel reichte es nicht einmal für den Final: Kann sich Steve Guerdat mit der Mannschaft rehabilitieren?
Bild: Keystone

Wir haben also noch drei Trümpfe für weitere Medaillen. Das dürfte es dann aber auch gewesen sein. Denn davon, dass Elena Quirici im Karate zuschlägt, Albane Valenzuela sich noch in die Top 3 nach vorne golft oder Tadesse Abraham im Marathon für eine Sensation sorgt, ist nicht auszugehen.

So oder so gilt: Zurücklehnen und die letzten drei Tage dieser für die Schweiz so erfolgreichen Olympischen Spiele in Tokio geniessen. Egal, ob es am Ende nun 12, 13, 14 oder 15 Medaillen sind.