Kolumne Die Totenköpfe von Vrin

Von Caroline Fink

13.1.2020

Eine Handvoll Häuser, eine Kirche, ein Hotel, ein Volg und eine Postautohaltestelle – das Dorf Vrin zuhinterst im Val Lumnezia.
Eine Handvoll Häuser, eine Kirche, ein Hotel, ein Volg und eine Postautohaltestelle – das Dorf Vrin zuhinterst im Val Lumnezia.
Bild: Caroline Fink

Zuhinterst im Bündner Val Lumezia finden Besucherinnen und Besucher eine besondere Totenkapelle. Als Mahnmal der Vergänglichkeit beeindruckt sie manche mehr als die umliegenden Gipfel.

Es ist ein kalter Wintertag, als ich zuhinterst im Bündner Val Lumnezia das Dorf Vrin erreiche.

Eine Handvoll Häuser inmitten von Bergen, ein Volg, eine Postautohaltestelle, ein Hotel und in der Mitte des Orts: Eine Kirche, die mit okkerrotem Turm, goldenen Uhrzeigern und Simsen aus Marmor für das Bergdorf zu gross und bunt ist.

Vor knapp zehn Jahren war ich erstmals in Vrin. Um Skitouren zu unternehmen, wie dieses Mal auch. Doch woran ich mich am meisten erinnere, sind weder die Berge noch die Touren. Es ist diese Kirche.

Genauer: ihr Beinhaus mit seinen eingemauerten Totenschädeln. Nicht dass diese mich erschreckt hätten. Eher beeindruckt haben sie mich. Und so ziehe ich auch diesmal kurz vor dem Eindunkeln nochmals Jacke, Mütze und Handschuhe an, trete aus dem Hotel Péz Terri hinaus in die Kälte und gehe die vereiste Gasse hinab zur Kirche.



Bei der Kirchmauer angelangt, öffne ich das schmiedeiserne Tor, trete in den Vorhof und Friedhof der Kirche und stehe wieder vor ihnen: In vier Reihen in die Fassade einer Kapelle gemauert, blicken sie mich an – mehrere hundert Schädel mit leeren Augen. Ich gehe einige Schritte, bleibe dann stehen und schaue dem Tod in die Augen. Oder dem Leben?

Etwas Irritierendes und gleichsam Friedvolles scheint dieser Ort zu haben.

Zwei weitere Beinhäuser fallen mir ein, die ich jüngst gesehen habe. Eines unter der Kirche von Leuk, in dem über 20'000 Totenschädel lagern. Ein anderes in Naters; über 500 Jahre alt, flackern vor diesem bis heute Kerzen, und wer durch das vergitterte Portal blickt, entziffert über den aufgestapelten Gebeinen eine Inschrift: «Was ihr seid, das waren wir. Was wir sind, das werdet ihr.»

Nach meiner Rückkehr aus Vrin werde ich lesen, dass das Stapeln von Schädeln und Knochen im Mittelalter praktische Gründe hatte: Die Bevölkerungszahlen stiegen, der Platz auf Friedhöfen war knapp, und die Pest raffte Hunderttausende dahin.

Seit Jahrhunderten erinnert das Beinhaus von Vrin an die Vergänglichkeit des Irdischen.
Seit Jahrhunderten erinnert das Beinhaus von Vrin an die Vergänglichkeit des Irdischen.
Bild: Caroline Fink

Gleichsam dienten die Beinhäuser auch als Orte des Totengedenkens. Und erinnerten damit an die «Vanitas» – Lateinisch für den leeren Schein, die Nichtigkeit. Was in jüdisch-christlicher Vorstellung die Vergänglichkeit alles Irdischen bezeichnet.

Eine Wirkung, die bis heute anhält: Klein wie ein Staubkorn fühle ich mich vor dem Beinhaus in Vrin. Und wenn ich schon so klein bin, sage ich mir, wie winzig sind dann erst meine täglichen Sorgen und Ärgernisse? Ziemlich klein, so scheint mir, während ich mich auf den Rückweg zum Hotel mache und merke, dass Vrin – nebst Andacht und Totenköpfen – noch ganz anderes zu bieten hat: einen freundlichen Volg etwa. Oder Capuns und Maluns in der warmen Stube des Hotel Péz Terri.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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