Dreifach-Vergleich

Ein neuer Golf kommt selten allein – die Töchter ziehen nach

dpa/gbi

19.4.2020

Weil fast alle VW-Töchter denselben Baukasten nutzen, gibt es jetzt einen grossen Modellwechsel in der Kompaktklasse. Wie ähnlich sind sich Audi A3, Seat Leon und Skoda Octavia?

VW bringt viel Bewegung in die Kompaktklasse. Denn kaum hat der Mutterkonzern den neuen Golf lanciert, schicken die Töchter in diesem Frühjahr ebenfalls die Neuauflagen ihrer Schwestermodelle ins Rennen.

Alle sind aus dem sogenannten Modularen Querbaukasten (MQB) konstruiert, nutzen damit die gleiche Plattform und ganz ähnliche Technik. Doch gehen Audi, Seat und Skoda bei Form, Format und vor allem beim Charakter sehr eigene Wege. Der neue Audi A3 Sportback, der für Preise ab 28'000 Franken startet, will vor allem vornehm sein und orientiert sich am BMW 1er und der Mercedes A-Klasse.



Der mindestens 21'000 Franken teure Seat Leon gibt den feurigen Verführer, der nicht nur transportieren, sondern buchstäblich bewegen will. Und der Octavia, der als Kombi startet und mindestens 29'000 Franken kostet, will wieder mit viel Platz und noch mehr pfiffigen Ideen punkten.

Ein praller Baukasten für alle

Basis aller drei Modelle ist ein Baukasten, der prall gefüllt ist mit den neuesten Technologien für Antrieb, Assistenz und Unterhaltung. So rühmen sich alle Golf-Ableger mit den aktuell saubersten Dieselmotoren, weil sie auf einen neuen Stickoxid-Katalysator mit doppelter AdBlue-Einspritzung setzen.

Die Benziner werden schrittweise elektrifiziert und wandeln sich dank neuem Starter-Generator und 48 Volt-Netz zu Mildhybriden, die beim Beschleunigen einen elektrischen Boost bekommen und beim Bremsen mehr Energie zurückgewinnen können. Für die nächste Etappe der Elektrifizierung gibt es in allen Modellen mehrere Plug-in-Hybride. Und wer mit konventioneller Technik seinen CO2-Fussabdruck reduzieren will, bekommt jedes dieser MQB-Fahrzeuge auch mit Erdgas-Antrieb.

Vernetztes Fahren und ein Autopilot

Bei den Assistenzsystemen steht die neue Kompakt-Generation vor allem für einen erweiterten Autopiloten, der dem Fahrer jetzt bis zu Geschwindigkeiten von 210 km/h so viel Arbeit abnimmt, wie es der Gesetzgeber erlaubt. Während man die Hände nur noch pro forma am Steuer hat, bremst und beschleunigt er allein, hält im Stau automatisch an und fährt danach von selbst wieder los, hält die Spur und den Abstand und braucht sogar zum Überholen nur noch den Blinker als Kommando.



Ausserdem gibt es einen erweiterten Toter-Winkel-Assistenten, der beim Öffnen der Türen etwa vor passierenden Velofahrern warnt, und intelligente LED-Scheinwerfer auf breiter Flur. Erstmals besteht auch eine Vernetzung mit anderen Autos: Über eine automatische Datenverbindung machen sich die MQB-Modelle die Sensoren anderer Fahrzeuge mit entsprechender Technik zunutze und können so vor drohenden Gefahren ausserhalb des eigenen Sichtbereichs warnen.

Am augenscheinlichsten sind die Fortschritte bei Anzeige und Bedienung: Zwar machen die einzelnen Marken dort auch ein paar deutliche Unterschiede, doch allen Geschwistern gemein sind animierte Anzeigen, ein grosser Touchscreen in der Mittelkonsole, eine Online-Navigation und der Kampf gegen allzu viele Knöpfe. Mal mehr und mal weniger gründlich ersetzen die VW-Marken Taster und Schalter zusehends durch berührungsempfindliche Felder, sogenannte Slider, über die man mit den Fingerkuppen streicht, Näherungssensoren oder Sprachsteuerung.

Der A3 wird vom Streber zum Sportler

Zwar sind die Komponenten alle identisch, doch haben die einzelnen VW-Marken daraus ganz unterschiedliche Fahrzeuge konstruiert. Den grössten Sprung macht dabei der Audi A3, der vom zurückhaltenden Musterknaben zum vornehmen Sportler wird. Denn obwohl er in Länge und Breite nur um jeweils drei Zentimeter wächst und der Radstand sogar gleich bleibt, sieht er mit stark eingezogenen Flanken sehr viel dynamischer aus. Und damit man ihn auch bei schlechter Sicht auf Anhieb erkennt, gibt es erstmals ein digitales Tagfahrlicht mit individuellen Signaturen für jede Ausstattung.

Obwohl sportlicher gezeichnet denn je, fährt sich der nun 4,34 Meter lange A3 ausgesprochen komfortabel, leise und souverän. Erst recht, wenn man ihn mit adaptiven Dämpfern bestellt. Dazu passt auch das vornehme Interieur, das im Familienvergleich die hochwertigsten Materialien und die gründlichste Verarbeitung zeigt und damit auch den höchsten Preis rechtfertigt. Solange man nicht im Fond sitzt und die Knie anziehen muss, fehlt da nicht mehr viel zum A4.

Losgeht es bei den Bayern mit dem Sportback genannten Fünftürer, den es anfangs mit einem 1,5-Liter-TFSI mit 110 kW/150 PS sowie einem 2.0 TDI gibt, der 85 kW/116 PS oder 110 kW/150 PS leistet. Später folgen neben weiteren Motorvarianten auch die Modelle mit Allradantrieb und ein Stufenheck. Dreitürer und Cabrio dagegen sind gestrichen.

Der Seat will zum mediterranen Verführer werden

Während der Audi eher dezent auftritt, gibt der Seat den mediterranen Verführer. Er hat das leidenschaftlichste Design in der Familie und das einnehmendste Interieur. Selbst wenn man nicht im sportlichsten Modell unterwegs ist, stellt man die Lehne wie von selbst etwas steiler, greift fester ins Lenkrad und fährt beherzt um die Kurven.



Treibende Kraft sind dabei zunächst Drei- und Vierzylinder für Diesel und Benzin, die ein Spektrum von 66 kW/90 PS bis 150 kW/204 PS abdecken. Später gibt es mehr Auswahl – bis hin zum Sportmodell des Werkstuners Cupra, der im besten Fall 228 kW/310 PS in Aussicht stellt.

Aber Seat weiss, dass Lust und Leidenschaft allein für eine lange Liebe nicht reichen. Deshalb schaffen die Spanier ausserdem spürbar mehr Platz. Mit einer um neun Zentimeter gewachsenen Länge von 4,37 Metern und einem um fünf Zentimeter gestreckten Radstand passen nun auch Kinder auf die Rückbank, die längst aus dem Kindergartenalter raus sind. Nur der Kofferraum fasst unverändert 380 Liter. Wem das nicht genügt, der bekommt den Leon auch als Kombimodell «ST» mit dann 620 statt bislang 590 Litern Stauraum.

Der Skoda ist der Riese in der Familie

War schon der aktuelle Octavia der grösste in der Familie, legt die vierte Generation noch einmal zu und streckt sich in Radstand und Länge um weitere drei Zentimeter. Damit sind die Tschechen mit 2,69 und 4,69 Metern ganz vorn, und in keiner anderen MQB-Neuheit sitzt man hinten so bequem wie bei ihnen.

Aber Platz ist nur ein Argument für den Skoda. Mindestens genauso wichtig sind die vielen Petitessen aus der Rubrik «Simply Clever», mit denen sich Skoda seit Jahren von der Konkurrenz abhebt. Und auch wenn es mittlerweile bald zwei Dutzend solcher Details gibt, fällt den Tschechen immer wieder etwas Neues ein – diesmal zum Beispiel spezielle Taschen für Smartphones und Tablets in den Rücklehnen der Vordersitze, ein AdBlue-Tank für die Dieselmodelle, in den auch die Zapfpistolen für LKW passen, und ein Schneebesen, der in der Vordertür verschwindet.



Zwar gibt sich der Octavia in den Top-Versionen überraschend luxuriös, und das neue Zweispeichenlenkrad zeugt von Detailsinn, doch Lust und Leidenschaft wollen beim Fahren weniger aufkommen: Zumindest diesseits der RS-Modelle geht es im Octavia nur darum, möglichst bequem und unaufgeregt anzukommen.

Auch Skoda zelebriert den Modellwechsel übrigens in Etappen. Das gilt für die Motoren, bei denen es mit einem 1,5 Liter grossen Benziner mit 110 kW/150 PS sowie einem 2,0-Liter-Diesel mit 85 kW/115 PS oder 110 kW/150 PS losgeht. Später sollen der zum Plug-in-Hybriden aufgestiegene Sportler RS und viele weitere Leistungsstufen folgen. Und das gilt für die Karosserievarianten: Kurz nach dem Kombi wird es auch wieder eine Limousine geben und schliesslich den Abenteuer-Kombi Scout.

Fazit: Es muss nicht immer Golf sein

Edel, verführerisch oder praktisch: Aus dem gemeinsamen Baukasten haben die VW-Töchter Audi, Seat und Skoda drei sehr unterschiedliche Autos gebaut. Überzeugend sind sie alle, weil sie sparsame und saubere Motoren nutzen, schlaue Assistenten haben und bei der Digitalisierung einen grossen Sprung machen.

Dazu bietet jeder für sich noch ganz eigene Qualitäten: viel Finesse beim Audi A3, viel Leidenschaft beim Seat Leon und viel Platz beim Skoda Octavia. Aber so unterschiedlich sie auch sind, die gemeinsame Botschaft ist unmissverständlich: Es muss nicht immer Golf sein.

Galerie: Im offenen Jeep durch die Urner Bergwelt

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