Sprachpfleger Ein falsches Komma und die Folgen

Von Mark Salvisberg

14.5.2019

Ein Komma, eine Begründung: «Gefühlskommas» gibt es nicht.
Ein Komma, eine Begründung: «Gefühlskommas» gibt es nicht.
Bild: iStock

Der Richter schreibt sein Urteil auf einen Zettel und vergisst das Komma: «Hängt ihn nicht freilassen.» Der Angeklagte hofft, die ausführenden Organe mögen dies als «Hängt ihn nicht, freilassen» deuten. Der Sprachpfleger knüpft daran an.

«Hängt ihn, nicht freilassen» wäre die übelstmögliche Konsequenz eines Kommafehlers. Bei einem anderen Klassiker wurde auf dem Gebiet der Wissenschaft schlecht «kommaniziert»: Anfang des letzten Jahrhunderts hatte ein Forscher den Eisengehalt von Spinat errechnet: 41 mg pro 100 g. Zig Jahre lang mästeten Millionen Eltern ihre Kinder mit der grünen Pampe, leider auch mich. Bis herauskam, dass sich der Wissenschaftler um eine Kommastelle geirrt hatte. Die 4,1 mg liessen an mir denn auch keine Popeye-Muskeln spriessen.

In der heutigen Sprache hat eine falsche Interpunktion keine derart weitreichenden Folgen mehr – doch Absagen auf Bewerbungen sind auch so schlimm genug.

«Irgendwann muss ich doch ein Komma setzen!»

Inzwischen dürfte jedem bekannt sein, dass spätestens nach drei, vier Wörtern ein Komma gesetzt werden muss – so jedenfalls wirken viele Texte auf mich: Viele Schreibende warten geradezu nervös auf den nächsten Beistrich, vor allem wenn so viele Wörter «ungeordnet» nebeneinanderstehen.

Und so rutscht das Komma halt frühzeitig beziehungsweise regelwidrig heraus, wie bei folgendem Satz in einer Todesanzeige: «Er dachte an sich, selbst zuletzt.» Ohne Komma wäre der Verblichene die selbstlose Person gewesen, die bestimmt alle in ihm gesehen haben.

Achtung, multipräpositionale Satzzwiebel

Sehr oft werden Kommafehler begangen, wenn am Satzanfang eine Präposition steht, der Satz also beispielsweise wie folgt beginnt: gemäss einem Bericht … laut einer Pressemeldung … durch eine Indiskretion … trotz diesem Missverständnis …

Die Fehlentscheidung, nach einer solchen Fügung ein Komma zu setzen, wird noch häufiger getroffen, wenn zwischen Artikel und Nomen eine oder gar mehrere Beschreibungen beigefügt sind, die sich wie Zwiebelhäute um das eigentliche Geschehen legen: «An dem am Samstag in dieser Stadt erstmals hinsichtlich auch systemischer Reaktionen stattfindenden medizinischen Kongress (hier kein Komma!) nehmen Fachärzte aus Europa teil.» Verkürzt, aber ohne Einfluss auf das Komma, lautet der Satz: «Daran nehmen Fachärzte aus Europa teil.» Niemand käme auf die Idee, nach daran ein Komma zu setzen.

Wenn Sie es allerdings lesefreundlich mögen und entscheiden, aus dem längeren Konstrukt zwei Sätze oder gar deren drei zu bilden, wird Sie deswegen sicher niemand aufhängen wollen.

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