Paganini spricht über Federers Fitness: «Als wir zu arbeiten begannen, war er ganz unten»

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24.2.2021

Wird bald ins Rampenlicht zurückkehren: Roger Federer.
Wird bald ins Rampenlicht zurückkehren: Roger Federer.
Keystone

Roger Federer wird im März in Katar sein langersehntes Comeback auf der ATP-Tour geben. Doch wie steht es um die Fitness des 39-jährigen Maestros? Sein Fitnesstrainer Pierre Paganini gibt Auskunft.

Mehr als ein Jahr ist schon vergangen, seit Roger Federer zum letzten Mal ein – zumindest semi-offizielles – Spiel absolviert hat. Das «Match for Africa» gegen Rafael Nadal gewann der Schweizer im Februar 2020 mit 6:4, 3:6 und 6:3 – keine zwei Wochen später liess er sich am rechten Knie operieren. Nun spricht Federers Fitnesscoach Pierre Paganini im «Tages-Anzeiger» über das operierte Knie, den Weg der Genesung und das bevorstehende Comeback des 20-fachen Grand-Slam-Siegers.

«Das rechte Knie bereitete ihm schon mehrere Jahre Probleme. (...) Solange er frei spielen und trainieren konnte, war es aber kein grosses Problem», so Paganini. Anfang des letzten Jahres wurde es dann aber offensichtlich immer schlimmer, sodass sich Federer doch noch zur Operation entschied. Das habe vielleicht die Öffentlichkeit schockiert, aber «für uns war es ein Prozess, der zu diesem Punkt führte», so der 63-Jährige.



Der Fitnesscoach erklärt: «Wenn ein Problem seit mehreren Jahren existiert, ist klar, dass es komplex wird. Und dann ist vor allem wichtig, dass man langsam vorwärtsgeht im Schneckentempo. Damit du ja keinen Rückschlag mehr hast.» Einen solchen Rückschlag habe Federer nach der zweiten Operation nicht erfahren. Weil das Knie aber wegen der Eingriffe sehr fragil war, konnte der Baselbieter nur eingeschränkt trainieren und musste sich gedulden. Paganini: «Jetzt sind wir auf der Zielgeraden, aber immer noch am Arbeiten.»

«Die Muskulatur baute sich stark ab»

Nach der Operation des linken Knies 2016 kehrte Federer bereits nach sechs Monaten zurück und gewann im Januar 2017 gleich die Australian Open. Paganini erklärt, dass es damals keine Probleme mit der Muskulatur gab und «er muskulär eigentlich immer da war». Heute sieht das etwas anders aus. «Jetzt hatten wir einen totalen Unterbruch, in dem sich die Muskulatur stark abbaute. (...) Sie war überhaupt nicht mehr im gleichen Zustand, die Disbalancen waren extrem.» 



So musste Federer quasi wieder bei Null starten, um seinen Körper in Form zu bringen. Paganini: «Als ich mit ihm zu arbeiten begann, waren wir ganz unten.» Jetzt trainiere der 39-Jährige «eigentlich wieder fast normal. Wenn Sie zuschauen würden, würden Sie sagen: Er ist nicht verletzt, alles in Ordnung.» Trotzdem müsse man weiter vorsichtig sein.

Nun stehe die «Reaktivität in der Vorermüdung» im Zentrum. Der Körper müsse wieder lernen, mit regelmässigen grossen Belastungen umzugehen. «Wir sind so weit, dass man sagt: Wow, das ist richtiges Konditions- und Tennistraining, es wird geschwitzt, man muss nicht mehr jede Sekunde ans Knie denken», verrät Paganini. «Man bereitet alles vor, und dann kann er wieder losschiessen. Das tut ihm gut, denn er brauchte unglaublich viel Geduld, bis er an diesem Punkt war. Es ist ein Wahnsinn, wenn man sich das alles überlegt.»

Roger Federer feilt am Freitag, 18. April 2003, zusammen mit seinem Konditionstrainer Pierre Paganini, links, in Allschwil an seiner Kondition. (KEYSTONE/Markus Stuecklin)
Ein Bild von Roger Federer und Pierre Paganini aus dem Jahr 2003. Die beiden arbeiten schon seit 21 Jahren zusammen.
Bild: Keystone

Im Kraftbereich sei Federer bereits wieder dort, wo er vor der Verletzung war. Jedoch ist Tennis keine Kraftsportart, vielmehr geht es um die Ausdauer der Reaktivität. Daran wird nun gearbeitet. Ausserdem steht auch die Schnelligkeit im Fokus, beziehungsweise die Ausdauer der Schnelligkeit.

Karriereende weiter nicht in Sichtweite

Der Plan ist, dass Federer am 8. März in Doha auf die ATP-Tour zurückkehrt. «Roger spielt nur, wenn er weiss, dass er wieder gut spielen kann», weiss sein Fitnesscoach allerdings. «Du musst schon vieles gemacht haben, wenn du wieder auf den Platz willst. Es ist wirklich nicht vergleichbar mit 2016. Roger feiert schon einen grossen Sieg, wenn er überhaupt wieder auf den Platz gehen, spielen und dann sagen kann: Hey Leute, ich habe gespielt, es ging mir gut, ich freue mich auf den nächsten Match.»

Eines sei allerdings klar. Federers Leidenschaft fürs Tennis sei noch immer gleich gross wie vor der Verletzung. «Sonst würde er sich nicht mehr auf die Trainings einlassen, die wir ihm vorschlagen», so Paganini. «Das erste Mal, als er wieder einen Sprung über die Hürde machte, war er fast euphorisch. Man spürte beim ersten Sprung – nachdem er viele Monate daran gearbeitet hatte – auch noch die Unsicherheit. Und danach war er richtig stolz, darüber gesprungen zu sein.»



So scheint auch ein baldiges Karriereende nicht in Sichtweite, obschon Federer im August bereits seinen 40. Geburtstag feiern wird. «Als er sich für die Operation entschied, war es logisch, dass er nicht an das Karriereende denken wollte. Er hatte sich für einen Weg entschieden, der mehrere Monate dauern würde», erklärt Paganini. Er weiss aber auch: «Roger wird seine Gesundheit nie riskieren. Es ist ihm enorm wichtig, auch im zweiten Abschnitt seines Lebens gesund zu sein. Diese Cleverness hat er. Er wird nichts übertreiben, wenn es keinen Sinn macht.» Heisst übersetzt: Sollte sich der Erfolg einstellen und der Körper gleichzeitig streiken, ist es durchaus denkbar, dass Federer eher früher als später den Stecker zieht.

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