Doping-Serie, Teil 2: Grigori Rodschenkow – ein Jäger entpuppt sich als Betrüger

Luca Betschart

14.4.2020 - 08:30

Ein begabter Chemiker – und Strippenzieher in Russlands Doping-Programm: Grigori Rodschenkow.
Bild: Keystone

In einer fünfteiligen Serie erzählt «Bluewin» die Geschichte von Grigori Rodschenkow, dem furchtlosen Whistleblower im russischen Dopingskandal. Teil 2: Ein Chemiker als Doping-Drahtzieher.

Graue Haare, Schnauz und eine grosse Brille – eigentlich passt Grigori Rodschenkow ins Schema eines zerstreuten Professors. Doch der erste Eindruck täuscht, zumindest teilweise. Denn der gebürtige Moskauer hat es faustdick hinter den Ohren. 

In jungen Jahren steht Rodschenkow kurz vor einer Karriere als Leichtathlet, obwohl er von seiner Mutter zum Schwimm- oder Skisport gedrängt wird. «Ich war fast ein professioneller Läufer über 1'500 oder 5'000 Meter an der Uni in Moskau», sagt er in der Dokumentation «Ikarus». Früh macht der Russe Erfahrungen mit Dopingmissbrauch, als er realisiert, dass ein grosser Teil seiner Konkurrenz nachhilft. «Natürlich begann ich auch, das beste Mittel zu nehmen: Stanozolol. Meine Mutter gab mir die Injektionen.»

Grigori, der begabte Chemiker

Dennoch schafft er es nicht in die Nationalmannschaft und widmet seine berufliche Karriere deshalb der Chemie. 1985 beginnt seine Arbeit in Moskaus Anti-Doping Labor. Rodschenkow gilt als begabter Wissenschaftler, wird 2006 zum Leiter des Laboratoriums ernannt und ist an den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 für die Durchführung der Doping-Kontrollen zuständig. Im gleichen Jahr lernt Grigori auch den amerikanischen Amateur-Radsportler Bryan Fogel kennen – per Skype.

Ikarus (2017)
Der Film Ikarus wurde 2018 mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Ikarus ist ein im Jahr 2017 auf Netflix erschienener Dokumentarfilm. Er handelt in der ersten Hälfte von dem Selbstversuch des Filmemachers Bryan Fogel mit Hilfe von Doping ein Radsportamateurrennen zu gewinnen. Dabei wird er von Grigori Rodschenkow unterstützt. Die zweite Hälfte handelt von Rodschenkows Rolle im russischen Staatsdoping. Wir stützen uns in dieser Serie auf den preisgekrönten Dokumentarfilm.

Fogel wendet sich mit einem speziellen Anliegen an den Russen. Er will sich in einem Selbstversuch einem kontrollierten Dopingprogramm unterziehen und dabei positive Tests vermeiden. Als der Amerikaner den erfahrenen Chemiker um Unterstützung bittet, scheint dieser nicht zu zögern. «Schick mir alles. Bezeichnung, Dosierung, Dauer der Dosierung – alles muss orchestriert sein. Ich brauche deinen Ein-Monats-Plan.» Die beiden harmonieren auf Anhieb, die Dinge nehmen ihren Lauf.

Rodschenkows sofortige Bereitschaft zur Zusammenarbeit sorgt bei Fogel ein erstes Mal für Skepsis. Wieso erklärt sich der Leiter des Moskauer WADA-Labors, der gedopte Athleten eigentlich überführen soll, ohne Weiteres bereit zu einem solchen Experiment? Eine gute Frage, die Schritt für Schritt beantwortet werden soll.

Grigori, der «Mafioso»

Als Rodschenkow im Mai 2015 erstmals zu Fogel nach Los Angeles reist, um dessen gesammelte Proben in sein Labor nach Moskau zu schmuggeln, laufen gegen den Russen längst Ermittlungen der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur). Überprüft werden die in einer ARD-Dokumentation Ende 2014 geäusserten Vorwürfe, in Russland werde systematisch gedopt. Zudem seien Dopingkontrollen manipuliert worden. Rodschenkow soll seine Finger im Spiel haben.

In den USA angekommen, macht Rodschenkow gegenüber Fogel klar: «Die WADA hält mein Labor an einer sehr kurzen Leine. Sie stellt viele Fragen.» Dass die Zweifel der WADA mehr als berechtigt sind, behält er aber für sich – vorerst. Nichtsdestotrotz realisiert Fogel während Rodschenkows Besuch: Da ist etwas im Busch.

Zudem fällt dem Amerikaner auf, mit welch ausgeklügeltem System der Russe vorgeht, um positive Dopingtests zu verhindern – als hätte er darin Erfahrung. «Ich bin ein Mafioso. Wie bei der Mafia. Verfolgt von der WADA», erklärt Rodschenkow darauf angesprochen. Nach getaner Arbeit tritt er mit Fogels Urinproben im Gepäck die Rückreise nach Russland an. Auf dem Weg zum Flughafen meint er vielsagend: «Nächstes Mal trinken wir – wenn ich überlebe.»  

Rodschenkow (links) und Fogel im Mai 2015 bei der Arbeit in Los Angeles. 
Bild: Netflix

Als Fogel rund vier Monate später nach Moskau reist, erkennt er den Ernst der Lage bereits bei der Ankunft in Grigoris Labor. «Schau, die verdammte RUSADA (Russische Anti-Doping-Agentur, Anm. d. Red.). Sie bringen Proben, wir sollten ihnen unsere Kamera nicht zeigen», flucht der sichtlich angespannte Russe bei der Anfahrt auf dem Parkplatz. «Passt mit eurem Material auf, Menschen sind sehr empfindlich.»

Grigori, der Betrüger

Kurz darauf folgt der Schock – zumindest für Fogel. In Genf verkündet Richard Pound, Leiter der WADA-Untersuchung gegen Russland, dass die überwältigende Mehrheit der in der deutschen ARD-Dokumentation erhobenen Vorwürfe von der unabhängigen Kommission bestätigt werden konnte. «Es ist schlimmer als gedacht, Fakten wurden verschleiert. Proben wurden in Labors zerstört. Gelder wurden gezahlt, um Dopingtests zu verheimlichen.»

Es sei unbestritten, dass dies ohne das Wissen oder die Zustimmung staatlicher Behörden nicht möglich gewesen wäre. Ein erschütterndes Urteil – aber es kommt noch dicker. «Wir sind sehr besorgt, denn 1'400 Dopingproben wurden vom Leiter des Moskauer Labors zerstört», nennt Pound den Drahtzieher beim Namen. Grigori Rodschenkow.

Die WADA-Kommission um Richard W. Pound (rechts) und Richard Mclaren bestätigten die schweren Dopingvorwürfe gegen Russland im November 2015 in Genf.
Bild: Getty

Mit Schrecken stellt Fogel fest, dass rund 40 Prozent des gesamten WADA-Berichts von seinem neuen Freund und «Komplizen» handeln. Wenig überraschend verlangt die WADA-Kommission, dass Rodschenkow seines Amtes enthoben, dem Moskauer Labor die WADA-Akkreditierung entzogen und der russische Sportverband gesperrt wird.

Als Fogel Grigori an diesem Tag an den Hörer kriegt, wirkt dessen Stimme angeschlagen: «Bryan, ich kann heute Abend nicht mit dir reden.» Brisante Gespräche zwischen den beiden sollen aber schon bald folgen. Denn Rodschenkow fühlt sich an den Pranger gestellt, will nicht als Einziger den Kopf hinhalten – und wird zurückschlagen.



Hinweis: Die fünfteilige Serie zu Grigori Rodschenkow, dem Whistleblower im russischen Dopingskandal, basiert auf dem 2017 erschienen Dokumentarfilm «Ikarus». Sofern keine Quelle angegeben wird, stammen Zitate aus der auf Netflix verfügbaren Dokumentation.


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