Bethlehem bietet mehr als die Geburtskirche Jesu

AP/tsha

10.12.2019

Das Walled-Off-Hotel in Bethlehem wurde von Künstler Banksy gestaltet.
Bild: Dusan Vranic/AP/dpa

Nicht nur die biblischen Stätten sollen die Besucher anlocken. Bethlehem hat mehr im Programm: Lokale Kultur und Geschichte sollen die Gäste zum Verweilen bewegen.

Wenn die Touristen zur Weihnachtszeit nach Bethlehem strömen, steht wie alle Jahre wieder ein Jahrhunderte altes Gebäude im Mittelpunkt: die Geburtskirche. Das Gotteshaus aus dem sechsten Jahrhundert markiert die Stelle, an der Jesus vor mehr als zwei Jahrtausenden in einem Stall geboren worden sein soll. Anders als noch vor einigen Jahren aber setzen die Einwohner von Bethlehem inzwischen darauf, dass die Besucher länger bleiben.

Bis vor einiger Zeit noch gab es nicht viel anderes, als dass die Bewohner der Stadt im Westjordanland die Touristen schon nach ein paar Stunden wieder abfahren sahen. In Reisebussen wurden die Besucher aus Israel nach Bethlehem gebracht, um den biblischen Geburtsort kennenzulernen, dann aber bald darauf über die Grenze zurück nach Israel chauffiert.

Die Geburtskirche ist die Hauptattraktion in Bethlehem.
Bild: Keystone

Seit einigen Jahren aber hat sich eine neue Form von Tourismus hinzugesellt, die sich auf das Städtchen, seine Kultur und Geschichte konzentriert. Auch die Probleme, die die Bewohner von Bethlehem unter israelischer Besatzung haben, bleiben nicht aussen vor. Übernachten können die Weihnachtspilger in diesem Jahr auch in restaurierten Jahrhunderte alten Gästehäusern. Auf den örtlichen Märkten werden Touren zu lokalem Essen angeboten.

Immer mehr Besucher

Für 2019 erwartet das palästinensische Tourismusministerium rund 3,5 Millionen Besucher in der historischen Stadt, etwa 500'000 mehr als im vergangenen Jahr. Und viele sind überzeugt, dass noch Luft nach oben ist. Auf dem Krippenplatz direkt vor der Geburtskirche wartet ein riesiger Weihnachtsbaum auf die Gäste, zahlreiche Events sind für die Besucher geplant.

Die allgemeine Sicherheitslage sei sehr gut, meint Elias al-Ardscha, der Vorsitzende des Hotelverbandes in Bethlehem. Daher könnten die Touristen kommen. Doch obwohl das Heilige Land die wichtigsten Stätten der Christenheit umfasse, ziehe es deutlich weniger Besucher an als der Vatikan, beklagt Al-Ardscha. Und versichert: «Wir haben die Möglichkeit, mehr Menschen anzuziehen.»

Al-Ardscha meint damit nicht nur die neu restaurierte Geburtskirche und die historischen Pfade, auf denen Maria und Josef nach biblischer Überlieferung auf der Suche nach einer Unterkunft von Herberge zu Herberge zogen. Das 2017 eröffnete «Walled Off Hotel» beispielsweise, das der britische Streetart-Künstler Banksy gestaltete, bietet wöchentliche Programme einheimischer Musiker und tägliche Fahrten in nahegelegene palästinensische Flüchtlingslager an. Auch Touren zu anderen Banksy-Werken in der Stadt werden auf Nachfrage organisiert.

Im Stadtzentrum, nur ein paar Hundert Meter von der Geburtskirche entfernt, offeriert ein frisch aufpoliertes Gästehaus aus dem 18. Jahrhundert traditionelle palästinensische Küche gepaart mit modernem Kick. «Meine Vorstellung lautete, dass der Religionstourismus für sich selbst wirbt, er braucht nicht den privaten Sektor zur Werbung», sagt Küchenchef Fadi Kattan. «Lasst uns also für alles andere Werbung machen. Lasst uns für unser Essen werben, lasst uns für unsere Kultur werben, lasst uns für unsere Geschichte werben.»

Hoteliers erfreut

Das Gästehaus hat sich mit einer Gruppe namens Farajek zusammengetan, die Touren durch die Märkte organisiert. Hier treffen die Besucher auf Bauern, Bäcker oder Metzger, bevor ihnen in ihrer Unterkunft das Mittagessen serviert wird. Auch Kochkurse sind zu haben – Interessenten können sich von einer palästinensischen Grossmutter in die Geheimnisse der einheimischen Küche einweisen lassen.

«Was ich mir erhoffte, ist, dass die Leute drei Nächte in Bethlehem bleiben, dass sie zum Obst- und Gemüsemarkt gehen, dass die Leute die Einwohner von Bethlehem treffen», betont Kattan. Dass es nicht bei einem Zwischenstopp von nur wenigen Stunden in der Stadt bleibt.
Als das Gästehaus 2014 eröffnete, sei die Verweildauer bei einer Nacht gelegen, berichtet er. Inzwischen blieben die Gäste durchschnittlich dreieinhalb Nächte. Eine Reihe weiterer Gästehäuser sind in den vergangenen Jahren hinzugekommen, darunter das nach den drei Weisen benannte «Dar al-Madschus». Es gehört zu einer Initiative zur Unterstützung der christlichen Gemeinde am Ort, die über die vergangenen Jahrzehnte hinweg dramatisch geschrumpft ist.

Pläne zur Erweiterung des Übernachtungsangebots gibt es bereits. Und Bürgermeister Anton Salman ist zuversichtlich, dass es gebraucht wird. Aktivität, Organisation und Attraktivität nähmen von Saison zu Saison zu, sagt Salman – für die Einwohner und für die Touristen.

Bilder des Tages

Zurück zur Startseite