«Rezepte ohne Bilder sind suspekt» – wann Kochbücher sich lohnen 

Sulamith Ehrensperger

18.10.2019 - 14:55

Der Hunger nach Rezepten zwischen Buchdeckeln ist nicht gestillt: Kochbücher sind auch zu Zeiten von Kochapps und Internetrezepten sehr gefragt.
Bild: iStock

Klappt es in der Küche nicht, liegt das nicht immer am Koch. Manche Rezepte können nicht funktionieren, sagt Sensoriker Patrick Zbinden. Und was ist mit den Tipps für die Zubereitung von Fleisch überfahrener Tiere?

Herr Zbinden, wie viele Kochbücher haben Sie?

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Es müssten über 4'000 Bücher sein.

Welches ist das Exotischste Ihrer Sammlung?

Ganz speziell ist das ‹Road Kill Cookbook›, das Tipps und Rezepte für die Zubereitung von Fleisch überfahrener Tiere gibt. Oder das ‹Haste Mopped, kannste kochen› – also Kochen am Motorrad. Es lehrt, wie viele Kilometer zu fahren sind, bis der Hummer oder das Steak gar ist.

Sie sind Töfffahrer: Haben Sie es ausprobiert?

Bisher habe ich meine Vespa noch nicht zum Kochen gebraucht. Ehrlich, es gibt nichts, was es nicht gibt: pornografische Kochbücher, Koch-Comics oder solche mit exotischen Zutaten wie Erde, Kaktus oder Sperma.

Patrick Zbinden ist Lebensmittel-Sensoriker und publiziert als freischaffender Food-Journalist in Kulinarikmagazinen. Mit seinem Buch «928 clevere Küchentipps» landete er einen Bestseller.
Bild: Peter Würmli

Die meisten Kochbücher werden ja auch nicht in der Küche gelesen: Einer amerikanischen Studie zufolge werden sie zu 80 Prozent im Bett angeschaut.

Das mag daran liegen, dass diese eine Traumwelt zwischen Buchdeckeln präsentieren. Die meisten sind fast schon Bilderbücher mit Fotos, Geschichten oder Porträts. Schöne Kochbücher sind ein sinnliches Erlebnis – wie Sexualität auch. Deshalb lesen sie die Leute vielleicht auch im Bett. Wobei: Manche Bücher sind solche ‹Schunken›, dass sie einem im Liegen beinahe erschlagen könnten.

Der Hunger nach Rezepten zwischen Buchdeckeln ist offenbar noch immer nicht gestillt. Warum sind Kochbücher in Zeiten von Internet und App noch immer gefragt?

Ich denke, es sind vor allem Fernsehstars, die dazu beigetragen haben, dass Kochen populärer geworden ist. Im Gegensatz zur App können Sie ein Buch in die Hände nehmen, ganz klassisch darin blättern. Wir haben heute zwar supermoderne Geräte in der Küche, dennoch bleibt Kochen klassisch: Sie brauchen noch immer Ihre Hände dazu.

Egal, wie viele Kochbücher bereits im Regal stehen, auf dem Teller landen wenige Rezepte: Die Leser kochen im Schnitt nur ein oder zwei Gerichte nach.

Das kann ich mir gut vorstellen, denn Kochbücher sind auch ein Statussymbol. Wer Werke bekannter Köche im Büchergestell hat, kann seine Gäste beeindrucken. Doch trauen sich viele schlicht nicht, ein neues Rezept auszuprobieren.

Ein gutes Kochbuch zu lesen, entspannt. Vielleicht deswegen werden sie zu 80 Prozent im Bett angeschaut.
Bild: Roman Kraft, Unsplash

Schlechte Kochbücher bringen Sie in Rage. Warum?

Viele Kochbücher sind aus dem Amerikanischen übersetzt worden – und viele davon schlecht. Auch die Masseinheiten sind anders: Es steht dann 135 Gramm oder Dreiviertel Teelöffel von Etwas, was das Kochen mühsam macht. Suspekt sind auch Bücher, die kein Bild zum Rezept präsentieren. Denn spätestens, wenn es der Fotograf fürs Foto nachkochen muss, merkt man, ob ein Rezept funktioniert – oder eben nicht.

Mich persönlich schrecken Rezepte ab, die 15 oder mehr Zutaten angeben. Sind viele Kochbücher schlicht zu kompliziert?

Ja, das ist so. Vor allem wer asiatisch, afrikanisch oder persisch kochen will, braucht in der Regel Zutaten, die man nicht einfach so in der Küche hat. Das ist auch aus der Sicht von Foodwaste ein Problem. Sie brauchen einen Viertelbund Koriander – und der Rest vertrocknet. Gute Kochbücher geben Tipps, was man mit den Resten anfangen kann. Ebenfalls ein Thema ist Saisonalität: Muss es wirklich Kürbis mit Erdbeeren sein, nur weil es schön aussieht? Es gibt sicherlich eine saisonale Alternative, die nachhaltiger ist.



Als Mutter mag ich einfache Blitzrezepte. Was taugen Kochbücher, die ein gesundes Essen in fünf Minuten versprechen?

Also 20 bis 30 Minuten sind realistischer, damit Ihr Essen gar ist und auch schmeckt. Gewisse Gerichte brauchen einfach länger, damit komplexe Aromen entstehen – etwa Fleisch schmoren oder ein Tomatensugo.

Ihre Tipps: Wann lohnt es sich, ein Kochbuch zu kaufen?

Wenn Sie eine neue Ernährungsweise ausprobieren möchten – etwa weniger tierisches Eiweiss. Vielleicht muss es nicht ein vegetarisches Werk sein, sondern eines über Hülsenfrüchte. Ein monothematisches Buch, das zeigt, wie kreativ Sie Linsen und Kichererbsen zubereiten können. Auch zeitlose Standardwerke sind eine Anschaffung wert – gute Grundlagenbücher, diejenigen bekannter Köche oder auch Länderküchen. Denn nur ein gutes Kochbuch lässt Sie für einen Moment in eine unbekannte Welt eintauchen.

Noch mehr Tipps und Foodtrends erfahren Sie auf der Website von Patrick Zbinden.

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