«Asterix»-Autor ist kein Coronavirus-Prophet

Von Christof Bock, dpa

21.10.2021 - 00:00

11 October 2021, France, Paris: Comic author Jean-Yves Ferri with Asterix and Obelix figures at the presentation of the new
Comic-Autor Jean-Yves Ferri mit Asterix- und Obelix-Figuren bei der Präsentation des neuen «Asterix»-Abenteuers «Eine Reise in die Kälte» in Paris.
Bild: Keystone

Comicautor Jean-Yves Ferri hat bereits 2017 einen Asterix-Schruken «Coronavirus» genannt. Doch dies sei reiner Zufall gewesen. Ein Interview.

Von Christof Bock, dpa

21.10.2021 - 00:00

Comicautor Jean-Yves Ferri hat zusammen mit dem Zeichner Didier Conrad jetzt den fünften Band mit den Abenteuern von Asterix und Obelix verfasst. «Man muss erst einmal ein Land finden, wo die beiden noch nicht waren», sagt Ferri. An diesem Donnerstag erscheint der neue Band «Asterix und der Greif».

Herr Ferri, Sie haben mit Didier Conrad 2013 das Erbe der Asterix-Väter angetreten. Mal ganz allgemein gefragt: Wie geht es Ihnen heute mit Asterix? Wie ist Ihr Verhältnis zu der Figur?

Ich versuche, nie zu sehr an das Erbe oder an die Beliebtheit von Asterix zu denken. Ich konzentriere mich eigentlich immer nur auf jedes Album, jede Geschichte. Nur daran denke ich. Der ganze Erfolg springt einen nur an, wenn man die Werbe-Tournee zum neuen Album macht. In dieser Zeit fühle ich mich immer wie von einer Waschmaschine durchgewirbelt und durchgewalkt.

Werden Sie in Frankreich auf der Strasse als Adoptivvater von Asterix erkannt?

Zum Glück nicht. Das ist anders als bei Rockstars. Auch als bekannter Comicautor wird man in Frankreich nicht auf der Strasse erkannt. Das passiert höchstens kurz nach Veröffentlichung eines Bandes. Ein einziges Mal kamen Leute in der Metro auf Didier Conrad und mich zu und haben sich einen Band signieren lassen.

Beim Abenteuer «Asterix in Italien» – lange vor der Pandemie – haben Sie einen Schurken in der französischen Fassung auf den Namen Coronavirus getauft. Wie waren später die Reaktionen der Leserinnen und Leser?

Einige Leute dachten, das sei eine Vorahnung gewesen, dass ich das Coronavirus angeblich habe kommen sehen. Aber es ist absolut nicht so. Das Coronavirus ist ja eine Familie von Viren, die es schon vorher gegeben hat. Ich habe einfach aus einer Liste von Viren eines ausgewählt, das sich böse anhört, und es genommen.

In Ihrem aktuellen Band reisen Asterix und Obelix so weit nach Osten wie noch nie, zu den Sarmaten. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Zur Person: Jean-Yves Ferri
14 October 2021, Berlin: French comic book author Jean-Yves Ferri stands at a press event in Paris Square. This Thursday sees the publication of the new volume
Keystone

Wer ist der Mann, der seit 2013 Asterix durch die Weltgeschichte schickt? Jean-Yves Ferri wurde 1959 im damals noch französisch beherrschten Algerien geboren, wuchs aber in Frankreich auf. Als Kind liebte er das Comicmagazin «Pilote» und fand so seinen Traumberuf. Bekanntheit erlangte er um 2000 mit «Aimé Lacapelle», den Abenteuern eines Schutzmanns in der Provinz. Ferri, ein eher scheuer Mensch, lebt in einem 9500-Seelen-Ort in den Pyrenäen.

Natürlich muss man erst einmal ein Land finden, wo die beiden noch nicht waren. Das Land der Sarmaten war noch nicht erkundet. Aber vor allem weiss man fast nichts über die Sarmaten. Das hat mir erlaubt, Volk und Land so ein bisschen zu erfinden. Ich konnte das frei gestalten.

Wie viele Menschen sind daran beteiligt, einen Asterix-Comic zu kreieren?

Wir sind eigentlich nur zu dritt: Der Szenarist, also Texter, der Zeichner und der Kolorist, der für die Farben zuständig ist. Die Leute meinen, dahinter stehe ein Team ähnlich wie bei der Nasa. Aber im Grunde ist das alles noch Handwerksarbeit wie früher.

Sie haben viel Lob erfahren, wie behutsam Sie diese Serie fortgesetzt haben. Haben Sie inzwischen Entscheidungen getroffen, wo Sie sich bewusst von René Goscinny und Albert Uderzo entfernt haben?

Eigentlich versuchen wir bei jedem Abenteuer eine andere Richtung einzuschlagen, immer etwas Neues zu versuchen. Aber das geschieht in dem Rahmen, was Asterix und sein Dorf gestatten. Man bleibt innerhalb der Vorgaben, versucht aber jedes Mal was Neues.

Nervt es Sie manchmal, dass manche Fans sich eine exakte Kopie des Asterix aus den 1960er und 1970er Jahren wünschen und allergisch auf alles Neue reagieren?

Das stört mich schon. Der Grundgedanke ist doch, dass man diese Serie weiterführt. Man muss sich ein bisschen davon lösen. Man kann keine exakte Kopie abliefern, es muss fortgeführt werden. Das ist der Sinn dahinter. Was mich stört: Ich bekomme Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die sagen: «Ihr neues Album hat mir sehr gefallen, aber es ist nicht das beste von allen Abenteuern.» Beim neuen Band hatte ich gedacht, dass wir uns am weitesten entfernt hätten vom Stil von Goscinny und Uderzo. Aber jetzt kommen die ersten Reaktionen der Leute, die den Comic schon gelesen haben. Und die sagen mir: «Das ist der Band, bei dem Du Dich dem alten Stil bisher am meisten annäherst.» Das ist also eine sehr subjektive Sache.

Dieser Band ist der letzte, der Uderzo vorgelegt wurde. Welche Funktion hatte das eigentlich? Hat er seinen Stempel aufgedrückt?

Das wird oft übertrieben. Uderzo hat zwar jeden der letzten fünf Bände begleitet, aber die meisten Ratschläge hat er uns noch beim ersten Band gegeben. Vor allem hat er meinem Kollegen Didier, der für die Zeichnungen zuständig ist, erklärt, welche Kniffe es gibt und was es zu beachten gilt. Aber bei den folgenden Bänden hat er hauptsächlich die Geschichte gelesen, seine Zustimmung erteilt und uns ermuntert, so weiter zu machen. Es hat ihn beruhigt, dass die Serie eine angemessene Fortsetzung erhalten hat.

Wie bereiten Sie sich auf eine historisch korrekte Darstellung vor? Kennen Sie sich mit der Antike aus? Haben Sie Latein-Kenntnisse?

Mich hat die Antike immer schon interessiert. Seit der Arbeit an Asterix habe ich mich darin vertieft. Ich gehe gern von einer wahren Begebenheit aus, zum Beispiel von Caesars Arbeit an dem Buch «Der Gallische Krieg». Es gibt einen Ausgangspunkt, von dem aus ich eine Geschichte stricken kann. Was das Latein angeht, so ist das nicht meine grösste Stärke. Aber mein Schwiegersohn ist Latinist und Experte für alte Inschriften. Ihn kann ich jederzeit zurate ziehen. Er ist einer der letzten ausgebildeten Spezialisten für Altlatein und Etruskisch in Frankreich. Im Augenblick sammelt er alle überlieferten gallischen Inschriften. Das ist natürlich sehr praktisch für mich.



Was macht die Figur Asterix so erfolgreich?

Ausgezeichnete Geschichten haben einst Asterix zum Star gemacht, aber seitdem ist die Popularität nie kleiner geworden. Es geht immer so weiter. Das ist schon einzigartig. Warum? Das kann ich auch nicht erklären. Manchmal nimmt das schon kränkende Züge an. Dann sagt man mir: «Ist doch egal, was Du machst, Asterix ist doch ein Selbstläufer.» Wir würden gern mal ein Album mit weissen Seiten abliefern. Mal sehen, ob die Leute es trotzdem kaufen.

Wie haben sich die Figuren entwickelt? Und haben Sie Pläne?

Die Figuren haben sich schon unter Goscinny immer entwickelt. Zwischen dem Obelix der Anfänge und dem Obelix in «Obelix GmbH & Co. KG» ist ein Riesenunterschied. Die Figuren werden sich auch in Zukunft immer ein bisschen weiterentwickeln. Man muss sie eben auch ein bisschen abschleifen und gucken, was darunter noch hervorkommt. Natürlich ändern sich auch die Zeiten allgemein. Schon im letzten Album zeigen die Figuren andere Aspekte, wenn man es genau liest.

Dinge, die die Welt bewegen, wie Klimawandel oder Artensterben: wird das prominenter werden?

Bestimmt. Auf jeden Fall muss man am Puls des Geschehens bleiben. Aber man darf nie vergessen, dass der Motor der Humor ist. Man will die Leute amüsieren. Es soll lustig bleiben. Es soll kein polemisches Buch werden. Goscinny und Uderzo haben immer betont, dass Asterix die Leute zum Lachen bringen soll. Aber es ist natürlich auch eine Tatsache, dass der Humor sich ändert. Man lacht heute über andere Sachen als noch in den 80er Jahren. Das muss man im Blick behalten. Das ist ganz wichtig, dass man als Autor auch weiss: Was finden die Leute heute lustig? Nur so kann man in der Zeit bleiben.



Von Christof Bock, dpa