Kontroverse um das eingefrorene Ranking – Federer profitiert

Luca Betschart

19.3.2020 - 23:49

Der Entscheid, das Ranking bis im Juni einzufrieren, dürfte auch unter den Tennis-Cracks für Diskussionen sorgen.
Bild: Getty

Weil alle ATP-Turniere bis im Juni gestrichen sind, wird die Weltrangliste bis dahin eingefroren. Wer davon profitiert, wird kontrovers diskutiert – mit einer Ausnahme.

Bis und mit der ersten Juni-Woche ist sowohl die ATP- wie auch die WTA-Tour wegen der Ausbreitung des Coronavirus lahmgelegt. Zahlreiche Turniere in diesem Zeitraum fallen weg, einzig die French Open sollen ausgetragen werden – allerdings erst Ende September.

Parallel dazu werden die beiden Weltranglisten bis dahin eingefroren. Das bedeutet: Die Spieler und Spielerinnen müssen ihre gewonnenen Punkte aus dem Vorjahr nicht wie üblich verteidigen, sondern dürfen diese behalten. So wird verhindert, dass Profis, die aus dem vergangenen Jahr viele Punkte zu verteidigen haben, in der Weltrangliste automatisch abrutschen.

Ein gutes Beispiel dafür liefert Dominic Thiem. Der Österreicher triumphierte 2019 in Indian Wells und erhielt dafür 1'000 Punkte. Aufgrund der Absage in diesem Jahr würde Thiem die Punkte komplett verlieren – ohne überhaupt die Chance zu erhalten, diese zu verteidigen. Die Folge: Thiem würde in der Weltrangliste ohne zu spielen zurückfallen.

Ein «Glücksfall» für Federer

Doch auch die Einfrierung der Weltrangliste sorgt für Kontroverse, bringt diese Massnahme doch ebenso Gewinner und Verlierer. Allerdings lässt sich darüber streiten, wer zu den Profiteuren gehört. Mit einer Ausnahme: Roger Federer. Wegen Knieproblemen hätte der Basler die Turniere bis zum Juni ohnehin verpasst und damit automatisch die 2'680 Punkte verloren, die er im Vorjahr in diesem Zeitraum einspielte.



In der Weltrangliste wäre Federer somit abgestürzt – oder zumindest aus den besten Sechs gefallen. So aber behält der 38-Jährige mit 6'630 Zählern seinen vierten Rang, was ihm für Wimbledon natürlich bessere Karten für die Auslosung beschert. Vorausgesetzt, das Turnier in London findet statt.

Auch Nadal profitiert – oder doch nicht?

An der Spitze des Rankings entgeht Novak Djokovic einem Abzug von 2'635 Punkten, während Rafael Nadal sogar deren 4'260 verloren hätte. So gesehen spielt die Einfrierung des Rankings definitiv Nadal in die Karten und hält das Rennen um die Weltnummer eins spannend. Man kann allerdings auch argumentieren, dass dem Spanier durch die Zwangspause die Möglichkeit genommen wird, in seiner geliebten Sandsaison dieses Jahr noch mehr Punkte zu gewinnen und Djokovic sogar zu überholen. Zum Vergleich: 2017 ergattert der Spanier in dieser Phase mehr als 5'300 Punkte.

Als einer der Verlierer des aktuellen Szenarios geht der Russe Daniil Medvedev hervor. Die aktuelle Weltnummer fünf hätte bis im Juni nur gerade 825 Zähler zu verteidigen. Würden die Punkte wie üblich nach 52 Wochen aus der Wertung fallen, hätte er sowohl Roger Federer als auch Dominic Thiem mit Sicherheit abgefangen. So aber bleibt alles beim Alten.

Verlierer sind sie alle

Aus dieser Perspektive wird der jungen Generation mit der Einfrierung des Rankings die Chance genommen, Boden auf die langjährigen Dominatoren gutzumachen. Davon profitieren Djokovic, Nadal oder auch Thiem, die ihre vielen Punkte bis Juni damit bereits auf sicher verteidigt haben.

Gleichzeitig ist es Djokovic, Nadal und Co. aufgrund der Zwangspause aber unmöglich, den Vorsprung auf die Verfolger in diesem Jahr gar noch auszubauen. Das wiederum spielt den Verfolgern wie Medvedev in die Karten. Schlussendlich kann man es drehen und wenden wie man will: Aus sportlicher Sicht sind sie in diesem Frühling alle Verlierer.

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