Das Coronavirus geht auch an die Nieren

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15.5.2020 - 16:46

COVID-19 kann nicht nur die Lunge schädigen.
Bild: Getty Images

Die Lunge ist nicht das einzige Organ, das Medizinern bei einem schweren COVID-19-Verlauf Sorgen bereitet: Studien zeigen, wie sich das SARS-CoV-2-Virus auf eines unserer wichtigsten Filtersysteme auswirken kann.

Wissenschaftler beobachten bereits seit mehreren Wochen, dass COVID-19 nicht nur die Lunge beeinflusst. In verschiedenen medizinischen Publikationen, die unter anderem in renommierten Fachmagazinen wie «The Lancet» oder dem «New England Journal of Medicine» veröffentlicht wurden, beschreiben Mediziner die akuten Beeinträchtigungen von Gehirn, Herz, Blutgefässen und der Blutgerinnungssysteme.

Dass auch die Niere in ihrer Funktion bis hin zum akuten Nierenversagen betroffen sein kann, legten bereits verschiedene Studien aus China nahe. Eine im Fachmagazin für Nephrologie «Kindney International» veröffentlichte Übersicht aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zeigt, welche Auswirkungen eine Krankheit wie COVID-19 haben kann.

Die bisher grösste Studie zu diesem Thema wurde von einem wissenschaftlichen Team des Northwell Health durchgeführt, dem grössten Gesundheitsdienstleister im Bundesstaat New York (USA). «Bei 33,6 Prozent von 5449 hospitalisierten Patienten kam es zu einem akuten Nierenversagen», berichtete Dr. Kenar Jhaveri, einer der Co-Autoren der Studie, gegenüber dem Nachrichtendienst Reuters.

Ein Drittel erleidet Nierenversagen

Eine übermässige Ansammlung von Flüssigkeit in der Lunge wird bei zahlreichen COVID-19-Patienten mit Lungenentzündung festgestellt. Therapiert werden die Patienten mit Medikamenten, die nicht nur der Lunge, sondern dem ganzen Körper Flüssigkeit entziehen, wodurch die Nieren weniger gut durchblutet werden.



Dieser Mangelzustand bedingt, dass die Nieren ihrer Filterfunktion nicht mehr in ausreichendem Masse nachkommen können, und das hat – im ungünstigsten Fall – ein akutes Nierenversagen zufolge.

Für ihre Studie sichteten Jhaveri und seine Kolleginnen und Kollegen die medizinischen Unterlagen aller zwischen dem 1. März und dem 5. April ins Spital eingelieferten Patienten. Dabei zeigte sich, dass die Nierenprobleme bei den analysierten Personen frühzeitig auftraten: Rund ein Drittel (37,3 Prozent) kamen bereits mit einem Nierenversagen ins Spital, oder sie erlitten ein solches innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Aufnahme.

Virus in den Nieren nachweisbar

Jhaveri beschreibt, dass das Nierenversagen vielfach dann eingetreten sei, als sich der Zustand der Patienten derart verschlechtert habe, dass sie hätten beatmet werden müssen. Von den mehr als 1'000 beatmungspflichtigen Patienten entwickelten etwa 90 Prozent ein akutes Nierenversagen.

Dass aber auch das Virus selbst in den Nieren zu finden ist und dort Schaden anrichten könnte, legt eine am Donnerstag im «New England Journal of Medicine» veröffentlichte Studie nahe. Ein interdisziplinäres Team von Forschenden der Bereiche Nephrologie (Nierenexperten), Mikrobiologie und Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg analysierte dafür Autopsie-Ergebnisse von 27 Personen, die an einer COVID-19-Erkrankung gestorben waren.



Die Wissenschaftler konnten das SARS-CoV-2-Virus in Rachen, Herz, Leber, Gehirn und den Nieren nachweisen. Für Prof. Dr. Tobias B. Huber, Direktor der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik, ist dies eine wahrscheinliche Erklärung für die Auffälligkeiten im Urin vieler Betroffener sowie für die extrem hohe Rate von COVID-19-Erkrankungen, die mit einem akuten Nierenversagen einhergehen.

Ob Veränderungen im Urin der Patienten zukünftig Anhaltspunkte für einen möglichen schweren Krankheitsverlauf liefern könnten, müssen weitere Studien zeigen. Urinkontrollen werden bei einer COVID-19-Infektion als Routine-Laboruntersuchung bereits zu Beginn der Erkrankung empfohlen.

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