Nach Corona-Protesten

Amazon feuert weitere Aktivisten

dj

15.4.2020

Proteste vor seinen Lieferzentren sieht Multimilliardär Jeff Bezos gar nicht gerne. 
Keystone

Coronakrisengewinnler Amazon geht offenbar weiterhin massiv gegen die eigenen Mitarbeiter vor, wenn die sich über die Arbeitsbedingungen beschweren.

Während selbst einige Milliardäre dieser Tage mit Sorge auf ihr Portfolio blicken und sich fragen, ob sie sich die Zweit-Yacht jetzt noch leisten können, geht es Jeff Bezos immer besser. Der Amazon-Chef, bereits zuvor der reichste Mensch der Welt, konnte seine Vermögen inmitten der wohl grössten Wirtschaftskrise seit fast hundert Jahren auf 138,5 Milliarden Dollar steigern.

Seinen Mitarbeitern geht es bei Weitem nicht so gut. Zwar wurde der Stundenlohn der Amazon-Mitarbeiter in den USA temporär bis Ende April um zwei Dollar erhöht, in den riesigen Lieferzentren des Unternehmens häufen sich jedoch Beschwerden. Der Versandhandel von Amazon gehört zu den ganz grossen Gewinnern der Corona-Krise, da weltweit ein grosser Teil des stationären Einzelhandels schliessen musste.

Corona-Positive an zahlreichen Amazon-Standorten

Die dramatisch gestiegene Nachfrage erhöht natürlich auch den Mitarbeiterbedarf. Alleine in den USA will das Unternehmen bis zu neuen 175’000 Mitarbeiter engagieren — Stellen, die das Unternehmen aufgrund der grassierenden Massenarbeitslosigkeit sicherlich schnell besetzen kann. Doch all die neuen Mitarbeiter müssen in den bestehenden Standorten von Amazon arbeiten, wo es nun noch enger wird.

Deshalb gibt es von zahlreichen Amazon-Lieferzentren Beschwerden, dass die nötigen Hygienestandards und Abstandregeln nicht eingehalten werden können. An mindestens 70 Amazon-Standorten in den USA wurden Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet — geschlossen wurde jedoch bisher kein einziges Lieferzentrum.

Gestern wurde bekannt, dass bereits am 31. März ein Manager eines Lieferzentrums in Kalifornien an Covid-19 verstarb. Amazon behauptet, dieser habe sich ausserhalb der Arbeit auf einer Ferienreise angesteckt.

Auf Twitter ging ein Videos eines Amazon-Mitarbeiters viral, der sich vor Reportern beschwerte, dass er nichtessentielle Waren wie Dildos verschicken müsse. In Frankreich hat ein Gericht Amazon bereits dazu verdonnert, nur noch «essentielle» Güter zu verschicken — das Unternehmen hat bereits Berufung angemeldet.



Proteste seit März

Bereits seit Mitte März haben Amazon-Mitarbeiter gegen die Arbeitsbedingungen protestiert. Erst danach führte Amazon erste Massnahmen durch, wie die Ausgabe von Masken oder ein Temperaturcheck bei Schichtbeginn. Doch gleichzeitig ging das Unternehmen auch gegen Mitarbeiter vor, die offenbar zu laut auf die Missstände hinwiesen.

So wurde Ende März Chris Smalls, Mitarbeiter in einem New Yorker Lieferzentrum, entlassen. Der afroamerikanische Aktivist soll laut Amazon Anordnungen zur Quarantäne und Social Distancing missachtet haben. Trotz quasi nicht existenter Arbeitsschutzgesetze in den USA ist es selbst dort illegal, Mitarbeiter alleine wegen gewerkschaftlicher Aktivität zu entlassen.

Chris Smalls (m.) wurde nach diesem Protest vor einem Amazon-Lieferzentrum gefeuert.
Getty Images

Doch wie «Buzzfeed» berichtet, sagen Amazon-Mitarbeiter, dass es quasi unmöglich sei, diese Social-Distancing-Regeln in den Lieferzentren einzuhalten. Bemängelt würden Verletzungen der Abstandsregeln allerdings nur bei Mitarbeitern, die sich über die Bedingungen beschweren oder in der Vergangenheit mit gewerkschaftlichen Aktivitäten aufgefallen waren, um einen Vorwand für den Rauswurf zu erzeugen.

Auch bei Smalls war ziemlich offensichtlich die Einhaltung von Social-Distancing-Regeln nicht die einzige Sorge von Amazon. «Vice» wurden interne Gesprächsnotizen der Amazon-Führung zugespielt. Justitiar David Zapolsky nannte Smalls demnach «weder klug noch redegewandt» («not smart or articulate»).

Der «nicht redegewandt»-Teil gilt in den USA als ein weit verbreitetes rassistisches Stereotyp über Afroamerikaner, über das selbst Joe Biden vor langer Zeit einmal stolperte. Rechtsexperten gehen daher davon aus, dass Smalls gute Chance bei einer Rassendiskriminierungsklage gegen Amazon hätte.

Entlassungen bei Kritik auch im Hauptquartier

Neben Smalls wurde noch weitere Amazon-Mitarbeiter, die sich über die Arbeitsbedingungen beschwert hatten, entlassen. In Minnesota traf es den Gewerkschaftler Bashir Mohamed. Hier war Amazons Begründung, dass sich Mohamed einem Gespräch mit seinem Vorgesetzten verweigert habe.

Am Amazon-Hauptquartier wurden zwei Designer entlassen, die öffentlich ihre Solidarität mit den Mitarbeitern in den Lieferzentren bekannt hatten und Spenden einsammelten. Diese beiden hätten interne Richtlinien missachtet, die es untersagen würden, das Unternehmen in der Öffentlichkeit zu verunglimpfen, so Amazon.

Letztes Jahr gehörten die Beiden zu einer Gruppe von Amazon-Mitarbeitern, die vom Unternehmen mehr Engagement beim Klimaschutz verlangten. Schon seitdem standen sie offensichtlich unter besonderer Beobachtung der Unternehmensführung.

Kommt die Quittung später?

Trotz des Rekordumsatzes in der Krise könnte dieses Verhalten irgendwann auf Amazon zurückfallen. Bereits seit einige Zeit gibt es heftige Diskussionen über die Macht von grossen US-Konzernen wie Amazon und ihre monopolitischen Tendenzen. Vor allem die inzwischen unterlegenen Präsidentsschaftsbewerber Bernie Sanders und Elizabeth Warren hatten sich auf Amazon eingeschossen.

In der aktuellen Krise ist diese Diskussion etwas in den Hintergrund geraten. Dennoch gerät Amazon auch zunehmend wieder unter politischen Druck. Mehrere US-Senatoren forderten etwa in einem Brief Aufklärung über die Umstände der Entlassung von Chris Smalls. In einem Statement gegenüber der «Washington Post» — die sich übrigens auch im Besitz von Bezos befindet — nannte Sanders das Verhalten von Amazon «obszön».

Die Coronavirus-Krise: Eine Chronologie

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