Mobbing Dick – der fiese Romanheld

Von Tom Zürcher

28.5.2019

«Mobbing Dick» ist ein fieser Roman. Fies auch, wie lustig er anfänglich daherkommt. (Symbolbild)
Bild: zVg

Dick Meier bricht aus dem engen Elternhauses aus, heuert bei einer Bank an, doch bald wird auch diese zum Gefängnis: Mobbing ist das grosse Thema im neuen Roman des Schweizer Autors Tom Zürcher.

Der Zürcher Werbetexter Tom Zürcher gilt nach eigener Aussage als der «unentdeckteste Schriftsteller» der Schweiz. Obwohl dieser Tage schon sein dritter Roman erschienen ist – «Mobbing Dick» heisst er.

Sein Roman, sagt Tom Zürcher, sei kein lustiges Buch: «Die ersten paar Kapitel lacht man. Bis die Tür zugeht. Aber dann ist es zu spät.» 

Die Geschichte kreist um den jungen Dick Meier. Er will ausbrechen – zuerst aus dem engen Elternhaus, später aus der Bank, bei der er arbeitet.

Meier schafft beides nicht. Um nicht durchzudrehen, beginnt er, sich nachts eben in «Mobbing Dick» zu verwandeln und sich an der Erwachsenenwelt zu rächen. Bis er die Kontrolle über sein Alter Ego verliert.

«Bluewin» publiziert exklusiv das Kapitel Nummer sieben.

Kapitel sieben

Am nächsten Tag führt Herr Bachmann einen Test mit Dick durch. Er gibt ihm einen Füllfederhalter und einen leeren Briefumschlag und bittet ihn, seine Adresse draufzuschreiben. Anschließend prüft er die Handschrift.

Hm, ja, das sollte gehen. Wir müssen heute Kontoauszüge verschicken.

Dick lernt, dass Briefe, die an ausländische Kunden gehen, nie nach Bank aussehen dürfen. Handbeschriebene Umschläge sind das A und O einer diskreten Vermögensverwaltung, sagt Herr Bachmann. Außerdem wird alles von Deutschland aus versandt, da der Schweizer Poststempel in der Welt da draußen immer noch Verdacht erregt, obwohl das Bankgeheimnis zu einem großen Teil abgeschafft worden ist. Die Kontoauszüge liegen im Druckbüro zur Abholung bereit. Herr Bachmann will Dick zeigen, wo es sich befindet, aber als sie aufbrechen, klingelt das Telefon und Herr Bachmann rennt alleine los.

Tom Zürcher (Jahrgang 1966) lebt und schreibt in Zürich. Mit 20 wollte er Lastwagenfahrer werden, landete dann aber bei einer Bank. Heute ist er Texter und Schriftsteller. Seine bisherigen Roman-Veröffentlichungen: «Högo Sopatis ermittelt» und «Der Spartaner».
Bild: zVg

Dick studiert den Umschlag, auf den er seine Adresse hat schreiben müssen. Es ist ein gefütterter Umschlag, der feierlich knistert, wenn man ihn drückt. Viel zu schade, den einfach wegzuwerfen, denkt er und beschließt, einen Brief an sich selbst zu schreiben. Er tippt in den Computer:

Sehr geehrter Herr Dick Meier

Sie arbeiten nun schon den zweiten Tag in diesem Büro und es wird Zeit, Ihnen eine erste Einschätzung zu geben. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen. Sie erscheinen pünktlich, kennen meinen Namen und machen nichts kaputt. Wenn das so weitergeht, sind Sie bald der Präsident dieser Bank. Dann werden Sie mir befehlen, das Hemd in die Hose zu stopfen, in die Unterhose gar, und das kann ich nicht zulassen. Also werde ich damit beginnen, Ihnen Steine in den Weg zu legen und die Näpfchen, in die Sie treten werden, mit Fett zu füllen. Das ist nicht gegen Ihre Person gerichtet, aber ich muss mich vor Ihnen schützen wie mein Blut vor Zucker.

Hochachtungsvoll, Ihr werter Herr Dr. Bachmann

Er liest es durch. Wahnsinn, das ist ihm einfach so aus den Fingern gesprudelt. Er klickt auf Ausdrucken und guckt sich um, wo der Brief rauskommt. Er kann keinen Drucker sehen. Er kriecht unter den beiden Schreibtischen durch und als er auf Bachmanns Seite wieder auftaucht, kehrt dieser ins Büro zurück und fragt:

Was machen Sie da?

Den Drucker suchen.

Was wollen Sie denn drucken?

Nichts, nur für den Fall.

Bachmann erklärt, die Computer der Vermögensabteilungen sind für Drucker und Speichermedien gesperrt, damit keiner mehr auf die Idee kommt, Kundendaten ans Ausland zu verkaufen. Er zählt noch weitere Sicherheitsvorkehrungen auf, aber Dick hört nicht zu, sondern fragt:

Und wenn man mal einen Brief schreiben möchte?

Wem möchten Sie denn schreiben?

Ich? Niemandem.

Die Ausdrucke kommen im Druckbüro raus, sagt Bachmann, dort werden sie registriert. Sie müssen jetzt sowieso dahin, um die Kontoauszüge zu holen.

Das Druckbüro ist in schneeweißes Licht getaucht. Flache Maschinen summen und es riecht nach warmem Papier. Ein Mann übergibt Bachmann eine Kunststoffkiste mit Kontoauszügen. Bachmann quittiert den Empfang und der Mann sagt, das da ist wohl auch noch für Sie. Er händigt ihm ein einzelnes Blatt aus. Bachmann liest es durch. Dann reicht er es an Dick weiter, nimmt die Kiste und geht hinaus. Während Dick ihm folgt, hört er Mutter sagen, das hat noch ein Nachspiel.

Oben holt Bachmann ein paar Schachteln mit Umschlägen aus dem Metallschrank sowie einen Briefbefeuchter. Er führt Dick vor, wie man ein Kuvert beschriftet, den gefalteten Kontoauszug hineinsteckt und mithilfe des Befeuchters die Lasche verklebt.

Keine Hexerei, oder? Wollen Sie es mal versuchen?

Dick zeigt, dass er es verstanden hat. Die ganze Post muss bis heute Abend versandbereit sein, sagt Bachmann, der Deutschlandkurier holt sie dann ab. Dick soll sich aber trotzdem Zeit lassen, das Wichtigste ist, dass die Adressen gut lesbar sind.

Alles klar?

Dick nickt. Das Telefon klingelt. Bachmann schnappt sich einen Notizblock und eilt aus dem Büro.

Bevor sich Dick an die Arbeit macht, zerreißt er den ausgedruckten Brief. Wieso hat er den geschrieben? Wieso hat Bachmann nichts gesagt? Er will ihn schmoren lassen, oder? Management by schlechtem Gewissen, kennt Dick von zu Hause, Vater ist Weltmeister darin. Dick muss das wieder geradebiegen. Er weiß auch schon wie.

Er richtet auf dem Schreibtisch eine Verarbeitungsstraße ein und legt los. Er schreibt, faltet, befeuchtet und klebt zu. Er arbeitet wie ein Roboter und mit jedem Umschlag wird er schneller. Um noch schneller zu werden, verzichtet er auf den Briefbefeuchter und leckt die gummierten Laschen mit der Zunge ab. Die Mittagspause lässt er aus, arbeitet durch und um drei Uhr ist alles erledigt und die Briefe stapeln sich in hohen Türmchen auf dem ganzen Schreibtisch. Dicks Ohren glühen. Er wäre sogar noch schneller gewesen, wenn er gegen Ende nicht wieder auf den Briefbefeuchter hätte zurückgreifen müssen, nachdem er sich die Zunge an einer scharfen Kante aufgeschlitzt hatte und es heftig blutete.

Bachmann ist noch nicht zurückgekehrt. Er wird staunen. Er wird sagen, das haben Sie gut gemacht, vergessen wir den blöden Brief.

Dick geht zum Sprüngli, um etwas gegen den leimigen Geschmack im Mund zu holen, den er vom Ablecken hat. Hunger hat er auch. Er rennt beide Wege, er will auf keinen Fall Bachmanns Gesicht verpassen.

Es handelt sich hier um einen originalen Textauszug. Deshalb erfolgten keine Anpassungen gemäss «Bluewin»-Regeln.

Bibliografie: Mobbing Dick, Tom Zürcher, Salis Verlag, 288 Seiten, ca. 24 Fr.

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