Der Fotograf und die Rocker

14.12.2018 - 13:01, Patrik Schedler

Aussenseiter mit langen Haar in Leder und Denim: Der Zürcher Fotograf Karlheinz Weinberger hat ab den Fünfzigerjahren Halbstarke und Rocker fotografiert, die sich nach mehr sehnten als nach Bergen und Kühen. Jetzt ist seine Biografie erschienen.

Äusserlich führte Fotograf Karlheinz Weinberger ein unspektakuläres Leben. Seine Jugend verlief beschaulich, wenn auch recht bescheiden. Er arbeitete als Teppich- und Möbelverkäufer. Mit 34 Jahren Anstellung als Lagerist bei Siemens, wo er bis zu seiner Pensionierung blieb. Bis zu seinem Tod vor zwölf Jahren wohnte er zeitlebens im selben Haus im Zürcher Kreis 4.

Bereits als Sechzehnjähriger entdeckte Weinberger das Medium der Fotografie für sich. In seiner Freizeit fotografierte er Halbstarke, Rocker und Tätowierte und bildete in über 60 Jahren seines fotografischen Schaffens die Rückseiten der bürgerlichen Welt in der Schweiz ab.

Aber sein Werk geht darüber hinaus: Auch Sportfotografien, Bilder der Volkskultur und homoerotische Bilder finden sich in seinem Vermächtnis. Weinbergers Schaffen spiegelt sein Leben, seine Homosexualität und seine Faszination für virile Welten wieder. 

Patrik Schedler betreute Weinberger in seinen letzten Lebensjahren künstlerisch und wurde zu einem seiner Vertrauten. Der international erst spät bekannt gewordene Fotograf hinterliess kaum Schriftliches, doch entlang seines Werkes und seinen Erzählungen zeichnet Schedler im biografischen Essay «Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim» dessen Leben zwischen bürgerlichem Alltag und der Faszination für Menschen am Rande der Gesellschaft nach.

«Bluewin» publiziert exklusiv das gekürzte Kapitel «Das Ende» und einige der schönsten Bilder von Weinberger.

Das Ende

In diesen letzten Jahren machten wir immer wieder Ausflüge. Weinberger wollte unbedingt, dass ich Joe kennenlerne, und so machten wir Ende Sommer 2006 einen Ausflug über die Grenze nach Waldshut zu einem Rockertreffen, das Joe organisierte. Weinberger freute sich darauf und war etwas nervös. Zwei oder drei Tage vorher, als ich ihn besuchte und wir den Ausflug planten, fragte er mich: «Sie fahren doch auch Motorrad. Können Sie nicht Ihr Lederzeug anziehen für den Ausflug?» – Wahrscheinlich schaute ich ihn ziemlich entgeistert an, jedenfalls sagte er dann: «Also im Jackett können Sie da nicht hin. Wenigstens Jeans oder so …»

Es war einer dieser Tage im Spätsommer, wo sich der Herbst ankündigt, vielleicht so, wie die Polizei einst frühmorgens an Weinbergers Tür geklopft hatte, irgendwie erwartet, aber doch überraschend. Es war recht kalt, regnete in Strömen, und die Scheiben im Auto beschlugen. Der Anlass war so etwas wie eine regionale Messe für «alles, was der Rocker braucht». Auf dem Parkplatz vor der grossen Mehrzweckhalle irgendwo am Ortsrand von Waldshut-Tiengen gab es Einweiser in Rockermontur, aber mit orangen Signalwesten.

Im strömenden Regen baute ich den Rollstuhl zusammen. Da kam ein grosser, schlanker Rocker mit sehr langem Bart auf den Wagen zu, nahm mir den Schirm aus der Hand, öffnete die Wagentür und begrüsste Karlheinz, der sich sichtlich freute. Erst, als wir Weinberger in den Rollstuhl gesetzt und beschirmt unter das Vordach des Eingangs gebracht hatten, stellte er sich mir vor. Viele Worte wechselten wir nicht mit ihm, und ich spürte, dass Weinberger etwas enttäuscht war, dass Joe nicht mehr Zeit für ihn hatte.

Dazu war ich auch noch ein Störfaktor, denn durch meine Begleitung fühlte sich von den zahlreichen Rockern, die ihn kannten, keiner genötigt, sich um ihn zu kümmern, da er ja mich hatte. Ich schob ihn durch die Halle, in der es Messestände gab für Lederkleidung, Lederschmuck, rustikale Hemden, schweren Silberschmuck, aber auch die unvermeidlichen Stände mit Räucherstäbchen, Tee und Gewürzen. Ich musste ihn immer ganz nahe an die Stände heranfahren, da das Publikum, ihm, der im Rollstuhl sass, die Sicht versperrte. Das ärgerte ihn. Ich spürte seine innere Anspannung. Er war auf der Jagd, aber konnte sich selbst nicht mehr frei bewegen und sah auch nicht gut. Deswegen kommandierte er mich dahin und dorthin.

Es konnte ihm nicht schnell genug gehen, und dann war ich wieder zu schnell oder zu weit gefahren. Er sprach die Leute an, grüsste sie, aber oft wurde er übersehen … – «a dirty old man in his wheelchair». Endlich sah er bekannte Gesichter, die Begrüssungen waren überschwenglich, aber es ergaben sich keine wirklichen Gespräche. Ich spürte, dass das alles nur noch den Charakter eines Klassentreffens hatte. Endlich sah er einen, den er fotografieren wollte. «Den da, den Grossen, sehen Sie den, der soll herkommen. Holen Sie ihn her!»

Ich musste mich also hinter dem Rollstuhl, hinter dem ich mich bisher ganz gut verstecken konnte, hervorwagen und einen riesigen grimmigen Rocker ansprechen, ihn bitten, mit mir zu kommen, da ihn Herr Weinberger fotografieren wolle. «Entschuldigen Sie, da ist jemand, der Sie kurz sprechen möchte.» Der Grimmige schaute mich an, als wäre ich eine lästige Wespe, und bloss weil er keine zusammengefaltete Zeitung bei sich hatte, mit der er mich hätte erschlagen können, gewährte er mir einen Moment Aufmerksamkeit. Weinberger ruderte mit seinen Armen und winkte ihn herbei. Als der Riese ihn sah, entspannten sich seine Gesichtszüge, und ein Strahlen breitete sich von den Augen unter den buschigen Brauen her aus wie ein Sonnenaufgang in einem zerklüfteten Gebirge hoch über der Baumgrenze. «Karlheinz!» – und da er sich in Bewegung versetzte, teilte sich die Menge vor ihm.

Nach der Begrüssung befahl Weinberger dem Berg von Mann zu posieren. Er blickte durch den Sucher, war nicht zufrieden, herrschte ihn an: «Dreh dich ein bisschen, nein, andersherum, stehen, so geht das nicht …» Weinberger sass im Rollstuhl, herrschte auch mich an, das Gefährt in die richtige Position zu bringen, so könne man ja nicht arbeiten, und dabei hielt er stark zitternd die Kamera. Plötzlich schien für einen Augenblick die Welt still zu stehen. Ich bemerkte, hinter dem Rollstuhl stehend, wie er anlegte, ganz ruhig wurde, das Zittern hörte schlagartig auf und: klick!

Ich vergesse diesen Augenblick nicht mehr, obwohl Weinberger später, als der Film entwickelt war, das Bild für nicht gut befand. Aber ich erkannte in dieser kurzen Szene, wie er arbeitete und wie viel Energie er in diesen einen bestimmten Augenblick hineinlegte. An dieser Szene erkannte ich sicht- und nachvollziehbar den Unterschied zwischen «Geknipse» und der hohen Kunst der Fotografie. Das Magische der Fotografie liegt sicher zu einem grossen Teil im Wunder der Verbindung von Technik, Physik und Chemie, aber es braucht eben auch den Fotografen, der das magische Zusammenwirken dieser organisierten Kräfte orchestriert und mit enormer Energie einen Augenblick erschafft, der Bild wird.

Wir blieben nicht allzu lange in der Mehrzweckhalle in Waldshut. Weinberger spürte selbst, dass es nicht mehr das war, was ihn einst so fasziniert hatte an diesen Zusammenkünften. Zwei Wochen später zeigte er mir die Bilder, die er gemacht hatte: «Nichts geworden ausser einem: Schauen Sie, die Stiefel, die sind gut.» Auf unserer Tour durch die Halle entdeckte Weinberger neben einem auf einem Podest ausgestellten Motorrad ein paar schmutzige, mit Lehm verschmierte Motorradstiefel.

Dieses Bild war das Letzte, das er für gut befand und vergrössern liess. Ich verwendete es nur wenige Wochen später für die Todesanzeige.

Bibliografie: Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim, Patrik Schedler, Limmat Verlag, 128 Seiten, ISBN 978-3-85791-867-4, 29 Fr.; im Buchhandel erhältlich oder unter diese Link erhältlich.

Ausstellung: Die Photobastei Zürich zeigt noch bis zum 23. Dezember 2018 Karlheinz Weinberger, wie man ihn noch nie gesehen hat: als Menschen, als Zürcher und als Liebhaber der männlichen Erotik. Die Ausstellung geht dabei weit über die Porträts der Halbstarken hinaus, mit denen der Fotograf berühmt wurde.

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