Den Garten wie die Natur gestalten

dpa

23.5.2020 - 18:00

Wenn man nicht verreisen kann, muss man sich die Ferne halt nach Hause holen. Der Gartentrend hin zum naturalistischen Grün schafft das – er lässt das Hochgebirge oder die Steppe direkt vor der Haustüre entstehen.

Der Garten ist eigentlich die grüne Stube vor dem Haus. Doch in den Zeiten der eingeschränkten Bewegungsfreiheit kann er noch mehr sein: Ferien- und Sehnsuchtsort. Dieser Effekt lässt sich einfach verstärken mit einer Bepflanzung, wie sie auch in der Natur vorkommen könnte.

Kleine alpine Felspartien werden mit einer Gartenmauer nachgebildet, ein schattiges Beet mit grossblättrigen Pflanzen erweckt ein Gefühl, als würde man durch einen Regenwald wandern. Und bunt blühende Präriegestaltungen wecken die Lust auf Freiheit und Abenteuer im amerikanischen Stil.

Der Natur Raum geben

Nicht erst seit der Coronavirus-Pandemie gibt es diesen Trend hin zum naturalistischen Gartenstil. «Der Garten befreit sich, öffnet sich zur Landschaft und wird zu einer kultivierten Wildnis» – so umschrieb einst der Zürcher Landschaftsarchitekt Günther Vogt den Trend gegenüber der NZZ.

Professor Cassian Schmidt erkennt darin eine gesellschaftliche Geisteshaltung: «Der Mensch sieht die Natur gefährdet, sodass er ihr im Garten mehr Raum gibt», sagt der Fachmann, der den Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof im deutschen Weinheim leitet.



Hinzu kommen für Buchautor und Gartenexperte Sven Nürnberger die vielerorts stattfindende Entwicklung der Verkleinerung von Wohnräumen und die spürbaren Eingriffe durch die Landwirtschaft in die Natur. «Was verloren geht, will der Mensch wieder holen – so versucht man dem Artensterben durch die Förderung von Vielfalt im Garten entgegenzuwirken.»

Exotische Pflanzen für den Garten

Aber worum geht es hier denn genau? Viele Gärten mit ihrem akkuraten Rasen und den bunt zusammengewürfelten Pflanzen haben wenig mit der Natur zu tun. Beim naturalistischen Gestaltungsansatz geht es auch nicht um die Nachbildung der Natur vor der Haustür mit heimischen Pflanzen – etwa indem man statt dem englischen Rasen nun eine Wiese anlegt.

Der naturalistische Garten bedient sich des Repertoires von exotischen, nicht heimischen Pflanzen. «Man holt sich die Inspiration aus der Natur», sagt Professor Schmidt. Und erschafft kreativ Gartenbilder von fremden Orten – und zwar in einer «überhöhten, ästhetischen Form». Oder wie es Sven Nürnberger ausdrückt: Der naturalistische Stil sei eine Art gesteuerte Natur.

Als Beispiel führt der Experte eine Steppenlandschaft an: «Sie lebt von Gräsern, den Rispen des Salbeis und den flachen schirmförmigen Blütenständen der Schafgarben.»



Diese typischen Pflanzen werden nach dem Chaosprinzip locker auf der Fläche verteilt, ohne dass einzelne Arten als grössere Gruppe oder in schematischer Regelmässigkeit auftauchen. So entsteht eine Pflanzung in drei Schichten: «Hohe Gerüstbildner, mittelhohe Füllpflanzen und flache Bodendecker sind die Grundlage für Vielfalt», erklärt Professor Schmidt.

Eine Natursteintreppe mit Alpenpflanzen

Eine Alternative ist die Landschaft des alpinen Hochgebirges: Man kann hierfür zum Beispiel eine Natursteintreppe im Garten als Grundlage nehmen und diese mit Polster- und Rosettenpflanzen aus diesem Gebiet bepflanzen, schlägt Nürnberger vor.

Wichtig: Dafür nimmt man nicht nur echte Wildformen der Pflanzen, sondern auch robuste und erlesene Züchtungen, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben. Da nicht die komplette Natur eines Ortes nachgebildet wird, sondern nur Auszüge, kann man auch «verschiedene Gartenstile kombinieren und mitunter auch nur einzelne Vegetationsausschnitte herausnehmen», führt Buchautor Nürnberger an.

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Der Garten für intelligente Faule

Und wenn alles gepflanzt ist, gilt es loszulassen – und die Entwicklung der Pflanzen auf ihre natürliche Weise zu beobachten. Die Gemeinschaft der Pflanzen hat eine eigene Dynamik. Man muss lernen, nur wenig lenkend einzugreifen und eine natürliche Interaktion der Strukturen zu akzeptieren.

«Der naturalistische Garten ist für intelligente Faule ideal – wobei die Betonung auf dem Adjektiv liegt», sagt Professor Schmidt dazu, und nimmt damit Bezug auf ein Zitat des bekannten Gartenphilosophs und Staudenzüchters Karl Foerster (1874–1970).

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