Doping-Serie, Teil 4: Der Whistleblower packt aus – und belastet auch Putin

Luca Betschart

16.4.2020 - 11:00

Grigori Rodschenkow belastet in seinem Geständnis zum russischen Dopingskandal auch die Regierung um Präsident Vladimir Putin.
Bild: Netflix/Getty

In einer fünfteiligen Serie erzählt «Bluewin» die Geschichte von Grigori Rodschenkow, dem furchtlosen Whistleblower im russischen Dopingskandal. Teil 4: Was wusste Präsident Vladimir Putin?

Nach der überstürzten Flucht aus seiner Heimat geht Grigori Rodschenkows Kampf ums Überleben ab Ende 2015 in Los Angeles in die nächste Runde. Einst das Gehirn geheimer russischer Doping-Machenschaften, will der Russe nun die ganze Wahrheit ans Licht bringen – zusammen mit Freund und Helfer Bryan Fogel. 

In den Wochen zuvor muss Grigori im (teils) aufgedeckten russischen Dopingskandal seinen Kopf hinhalten und als Leiter des Moskauer Labors zurücktreten. Weil er aber mehr weiss, als Russland öffentlich zugesteht, bangt er schliesslich gar um sein Leben. Kaum ist Rodschenkow in die USA geflüchtet, verstirbt sein Schulfreund in Moskau unter mysteriösen Umständen.

Rodschenkow wird zum Whistleblower – aus Gründen

Doch nicht nur aus Angst entschliesst sich Grigori, als Whistleblower für mehr Gerechtigkeit einzustehen und die Seiten zu wechseln. Schon seit geraumer Zeit findet er sich in einer moralischen Zwickmühle wieder. Knackpunkt scheint seine Rolle während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi zu sein, als der Wissenschaftler in geheime Aktivitäten involviert ist und sich die Hände endgültig schmutzig macht. «Als es Betrug wurde, brach es ihn», glaubt Kumpel Fogel rückblickend.

Ikarus (2017)
Der Film Ikarus wurde 2018 mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Ikarus ist ein im Jahr 2017 auf Netflix erschienener Dokumentarfilm. Er handelt in der ersten Hälfte von dem Selbstversuch des Filmemachers Bryan Fogel, mithilfe von Doping ein Radsportamateurrennen zu gewinnen. Dabei wird er von Grigori Rodschenkow unterstützt. Die zweite Hälfte handelt von Rodschenkows Rolle im russischen Staatsdoping. Wir stützen uns in dieser Serie auf den preisgekrönten Dokumentarfilm.

So legt Grigori vor dem US-Justizministerium im Mai 2016 ein umfassendes Geständnis ab. Weil die beiden niemandem vertrauen, fahren Fogel und Rodschenkow aber eine doppelspurige Strategie. So verschweigt Grigori den Behörden, dass er einem Reporter der «New York Times» zuvor bereits dieselben Informationen rausrückt. Unabhängig davon sind Rodschenkows Aussagen erschütternd.

Russland betreibe seit Jahren ein staatlich finanziertes und gesteuertes Dopingsystem, von dem er zeitweise der Drahtzieher gewesen sei, gibt der Russe gegenüber Fogel zu. Bereits bei den Olympischen Spielen in Peking habe man geschummelt, genau wie in London 2012. «Sicherlich 50 Prozent waren gedopt. Sie gewannen mithilfe eines speziellen Programms. Staatlich unterstützt natürlich.» Bei den Spielen im eigenen Land 2014 sei man schliesslich noch skrupelloser vorgegangen. Mittendrin: Grigori Rodschenkow.

Rodschenkow wird übergangen

Von ganz oben sei der Auftrag gekommen, in Sotschi auch während der Wettkämpfe leistungssteigernde Mittel zu verwenden – obwohl Grigori nach eigenen Aussagen eine Methode entwickelt, das Kontrollsystem wissenschaftlich und ohne viel Risiko zu umgehen. «Das russische Team hätte einen Monat vor den Spielen sauber sein können», sagt er im Gespräch im Fogel.

Stattdessen sollen die abgegebenen, positiven Dopingproben russischer Athleten in einem raffinierten System manipuliert oder sogar ausgetauscht werden. Aufgrund der enormen Schutzmassnahmen während der Olympischen Spiele kommt das einer Herkulesaufgabe gleich. Zu bewältigen hat sie zu grossen Teilen Rodschenkow, der in Sotschi für die Dopingtests verantwortlich ist.

Der Russe steht während der Spiele vom IOK und von der WADA unter Doppelkontrolle. Zudem ist eine Delegation ausländischer Wissenschaftler im Labor anwesend. Sollte Grigori sich nicht korrekt verhalten, würde es sofort auffallen. Es sei denn, er befindet sich alleine im Labor ...

Die Schande von Sotschi

Gegen ein Uhr morgens kriegt Rodschenkow jeweils einen Anruf, kurz bevor die entnommenen Dopingproben vom Olympischen Dorf ins Labor gebracht werden. Nach erfolgter Kontrolle, ob keine Mitglieder der WADA oder des IOK mehr herumschnüffeln, beginnt bei Ankunft der Proben die heikelste Phase der Operation. Wie vorgeschrieben bringt Grigoris Assistent die B-Proben in einen Lagerraum, allerdings steckt er sich dort die positiven B-Proben russischer Athleten in seinen Kittel – ein höchst illegaler Akt.

Anschliessend bringt er die A-Proben – wie verlangt und von Kameras überwacht – zur Aliquotierung in einen anderen Raum. Bevor die Proben dort am nächsten Morgen aber geöffnet und kontrolliert werden, sorgt Rodschenkow zusammen mit dem russischen Geheimdienst (FSB) dafür, dass die russischen Tests gesäubert werden. Durch ein als Steckdose getarntes Loch in der Wand übergibt er die positiven Proben an FSB-Agenten, die sich im anliegenden Raum um den Rest kümmern.

Während die A-Proben umgehend manipuliert und zurück in den Aliquotierungsraum gegeben werden, lässt der FSB die B-Proben aus dem Kittel von Grigoris Assistent verschwinden, indem man aus dem benachbarten Gebäude sauberen Urin des betroffenen Athleten beschafft – und die sauberen Proben anschliessend zurück in den Lagerraum schmuggelt. Die Zeit ist knapp, alles muss vor den ersten Testverfahren um sieben Uhr morgens erledigt sein. Doch es funktioniert.

Was wusste Präsident Putin?

13 Goldmedaillen, aber kein positiver Dopingtest – Russland führt in Sotschi die ganze Welt an der Nase herum. «Wir schummeln auf höchstem Niveau», erzählt Rodschenkow schon beinahe stolz.

Niederschmetternd ist aber nicht nur die Art und Weise des Betrugs, sondern auch wer dem Whistleblower zufolge alles Bescheid weiss. «Putin wollte alles wissen. Es war eine ganz einfache Kette: Ich habe an Nagornykh (stellvertretender Sportminister) berichtet, Nagornykh an Mutko (Sportminister) und Mutko an Präsident Putin.» In umgekehrter Reihenfolge dürften demnach die Befehle erteilt worden sein. Zumindest Grigori selbst habe von Nagornykh konkrete Aufträge erhalten. Der langjährige Präsident streitet aber jegliche Beteiligung ab. Grigoris Vorwürfe bezeichnet Putin einst als «die Verleumdung eines Verräters».

Eine etwas andere Auffassung hat das US-Justizministerium, das im Mai 2016 aufgrund der Aussagen von Rodschenkow eine Untersuchung einleitet. Für Rodschenkow geht das Versteckspiel derweil weiter. Zu gross scheint die Gefahr, russische Agenten könnten den Kronzeugen auch auf amerikanischen Boden aufspüren.



Hinweis: Die fünfteilige Serie zu Grigori Rodschenkow, dem Whistleblower im russischen Dopingskandal, basiert auf dem 2017 erschienenen Dokumentarfilm «Ikarus». Sofern keine Quelle angegeben wird, stammen Zitate aus der auf Netflix verfügbaren Dokumentation.



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