Paradiesischer Powder – Abfahrten im Tiefschnee Westkanadas

von Bernhard Krieger, dpa/uri

1.12.2019 - 14:00

Weg von der Piste: Wer einmal das Glücksgefühl einer Fahrt im Pulverschnee erlebt hat, will immer mehr davon – und irgendwann mal seine Schwünge im legendären «Champagne Powder» ziehen.

Beinahe schwerelos tänzelt der Skifahrer in Revelstoke den Hang hinunter. Fast bis zur Hüfte taucht er ein, um sich dann wieder aus dem aufstäubenden Schnee herauszukatapultieren. Wie auf einer unsichtbaren Wellenbahn gleiten seine Ski rhythmisch durch den Pulverschnee vor der majestätischen Kulisse der Selkirk Mountains. Solche Abfahrten machen süchtig nach Powder.

Die aus Nordamerika stammende Bezeichnung für besonders trockenen Schnee hat sich längst auch in der hiesigen Ski- und Snowboardszene eingebürgert. Tiefschneefahrer gehen zum Powdern und bezeichnen sich selbst als Freerider. Da schwingt schon das Gefühl von Freiheit mit, das sie empfinden, wenn ihr Körper beim Wedeln durch unberührten Schnee fernab der Skipisten von Glückshormonen geflutet wird.

Doch in den dicht besiedelten Alpen mit engen Tälern, wenig Rückzugsräumen für Wildtiere und oft steil abfallenden Bergmassiven ist der Platz für die zunehmende Zahl von Freeridern und Tourengehern limitiert. Hinzu kommt: Wegen der Nähe zu den Meeren ist der Schnee hier relativ feucht und schwer.

Powder aber entsteht nur bei üppigem Schneefall, trockener Luft und Kälte. Bedingungen, mit denen Westkanada Tiefschnee-Junkies lockt.

Sehnsuchtsziele für Skifahrer und Snowboarder

«Die Provinzen Alberta und British Columbia sind für Skifahrer und Snowboarder wahre Sehnsuchtsziele», erzählt Norman Kreutz. Der Skischuldirektor des Silverstar Resorts in British Columbia weiss, wovon er spricht: Die Familie des langjährigen Chefausbilders des kanadischen Skilehrerverbands kommt aus Köln.

Doch es sind nicht allein der pulvrige Schnee und die jährlichen Schneefallmengen von durchschnittlich acht bis zwölf Meter, warum europäische Wintersportler nach Kanada fahren. «Es sind die unendlich vielen Möglichkeiten zum Fahren im unpräparierten Gelände», erklärt Kreutz.

In nordamerikanischen Skigebieten muss man nicht auf den Pisten bleiben. Das gesamte Areal ist freigegeben – und wird von der Ski Patrol auf Lawinen oder andere Gefahren hin überwacht. Ausserdem wird nach nächtlichen Schneefällen ein Teil der Pisten nicht präpariert. Das ermöglicht Tiefschneefahrten im gesicherten Gelände.

Naturslalom abseits der Piste

In Silver Star sind die zahlreichen Waldabfahrten ein Eldorado für Könner. «Tree Skiing» nennen die Nordamerikaner das Skifahren durch die Wälder, die viel lichter sind als in Europa. Die Baumriesen haben im unteren Viertel ihrer Stämme meist keine Äste, sodass zwischen den weit auseinander stehenden Bäumen viel Platz bleibt. «Das ist perfekt für unseren Naturslalom», erzählt Kreutz.

Besonders schöne Wald- und Geländeabfahrten gibt es in den Skigebieten von Lake Louise und Sunshine Village in der Provinz Alberta. Die berühmten Skiresorts im Banff-Nationalpark liegen im Herzen der Rocky Mountains.

Westlich des Hauptkamms schliessen sich die in der Tiefschneeszene legendären Gebiete des sogenannten «Powder Highways» an. Von Fernie führt dieser im Südwesten bis Whitewater und Red Mountain, wo mit Big Red Cats der grösste Catskiing-Anbieter der Welt beheimatet ist, und nach Nordwesten über Panorama und Kicking Horse bis Revelstoke.

Die Heimat des Heliskiing und Catskiing

Revelstoke, das Städtchen am Columbia River, bietet unendliche Freeride-Möglichkeiten im Skigebiet und rundherum in den Bergketten Selkirk und Monashees. Häufig viele Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, verstecken sich dort Lodges für Heli- und Catskiing.

Beides wurde in British Columbia erfunden. Beim Heliskiing werden Wintersportler mit Hubschraubern auf Gipfel geflogen, von denen sie – meist angeführt von einem Skibergführer und ausgerüstet mit einer Lawinenschutzausrüstung – über unberührte Hänge ins Tal gleiten. Beim Catskiing übernimmt eine in Nordamerika «Cat» genannte Pistenraupe den Transport hinauf auf den Berg.

Im Westen Kanadas liegen viele, unter Tiefschnee-Liebhabern legendäre Skigebiete wie Silver Star Mountain und Red Mountain.
Grafik: dpa-Themendienst

Bis heute ist der Westen Kanadas der Hotspot und Revelstoke die Hauptstadt des Heliskiings. Heliskiing-Erfinder und -Marktführer Canadian Mountain Heliskiing (CMH) betreibt in und rund um Revelstoke gleich fünf Lodges. Platzhirsch Selkirk Tangiers Heliskiing startet direkt vom Ortsrand aus. Das mittlerweile zum Skigebiet Revelstoke Mountain Resort zählende Unternehmen bietet ebenso wie Purcell in Golden oder RK in Panorama auch Ein- oder Zweitages-Pakete an.

«Das sogenannte Daily Heliskiing ist ideal für alle, die sich vorsichtig herantasten wollen», erklärt Andrew McNab, Guide bei Selkirk Tangiers. Denn viele Europäer hätten grossen Respekt vor dem Skifahren in der Wildnis. Schliesslich seien die meisten zu Hause ja überwiegend auf präparierten Hängen unterwegs. McNab meint aber: «Wer dort schwarze Pisten souverän meistert und körperlich fit ist, muss sich keine Sorgen machen.»

Nicht unvorbereitet in den Tiefschnee

Dennoch sollte man sich mit Kraft- und Ausdauertraining sowie skitechnisch vorbereiten. «Viele Skischulen bieten dazu spezielle Tiefschneecamps oder Einzelunterricht und auch Safety-Kurse an», wie Thomas Braun vom Deutschen Skiverband (DSV) berichtet. So bietet zum Beispiel der frühere Weltklasse-Freestyler Ernst Garhammer seit Jahren Tiefschneekurse an, schwerpunktmässig in den Alpen.

Auch in Kanada gibt es Angebote. CMH etwa bietet spezielle Wochen für Heliskiing-Einsteiger. Der deutsche Kanada-Skireisen-Pionier Stumböck Club hat Gruppenskisafaris im Angebot: Guides führen die Gäste dabei in Skigebieten an das Fahren im unpräparierten Gelände heran, bevor als Höhepunkt Heliskiing bei Selkirk Tangiers in Revelstoke folgt.

In Revelstoke veranstaltet Nigel Harrison von der Skischule «Section 8» regelmässig Camps. Genauso wie Darryl Bowie von Extremely Canadian in Whistler: Der Kanadier zählte wie Ernst Garhammer einstmals zu den besten Freestylern der Welt. Jetzt coacht er in ein- und zweitägigen Kursen im grössten Skigebiet Kanadas Skifahrer, die Grenzen ausloten wollen. «Unsere Gäste sollen nachher nicht nur steiler, sondern vor allem sicherer fahren», sagt er. Je souveräner man sich im Gelände bewege, umso mehr könne man die Natur und den Sport geniessen.

Kein Gipfel wird zufällig angeflogen

Beim Heliskiing ist schon der Weg auf den Berg ein Erlebnis. Die Flüge über gigantische Gletscher und bizarre Gipfel überwältigen. Kaum hat der Heli die Gruppe auf einem winzigen Plateau abgesetzt, verschwindet er im rasanten Sturzflug ins Tal.

Ohne die erfahrenen und sehr gut ausgebildeten Guides wären die meisten wohl im weissen Niemandsland verloren. Die Begleiter aber haben alles unter Kontrolle, weil sie die Piloten nicht einfach irgendwelche verlockenden Gipfel ansteuern lassen. Alle Landeplätze sind kartographiert, ebenso wie die Abfahrten an Gletscherspalten, Lawinenhängen und Felsvorsprüngen vorbei.

Trotz eines niemals auszuschliessenden Restrisikos ist Heliskiing die wohl sicherste Art des Freeridens. Anders als beim Tourengehen werden lawinengefährdete Passagen einfach überflogen und nur die sichersten und besten Hänge befahren. Sicherheit geht vor, weshalb auch die Gäste ein Notfalltraining absolvieren und eine komplette Lawinenschutzausrüstung tragen müssen.

Heliskiing hat seinen Preis

Heliskiing ermöglicht Tiefschneeerlebnisse, die sonst allenfalls sehr konditionsstarken Tourengehern vergönnt sind. Während die aber meist nur auf eine Traumabfahrt pro Tag kommen, sind es beim Freeriden mit Helikopter zehn bis fünfzehn. Das hat allerdings seinen Preis: Ein Tag Heliskiing kostet rund 800 Euro, eine ganze Woche mindestens 6'000 Euro - Catskiing rund die Hälfte.

Auch für die Natur hat das exklusive Skivergnügen seinen Preis, monieren Umweltschützer. Sie beklagen den CO2-Ausstoss durch die Anreise mit dem Flugzeug und die Hubschrauber sowie die Belastung für die Natur. Wobei die Kritik in Europa lauter ist als in Kanada. Dort haben Umweltverbände eher die Öl-, Gas- und Holzindustrie im Visier.

Anders als in den Alpen operieren Heliski-Anbieter in Kanada in praktisch menschenleeren Gebieten. Sichten sie Tiere, sollen die entsprechenden Areale mit einem Radius von fünf Kilometern umflogen werden. Das gibt der Branchenverband vor.

Areale grösser als der deutsche Alpenraum

Meist aber gibt es ohnehin Ausweichmöglichkeiten. Ein durchschnittliches Heliski-Areal misst rund 2'000 Quadratkilometer, die grössten erreichen mehr als 13'000. Zum Vergleich: Die bayerischen Alpen umfassen laut dem Landesumweltamt 4'200 Quadratkilometer.

Die grössten und schneereichsten Heliski-Areale liegen in den Coast Mountains im Norden von British Columbia. Dort operieren zum Beispiel Northern Escape Heliskiing (NEH) und das wiederholt bei den World Ski Awards zum besten Heliski-Anbieter gekürte Bella Coola Heli Sports.

«Wir haben hier oben 25 bis 30 Meter Schneefall pro Jahr», schwärmt Tim Wilkinson vom Anbieter Bella Coola. John Forrest, der Gründer von NEH, nennt einen weiteren Vorteil: Wenn die Helikopter wegen dichter Wolken, Nebel oder Sturm nicht fliegen können, warten die Skifahrer anderswo auf besseres Wetter. Bei Forrest gleiten sie dennoch durch den Powder. Northern Escape hat für solche Tage Pistenraupen als Ersatz für die Helis.

«So können wir garantieren, dass man bei uns praktisch jeden Tag unberührten Schnee fahren kann», verspricht Forrest. Dafür haben die Europäer schliesslich den weiten Weg auf sich genommen.

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