Bötschi fragt

Anna Rosenwasser: «Als ich noch mit Männern zusammen war, hatte ich nie dieses Gefühl»

Von Bruno Bötschi

5.2.2022

Anna Rosenwasser: «Wut verändert die Welt»

Anna Rosenwasser: «Wut verändert die Welt»

Sie mag es nicht, wenn Widerstand als aggressiv disqualifiziert wird. «Wut ist wichtig», sagt die queere Aktivistin Anna Rosenwasser. «Viele Veränderungen auf der Welt sind passiert, weil sehr viele Leute zusammen hässig waren.»

21.01.2022

Anna Rosenwasser redet gern und viel, manchmal aber hat sie das Gefühl, zu viel von sich zu erzählen. Die queere Aktivistin über die Anziehung des eigenen Geschlechts, die Kraft prominenter Mitstreiter*innen – und einer Tasse Tee.

Von Bruno Bötschi

5.2.2022

Café Jenseits in Zürich, kurz vor elf Uhr morgens: Ich warte auf Anna Rosenwasser. Es brauchte einige Anläufe, bis dieses Treffen stattfinden konnte. Anna Rosenwasser ist LGBTIQA+-Aktivistin, Journalistin, Feministin und Influencerin.

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die 32-Jährige in der Schweizer Medienlandschaft omnipräsent; was unter anderem auch mit der «Ehe für alle»-Vorlage zu tun hat, der die Schweizer*innen im vergangenen Herbst zustimmten.

Rosenwassers Kampf gegen Homophobie, Sexismus und Diskriminierung ist laut, fordernd und manchmal auch hässig. So wurde sie zum Gesicht der queeren Community in der Schweiz.

Das alles braucht Zeit, viel Zeit sogar. Doch Anna Rosenwasser hat einen Traum. Sie will, dass die Diskriminierung von queeren Menschen in der Schweiz der Vergangenheit angehört. Egal, wie viel Zeit und wie viel Wut dieser Kampf in Anspruch nehmen wird.

Anna Rosenwasser, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle dir in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen – und du antwortest möglichst schnell und spontan. Passt dir eine Frage nicht, sagst du einfach «weiter». – Vorlaut oder charmant?

Idealerweise beides.

Konstruktiv oder aggressiv?

Auch beides. Ich mag es nicht, wenn Widerstand als aggressiv disqualifiziert ist. Wut ist manchmal nötig, damit es vorwärtsgeht.

Pink oder Hellblau?

Beides.

Welche Personalpronomen verwendest du für dich?

Sie. Und du?

Er. Macht der Genderstern oder der -doppelpunkt die Welt gerechter?

Ja. Sprache ist Macht.

Auf deinem Instagram-Account steht der Satz: «Halb so jüdisch, wie sie heisst. Doppelt so gay, wie sie aussieht.» Kurz und knapp: Was sollten die Menschen sonst noch über Anna Rosenwasser unbedingt wissen?

Ich trinke gern Tee.

Welchen Tee magst du besonders?

Zum Autor: Bruno Bötschi
Bild: zVg

blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.

Kräuter- und Grüntee. Und im Café Jenseit in Zürich, wo wir uns heute treffen, mag ich besonders den Karawanentee, ein geräucherter Schwarztee.

Was bedeutet es in der Schweiz als Mensch, nicht heterosexuell zu sein?

Wir bekommen es immer wieder zu spüren, nicht der Norm zu entsprechen. Aber obwohl die Gesellschaft hierzulande dafür sorgt, dass das Leben eines nicht-heterosexuellen Menschen oft umständlicher ist, hat man gleichzeitig Zugang zu einer tollen Gemeinschaft.

Wie hast du deine Schulzeit erlebt?

Die Schule war nie ein Ort, an dem ich gut lernen konnte. Während dem Gymi war ich deshalb ständig damit beschäftigt, auszurechnen, ob mein Notenschnitt ausreicht. Abgesehen davon erlebte ich eine schöne Schulzeit.

Du warst damals noch heterosexuell unterwegs.

Während der Gymi-Zeit entsprach ich den sogenannten Normen total super. Ich verliebte mich mit 17 in einen Mann, der ebenfalls den Normen super entsprach. Während der Schulzeit machten mir Geschlechternormen mein Leben nicht unnötig schwer. Im Gegenteil: Ich profitierte von ihnen.

Was würdest du deinem früheren Ich gern mit auf den Weg geben?

Ich würde meinem früheren Ich die Idee mitgeben, dass es auf mehrere Geschlechter steht. Es wäre schön und spannend gewesen, schon früher Frauen gedatet zu haben.

Wird das Thema «Queer» in den Schweizer Schulen genug gefördert?

Überhaupt nicht. Momentan hängt es allein von den Lehrpersonen innerhalb einer Schule ab, wie präsent das Thema ist.

Was würdest du dir von Lehrpersonen wünschen?

Dass sie sich über queere Schulprojekte informieren. Es gibt ganz tolle Angebote.

Wie viel Mut brauchtest du, als du dein Coming-out hattest?

Ich habe das Glück, in meinem Umfeld Menschen zu haben, die schön darauf reagiert haben. Das Gute dabei: Ich wusste das schon vorher.

Hast du dich jemals dafür geschämt, bisexuell zu sein?

Ja. Obwohl ich ja jetzt als Aktivistin von Berufs wegen bisexuell bin (lacht), fühlt es sich auch heute noch hin und wieder so an, als würde ich oversharen, also unnötig viel private Details aus meinem Leben preisgeben. Dabei erzähle ich zum Beispiel nur, dass ich mit meiner Freundin einen Ausflug in ein Katzenheim gemacht habe. Als ich noch mit Männern zusammen war, hatte ich nie das Gefühl, ich würde zu viel erzählen.



Was gibst du Menschen mit auf den Weg, die ihr Coming-out noch vor sich haben?

Oute dich zuerst bei einer Person, bei der du weisst, dass sie positiv darauf reagieren wird. Und erwähne unbedingt auch einmal, dass dich deine Identität glücklich macht.

Was ist deiner Meinung nach die perfekte Reaktion, wenn sich ein Mensch outet?

Danke sagen für das Vertrauen.

Warum sollten sich die Menschen mehr mit Homosexualität auseinandersetzen?

Es ist etwas wahnsinnig Bereicherndes, sich mit dem Thema «Anziehung» auseinandersetzen – unabhängig davon, wie man selber empfindet.

«Ich würde meinem früheren Ich die Idee mitgeben, dass es auf mehrere Geschlechter steht»: Anna Rosenwasser.
Bild: Brandertainment

LGBTIQA+ lautet im Moment der politisch korrekte Oberbegriff der queeren Szene. Arg kompliziert, nicht?

Denke ich daran, was ich alles im Mathe-Unterricht lernen musste, finde ich den Begriff gar nicht so kompliziert. Ich selber verwende häufig den Begriff «queer» und bin immer offen für sprachliche Ideen, also wie man etwas benennen kann.

Als Aktivistin setzt du dich seit Jahren für die Rechte der queeren Community ein. Wieso ist dir dieser Kampf wichtig?

Er ist mir wichtig, weil queere Rechte Menschenrechte sind. Ich führe diesen Kampf jedoch auch, weil es nicht nur ein anspruchsvolles Thema ist, sondern auch ein total schönes. Die queere Community ist die schönste Community, die ich mir wünschen könnte. Ich werde deshalb noch viele Jahre meine Energie dafür einsetzen.

Du wolltest dich, zumindest war das so in den Medien zu lesen, in der Öffentlichkeit gar nie so stark exponieren. Wieso tust es trotzdem?

So geplant hatte ich es nicht, das stimmt. Und ich tue es, weil diese Form mir am ehesten entspricht.

Demnach bist du gern laut und bunt?

Ich bin gern im Mittelpunkt und geniesse die Aufmerksamkeit.

Welche politische Botschaft haben pink oder hellblau gefärbte Haare?

(Lacht laut) Ausdrucksfreiheit.

Der Kampf als Aktivistin ist kräftezerrend und macht müde.

Darum ist es wichtig, sich innerhalb eines selbstlosen Einsatzes nicht selber auszubeuten. Ich muss zuerst auf mich schauen, damit ich mich für andere einsetzen kann. Das ist auch ein feministisches Anliegen.



Mit welcher Forderung hast du deine fast 24'000 Follower*innen auf Instagram bisher am meisten erschreckt?

Am meisten erschreckt hat meine Aussage, dass mein Zielpublikum Frauen und queere Menschen sind und nicht heterosexuelle cis Männer. Dieser Post machte bisher am meisten Menschen hässig. Es ist auch der einzige Post von mir, der von Instagram geflaggt worden ist.

Warum wurde der Post geflaggt?

Es hiess, er sei diskriminierend. Dabei zeigt der Vorgang vielmehr, wie falsch manche Menschen den Begriff «Diskriminierung» verstehen.

Bei welchem Thema hast du zuletzt deine Meinung fundamental geändert?

Ich hielt die Armee einst für eine gute Sache. Heute setze ich mich für deren Abschaffung ein.

Nachdem 64 Prozent aller Schweizer*innen am 26. September 2021 Ja zur «Ehe für alle»-Vorlage sagten, war da und dort zu hören: So, jetzt sollen die Lesben und Schwulen endlich mal die Klappen halten, schliesslich sind sie jetzt gleichberechtigt.

Die Schweiz steht in Sachen LGBTIQA+-Rechte von 49 europäischen Ländern nur auf Platz 20. Wir sind also noch lange nicht am Ziel.

Wie sehr betrübt es dich als queere Aktivistin, dass bis heute in über 70 Ländern antihomosexuelle Gesetze gelten und in 13 Ländern in Afrika und Asien Homosexuellen sogar die Todesstrafe droht?

Das Wort «betrüben» empfinde ich bei diesem Thema als Euphemismus. Ich musste gestern aus beruflichen Gründen den Film «Welcome to Chechnya» anschauen. In der Dokumentation geht es um die Verfolgung von queeren Menschen in der autonomen russischen Republik. Während ich die Doku angeschaut habe, fing ich sicher sechsmal an zu weinen.

Wann wurdest du zuletzt diskriminiert, weil du queer bist?

Das weiss ich nicht. Diskriminierung ist nicht in jedem Fall messbar. Man nimmt sie also nicht immer eindeutig wahr.

Hast du jemals körperliche Übergriffe erlebt?

Diese Frage ist mir zu persönlich.

«Ich hielt die Armee einst für eine gute Sache. Heute setze ich mich für deren Abschaffung ein»: Anna Rosenwasser.
Bild: Brandertainment

Wann hast du die letzte Hassmail erhalten?

Vor einem Monat bekam ich eine antisemitische Mail.

Wann erschien die letzte Hassnachricht auf deinem Instagram-Account?

Vor zwei Wochen.

Im «Reporter»-Beitrag «Anna Rosenwassers queere Welt», der im vergangenen Oktober auf SRF ausgestrahlt wurde, wird am Ende erwähnt, dass du im vergangenen Jahr so viele Hassmails wie nie zuvor erhalten hast.

Viele Menschen diskriminieren Menschen, weil sie nicht der sogenannten Norm entsprechen. Ich habe mich im letzten Jahr zudem stark exponiert und politische Haltungen vertreten, die als umstritten gelten. Ich habe mich exponiert mit meiner Identität, die nicht heterosexuell ist. Ich habe mich exponiert mit meinem jüdischen Nachnamen und meinen jüdischen Wurzeln, die ich auch benenne. Und es ist ein Fakt: Frauen in der Öffentlichkeit bekommen ungleich viel mehr Hass ab als Männer.

Wie viele Hassmails waren es insgesamt, die du im vergangenen Jahr bekommen hast?

Ich zähle sie nicht. Ich mache jedoch von jeder Hassmail und jedem Hasskommentar ein Screenshot und leite dieses an NetzCourage weiter. NetzCourage ist ein gemeinnütziger Verein, der sich aktiv gegen Hasskommentare im Internet, Diskriminierung und Rassismus stellt. Das ist wichtig für meine Psychohygiene. Ich habe mir die Regel gesetzt, dass ich mit keinem einzigen Hasskommentar allein bleibe und dass mindestens eine andere Person ihn auch gesehen haben muss.

Antwortest du Menschen, die dir Hassmails schicken?

Früher habe ich das getan. Mittlerweile bin ich zur Überzeugung gelangt, es ist keine gute Idee. Deshalb halte ich mich heute aktiv zurück, auch wenn der Reiz oft sehr gross ist zurückzuschreiben.

Wieso ist Zurückschreiben keine gute Idee?

Die Wahrscheinlichkeit, dass noch etwas Hässlicheres zurückkommt, ist gross. Zudem würde ich dieser Person damit noch mehr Platz in meinem Kopf einräumen. Und das will ich nicht. Mein Ziel ist es, Hassnachrichten möglichst wenig Raum zu geben. Ich schenke meine Energie lieber einer 17-jährigen Lesbe, die sich gerade fragt, wie sie sich bei ihrem Vater outen soll.

Wann dachtest du das letzte Mal: Das lasse ich mir nicht gefallen, ich schmeisse ich den Bettel hin.

Noch nie. Mein Aktivismus ist vielmehr der Grund dafür, dass ich denke: Oh Gott, ich liebe alles. (Lacht)

Ich nenne dir drei Anna-Rosenwasser-Sätze aus den Medien und du sagst, was sie bedeuten: «Der Frauenstreik hat dem ganzen Land spürbar gemacht, wie sexistisch die Schweiz heute noch ist.»

Aktivismus ist dafür da, den Menschen aufzuzeigen, dass nicht alles gut ist. Eines der primären Probleme in der Schweiz ist nämlich, dass wir das Gefühl haben, hierzulande sei alles okay.

«Better done than perfect.»

Ich habe keinen Perfektionsanspruch an mich. Denn das würde mich nur unnötig ausbremsen in meiner Tätigkeit als Aktivistin. Ich kommuniziere lieber offen und laut und muss deswegen auch einmal Kritik einstecken, als vor lauter Selbstzweifel nichts zu unternehmen.

«Es ist eben nicht egal, auf wen wir stehen, solange wir Angst davor haben müssen, dass uns jemand ‹Dreckslesbe› hinterherruft, wenn wir Händchen haltend durch die Stadt gehen.»

Die wohlmeinende Mir-doch-egal-Reaktion ist zwar meistens unterstützend gemeint. Sie stammt von Heterosexuellen, die sich tolerant geben und so ihre eigene Bedingungslosigkeit zur Schau stellen wollen. Gleichgültigkeit bringt uns auf dem Weg zur Gleichberechtigung jedoch kein Stück weiter.



Gibt es einen queeren Filz?

Ja hoffentlich, das gibt warm (lacht).

Und ernsthaft?

Queere Menschen sind längst nicht so gut vernetzt, wie sie es sein könnten. Da gibt es noch viel Potenzial.

Woher kommt deine politische Begeisterung?

Das frage ich mich auch. Aber ich weiss, woher meine Energie kommt: Aus der queeren Community, die total lebensbejahend ist und eine bunte Vielfalt an den Tag legt.

Woher kommt dein Mut zu kämpfen?

Von ganz vielen Privilegien. Ich hatte bisher so viel Glück mit gewissen Zufälligkeiten, dass ich viele meiner Engagements als nicht besonders mutig ansehe.

Lust einmal eine ganz Woche nichts zu sagen?

Öffentlich ja, weil ich manchmal meine eigenen Sätze satthabe. Privat nein, weil ich auch innerhalb von Freundschaften wahnsinnig gern rede (lacht).

Demnach musst dich jeweils zurückhalten, wenn du dich mit Freund*innen triffst?

Müsste ich dies tun, wären es nicht meine Freund*innen.

Wirklich wahr, dass sich Lesben weniger anmachen, weil sie – laut deiner eigenen Aussage – nie den ersten Schritt machen?

Die weibliche Sozialisierung brachte es bisher mit sich, dass Frauen in Flirt-Situationen nicht den ersten Schritt tun. Was tatsächlich zum gleichzeitig amüsanten und traurigen Phänomen führt, dass Frauen, die Frauen lieben, häufig nicht den ersten Schritt tun.

Wer hat bei deiner Freundin und dir den ersten Schritt gemacht?

Sie hat regelrecht ein Date gefordert.

Kann einen ein anderer Mensch glücklich machen?

Er kann dazu beitragen.

«Gleichgültigkeit bringt uns auf dem Weg zur Gleichberechtigung kein Stück weiter.»: Anna Rosenwasser.
Bild: Brandertainment

Schauspieler Robbie Williams sagte einmal, Männer sähen beim Orgasmus aus wie Gewichtheber mit Verstopfung. Wie sehen Frauen dabei aus?

(Lacht schallend) Je nach Geschmack und Vorlieben sehen Frauen dabei ebenfalls wie Gewichtheber aus.

Regisseur Billy Wilder meinte: «Männer hassen oder lieben Frauen. Nur Schwule mögen Frauen.»

Wäh, das ist Blödsinn.

Sich entschuldigen – kannst du das gut?

Ich bin es stetig am besser lernen.

Hat Schlagersängerin Linda Fäh auf deine Entschuldigung reagiert, die im vergangenen September im Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» erschienen ist?

Nein, aber ich hatte auch vergessen, sie in meinem Instagram-Post zu markieren. Die Chance ist deshalb gross, dass sie meine Entschuldigung gar nicht gelesen hat. In meinem Text über Linda Fäh ging es ja darum, dass die Sängerin den sogenannten Schönheitsnormen entsprechen würde und dies viele Menschen scheisse fänden. Darauf zu reagieren, ist nicht einfach. Ich werfe Linda Fäh jedenfalls nicht vor, dass sie sich nicht bei mir gemeldet hat.

Müsstest du dich sonst noch bei jemandem entschuldigen?

Ich müsste mich bei vielen Menschen entschuldigen – bei einigen ist es mir schon bewusst, bei anderen wird es mir wohl erst in einiger Zeit bewusst werden.

Willst du ein Vorbild sein?

Das ist eine schöne Vorstellung.

Wer ist dein Vorbild?

Meine Freund*innen sind für mich Vorbilder, aber auch Menschen, die hässig für Veränderungen sorgen, und solche, die ihr Hässigsein in strategischen Charme verwandeln.

Namen bitte.

Zwei Vorbilder von mir sind Soziologin und Autorin Franziska Schutzbach und SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Und ich mag den strategischen Charme und die radikale Haltung von der Youtuberin ContraPoints.



Braucht es heute überhaupt noch grosse Coming-outs oder sind wir gesellschaftlich so weit, dass man solche Infos beiläufig erwähnen kann?

Dass ein Coming-out beiläufig passieren kann, ist Wunschdenken.

Im vergangenen Jahr haben sich mit Curdin Orlik, Ariella Käslin, Marco Lehmann und Daniela Ryf vier bekannte Schweizer Sportler*innen geoutet. Wie wichtig war das für die Schweiz?

Das ist unmessbar wichtig. Man unterschätzt gern, was für eine wahnsinnige Kraft öffentliche Coming-outs von bekannten Persönlichkeiten haben und wie bestärkend diese auf andere Menschen, ganz egal ob geoutet oder nicht geoutet, wirken.

Ariella Käslin machte ihr Coming-out im «Magazin» öffentlich. In dem Porträt sagte die Ex-Kunstturnerin über dich: «Ich kenne sie nicht persönlich, aber wenn ich Texte von ihr lese oder sie im Radio höre, gibt sie mir Kraft.»

Dieser Satz hat mich mega gefreut. Wenn der Name Ariella Käslin seither in einem Gespräch fällt, muss ich mich immer zurückhalten, nicht jedes Mal mit dieser Information hineinzugrätschen (lacht).

Am 5. Februar 2021 outeten sich 185 Schauspieler*innen als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär und als trans im «Süddeutsche Zeitung Magazin», um so gemeinsam für mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen einzustehen. Wie fühlte sich das an?

Wichtig.

Hast du die TV-Serie «Eldorado KaDeWe» schon gesehen?

Nein.

«Eldorado KaDeWe» erzählt vom Berlin der 1920er-Jahre. Zudem gibt es eine lesbische Liebesgeschichte zu sehen.

Davon ist mir mehrfach schon vorgeschwärmt worden. Filme und Serien sind jedoch nicht mein Format – unter anderem auch deshalb, weil ich ständig weinen muss und ich sie deshalb nicht richtig geniessen kann.

Filmexpertin Julia Pühringer schrieb auf Twitter über «Eldorado KaDeWe»: «Ich habe glaub ich noch nie eine deutschsprachige Serie gesehen, in der so viele unterschiedliche Frauenrollen zu besetzen waren, egal ob Alter, Körper oder Hautfarbe. Das ist echt ein revolutionärer Akt.»

Frauenrollen sind oft eindimensional: Jung, weiss, dünn, konventionell attraktiv. Und mega, mega hetero. Wenn das aufgebrochen wird, ist das tatsächlich revolutionär.

Welchen revolutionären Akt würdest du gern anzetteln?

Die Abschaffung des Ständerates. Das Prinzip des Rates ist veraltet, weil er die Schweizer Bevölkerung schon lange nicht mehr repräsentativ vertritt.

Würdest du ihn mit einem anderen Rat ersetzen wollen?

Ich mag den Vorschlag für einen Generationenrat. Ich glaube, das war eine Idee der Jungen Grünen. Angesichts der Klimakrise wäre das ein interessanter Ansatz.

Wirst du 2023 wieder für den Nationalrat kandidieren?

Voraussichtlich werde ich dann vor allem andere queere Kandidierende unterstützen.

Welches Buch liest du gerade?

Ich beschäftige mich immer mit drei Büchern nebeneinander. Als klassisches Buch lese ich gerade «Set Boundaries, Find Peace» von Therapeutin Nedra Glover Tawwab. Sie beschreibt darin, wie man seine eigenen Grenzen besser kommunizieren kann. Als E-Book lese ich aktuell «Storyworthy» von Matthew Dicks. Es ist eine Anleitung, wie man Geschichten gut erzählt. Und als Hörbuch beschäftige ich mich aktuell mit «Queenie», der Lebensgeschichte einer jamaikanischen Engländerin.

Gibt es Bücher, die du zwei-, dreimal gelesen hast?

«Make Time» von Jake Knapp und John Zeratsky. Das Buch beschreibt, wie man sein Leben besser strukturieren kann.

Welche Musik begleitet dich gerade durch die Tage?

Im Moment höre ich viel queer-feministischen Hip-Hop – etwa von Rapperin Ebow, deren Song «Punani Power» ich besonders gern mag.

Zum Schluss ein paar Erscheinungen, die in Zeitschriften als Trend bezeichnet werden – bitte gib deinen spontanen Kommentar ab: Katzen.

Katzen sind alles. Müsste ich die fünf liebsten Sachen auf der Welt aufzählen, würde ich neben Tee ganz sicher auch Katzen auflisten.

Veganes Essen.

Es ist wohl einer der wichtigsten Punkte, um die Klimakrise abzuwenden.

LSD.

Ein gutes Beispiel dafür, dass die falschen Drogen verteufelt werden.

Transgender.

Trans ist kein Trend, sondern eine Geschlechtsidentität. Transmenschen gehören zu dem Teil der queeren Community in der Schweiz, die am meisten diskriminiert werden.

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