Pascale Bruderer im Interview: Wann kommt das Ende der Behinderungen?

27.8.2018 - 12:09, Pascal Landolt

Ständerätin Pascale Bruderer setzt sich seit Jahrzehnten für die Belange von Menschen mit Behinderungen ein, hier etwa bei den Special Olympics.
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Wie schafft die Schweizer Gesellschaft mehr Inklusion und ermöglicht es jedem Menschen, sein Potenzial auszuschöpfen? Können neue Technologien helfen? Das erklärt Pascale Bruderer am kommenden «Digital Festival».

Neue Technologien verändern die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten. Doch wie gelingt es, Technologie für Menschen zu nutzen, die körperlich oder in ihren Sinnen beeinträchtigt sind? Wie kann die Digitalisierung diese Personen im Alltag unterstützen, damit sie mehr Autonomie erlangen?

Darüber wird Ständerätin Pascale Bruderer am 13. September am Digital Festival diskutieren. Im Interview erklärt sie «Bluewin», wie die Schweiz dafür prädestiniert ist, in dieser Entwicklung eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Bluewin: Frau Bruderer, darf man überhaupt noch von «Behinderten» sprechen?

Pascale Bruderer: Wer von «Behinderten» spricht, reduziert diese Menschen auf eine einzelne Eigenschaft – noch dazu auf eine Einschränkung. Aus diesem Grunde verwende ich den Begriff «Menschen mit Behinderungen». Kommt ein weiterer Gedanke dazu: Welches sind eigentlich die wahren Behinderungen dieser Menschen im Alltag?

Die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer spricht im Bluewin-Interview darüber, wie neue Technologien die Inklusion vorantreiben können. (Symbolbild)
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Wie meinen Sie das?

Aus gesellschaftlicher Sicht stellt sich weniger die Frage, ob ein Mensch «behindert ist». Sondern, ob er wegen einer Behinderung im Alltag zusätzlich «behindert wird». Behindert bei der Teilhabe am öffentlichen Leben zum Beispiel. Oder beim Zugang zu Gebäuden, zu Dienstleistungen, zum ÖV, zum Arbeitsmarkt. Hier werden Menschen mit Behinderungen nach wie vor massgeblich benachteiligt. Das muss sich ändern: Wer von einer Behinderung betroffen ist, soll nicht zusätzlich im Alltag behindert werden.

Was ist Ihr grösstes Anliegen, wofür Sie sich über «Inclusion Handicap» einsetzen?

Für mehr Selbstbestimmung und Inklusion. Denn die erwähnten Benachteiligungen schränken nicht nur die Rechte von Menschen mit Behinderung ein, sondern verursachen auch unnötige volkswirtschaftliche Kosten. Darum setzen wir uns seitens Inclusion Handicap für eine Gesellschaft ein, die Vielfalt als Chance sieht, die das Potenzial jedes Menschen anerkennt und ihm die Chance gibt, dieses auszuschöpfen – statt ihn auf Defizite zu reduzieren.

Den öffentlichen Verkehr für alle zugänglich zu machen, ist ein Gewinn für die ganze Gesellschaft.
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Wo werden Menschen mit Behinderungen momentan noch am meisten Steine in den Weg gelegt?

Leider nach wie vor in fast allen Lebensbereichen, auch wenn erfreulicherweise seit ein, zwei Jahrzehnten deutliche Fortschritte zu verzeichnen sind. Dringenden Handlungsbedarf sehe ich beispielsweise beim Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit.

Wie sähe eine konkrete Massnahme aus, mit der Behinderte besser am öffentlichen Leben teilnehmen können?

Nehmen wir das Beispiel öffentlicher Verkehr, der in der Schweiz noch weit weg von barrierefrei ist. Mobilität ist ein Schlüssel, um den Alltag autonom meistern zu können. Das Behindertengleichstellungsgesetz sowie die UNO-Behindertenrechtskonvention gäben die nötigen Massnahmen eigentlich vor – nun gilt es die Umsetzung voran zu treiben.

Sie sprechen am technologisch orientierten «Digital Festival» über Behinderungen und Inklusion. Wie ist Ihre Einstellung zu Technologie?

Technologien haben das Potenzial, bestehende Gräben in der Gesellschaft zu überwinden – oder aber zu vertiefen. Je nachdem, in welche Richtung die Anwendungen entwickelt, wie sie implementiert und zugänglich gemacht werden. Aktuell fokussiert die Politik in meinen Augen allzu stark darauf, Risiken abzusichern. Dabei hat die Gesellschaft alles Interesse daran, auch die Chancen der digitalen Transformation zu sehen – und aktiv zu nutzen.

Ohne Hilfe wieder gehen: Sogenannte «Exosuits» geben Menschen mit Muskel- Nerven- und Knochenerkrankungen wieder Hoffnung auf Autonomie.
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Gibt es Beispiele, wie Technologie Betroffenen helfen kann, ihre Handicaps zu überwinden?

Unzählige Beispiele – und genau dafür wollen wir am Digital Festival die Augen öffnen. Gerade jetzt, wo sich dank digitaler Entwicklung, Robotik und künstlicher Intelligenz die Möglichkeiten der Rehabilitation sowie der assistiven Hilfstechnologien enorm erweitern.

Auch die ganz alltäglichen Anwendungen sind dank Smartphones vielfältiger denn je: So gibt es für Sehbehinderte Audio-Deskriptionen oder Apps, welche die Umgebung scannen und beschreiben oder angezielte Farben in gesprochene Wörter oder Klänge umwandeln.

Hörbehinderte kommunizieren dank Video-Telefonie viel einfacher auf Distanz als früher, empfangen bestimmte Untertitelungen von Filmen via Handy oder profitieren von integrierten Vibrationsfunktionen. Online-Karten visualisieren Menschen im Rollstuhl, welche Infrastruktur in ihrer Umgebung barrierefrei ist.

Für viele Menschen mit Einschränkungen sind Smartphones heute ein wichtiges Werkzeug geworden und geben ihnen mehr Unabhängigkeit.
Screenshot Apple.com

Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Veranstaltung am Digital Festival?

Als Mitglied des Beratungsgremiums war es mir von Anfang an ein Anliegen, den Fokus auch auf das gesellschaftliche Potenzial der technologischen Entwicklung zu richten. Die Schweiz ist mit ihrer Innovationskraft prädestiniert, um bei diesen Themen eine Vorreiter-Rolle einzunehmen.

Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung von Geräten und Anwendungen, sondern auch um deren Marktzugang, um öffentliche Rückvergütungssysteme und um die Zugänglichkeit für die betroffenen Bevölkerungskreise. Darum braucht es mehr Nähe zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, diesen Dialog wollen wir anstossen.

So kommen Sie ans Digital Festival

Sie wollen mehr zu diesem spannenden Thema hören und sich mit Experten darüber austauschen? Bald haben Sie dazu Gelegenheit. Denn die Sprachsteuerung wird eines der vielen Themen des Digital Festivals 2018 sein, das vom 13. bis zum 16. September in Zürich stattfinden wird.

Pascale Bruderer wird an der Session vom Donnerstag Vormittag sprechen. Swisscom unterstützt das Digital Festival – Tickets für alle Labs, Sessions und Keynotes gibt es hier auf der offiziellen Seite: http://digitalfestival.ch/tickets.

Über Pascale Bruderer

Pascale Bruderer ist Aargauer Ständerätin (SP) und Präsidentin des Behindertendachverbands Inclusion Handicap. Dieser ist die vereinte Stimme der 1,8 Millionen Menschen mit Behinderungen in der Schweiz. Er setzt sich für Inklusion und den Schutz der Rechte und Würde aller Menschen mit Behinderungen ein.

Aufgewachsen ist Bruderer mit gehörlosen Verwandten; sie setzt sich seit dem Beginn ihrer parlamentarischen Tätigkeit vor 20 Jahren für die Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung ein. Die ehemalige Nationalratspräsidentin gehört zu den profiliertesten Sozial- und GesundheitspolitikerInnen der Schweiz und ist zudem Mitgründerin der sozialliberalen Reform-Plattform und Mitglied im Beratungsgremium des Digital Festivals.

Ständerätin Pascale Bruderer engagiert sich seit 20 Jahren politisch.
zvg
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