«Niemand hat sich getraut, was zu sagen»

Von Oliver Kohlmaier

6.12.2021

Der «herabschauende Hund» ist eine bekannte Asana – so heissen im Yoga die Dehnungs- und Kräftigungsübungen.
Hilft Yoga dabei, trotz Corona Entspannung zu finden? Nicht unbedingt. (Symbolbild)
Bild: Keystone/dpa-tmn/Zacharie Scheurer

Die Corona-Pandemie hat unser Sozialverhalten drastisch verändert. Vermeintlich alltägliche Zusammenkünfte sorgen für Unsicherheit, Frust oder gar Konflikte. Wie verhalte ich mich richtig?

Von Oliver Kohlmaier

6.12.2021

Es ist Dienstagabend in einem kleinen Yoga-Studio in Zürich. Nach der Stunde stehen die Teilnehmer*innen zum Small Talk beisammen. Schliesslich erwähnt eine Person eher beiläufig, sie sei nicht geimpft. Betretenes Schweigen – ein Gefühl der Unsicherheit liegt in der Luft. «Niemand hat sich getraut, was zu sagen», sagt eine Teilnehmerin hinterher.

So oder so ähnlich spielen sich in der Schweiz täglich Hunderte Begegnungen ab. Die Corona-Pandemie hat eine ganz neue Dimension von etwas geschaffen, für das die Angelsachsen das wunderbare Wort Awkwardness (dt. etwa: Unbehaglichkeit) hervorgebracht haben.

Stillhalten oder etwas sagen?

Für die meisten Menschen ist etwa das Maskentragen oder auch die Impfung allein schon aus Gründen der allgemeinen Rücksichtnahme selbstverständlich. Jedoch kommt es allzu oft zu Begegnungen mit Personen, die – aus Fahrlässigkeit oder Überzeugung – eben keine Rücksicht nehmen oder gar die Regeln missachten.

Ob nach mehreren regelmässigen Treffen einer Gruppe herauskommt, dass eine Person umgeimpft ist oder Fahrgäste demonstrativ ohne Maske in den Zug steigen: Situationen wie diese sorgen tagtäglich für Unsicherheit, Ärger und Frust.

«Bist du geimpft?»

Das Gefühl der Unsicherheit zumindest ist seit der Corona-Pandemie ein wohl bekanntes. Das hat sich auch mit Beginn der Impfungen nicht geändert. Schliesslich kann man nicht bei jeder Begegnung zunächst nach dem Impfstatus fragen.

Denn die nur scheinbar harmlose Nachfrage birgt Zündstoff: «Das Thema Impfen gehört in den Bereich der heiklen Orthodoxie. Man muss mit Glaubenskriegen rechnen,» erklärt der Liebefelder Paartherapeut Klaus Heer im Gespräch mit blue News.



Mit der Frage «Bist du schon geboostert?» verhalte es sich dabei ähnlich wie einst mit der Frage «Glaubst du an Himmel und Hölle?» Sie sei, so Heer, «eine intime Frage aus der persönlichen religiösen Sphäre». 

Schweigen häufig das Mittel der Wahl

Stillhalten oder etwas sagen? Bleiben oder gehen? Fast jeder hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie in bestimmten Momenten diese oder ähnliche Fragen gestellt.

Sie beschreiben einen Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Wunsch nach möglichst konfliktfreien Interaktionen. Nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie sitzt der Frust tief. Wer will nach dieser Zeit noch das immer Gleiche diskutieren?

Wie im Zürcher Yoga-Studio ist Schweigen daher häufig das Mittel der Wahl. Nicht zuletzt, weil es in vielen Fällen möglich ist, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren, etwa durch konsequentes Abstandhalten.



Mitunter jedoch kann es nötig werden, auf Rücksichtnahme zu bestehen — und damit womöglich auch einen Konflikt zu riskieren. Bei der Familienfeier zum 90. Geburtstag der immungeschwächten Grossmutter etwa kann es fatale Folgen haben, den ungeimpften und maskenlosen Onkel gewähren zu lassen, nur um ein Zerwürfnis zu vermeiden.

Klar und frühzeitig kommunizieren

Allerdings sind nicht alle Maskenlosen und Ungeimpften gleich radikale Corona-Leugner. Gelegentlich hat es jemand einfach versäumt, eine Maske aufzusetzen. Wie lässt sich also das Bedürfnis nach Sicherheit ausdrücken und einfordern, ohne dass sich das Gegenüber gemassregelt oder bevormundet fühlt?

Commuters wear face masks to curb the spread of COVID-19 as they get on a public train in Zurich on Tuesday, November 30, 2021. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Im öffentlichen Raum kommt es immer wieder zu «unbehaglichen» Situationen — etwa wenn Fahrgäste den Zug ohne Maske betreten. (Symbolbild)
Bild: Keystone/Michael Buholzer

Hier kann es hilfreich sein, die Bitte durch eine Ich-Botschaft vorzubringen, schlägt Stil- und Knigge-Expertin Simone C. Styger im Gespräch mit blue News vor. Also in etwa so: ‹Wäre es Ihnen möglich, die Maske korrekt aufzusetzen? Ich fühle mich einfach unsicher und fürchte eine mögliche Ansteckung.›

Ob sich die Gesprächspartner*innen gemassregelt fühlen, wisse man ohnehin nicht: «Ich weiss nie, in welchem Gemütszustand sich mein Gegenüber gerade befindet. (...) Ich muss mich also entscheiden zwischen meinem Wohlbefinden und den möglichen Gefühlen des anderen.»

Einfacher ist die Sache hingegen im nicht-öffentlichen Raum, also etwa wenn eine Reparatur in den eigenen vier Wänden und der Besuch mehrerer Handwerker*innen ansteht. Hier sei es ratsam, frühzeitig zu kommunizieren, sagt Styger: «Wenn Sie sich unsicher fühlen in Anwesenheit von ungeimpften Personen, dann dürfen Sie bereits bei Auftragsvergabe ankünden, dass Sie nur geimpfte Personen in Ihr Haus lassen. So gibt es keine bösen Überraschungen und es ist für beide Seiten hilfreich.»

Darf der Onkel kommen?

Im öffentlichen Raum oder mit flüchtigen Bekanntschaften lassen sich unsichere Situationen durch höfliche, aber bestimmte Bitten durchaus lösen. 

Wie verhält es sich aber, wenn sich eine Diskussion oder gar ein Konflikt nicht vermeiden lässt und es einen klaren Standpunkt braucht? Gerade im Familienumfeld ist das Konfliktpotenzial gewaltig. Um die fiktive Situation mit dem Geburtstag der Grossmutter aufzugreifen: Schweigen oder auch Aus-dem-Weg-gehen hilft hier nicht weiter. Oder, wie Klaus Heer erklärt: «Man wird nicht um explizite und mutige Verständnisversuche herumkommen.» 



Hier müsse in erster Linie die Jubilarin gefragt werden. Möchte diese den nacktgesichtigen Onkel dennoch sehen, könnten die Gastgeber einen kreativen Kompromiss anstreben.

Der Onkel könnte also genügend Abstand halten und nur kurz bleiben: «Manch ein Dilemma sieht nämlich auf Anhieb unlösbar aus, lässt sich aber für alle Beteiligten entschärfen, indem man verhandelt und einander entgegenkommt.»