Wie klimaverträglich sind die neuen «grünen» Kreuzfahrtschiffe?

Philipp Laage, dpa

2.2.2020 - 18:00

Können Kreuzfahrtschiffe wirklich umweltfreundlich sein? Diese Frage stellt sich immer häufiger seit Reedereien auf Flüssiggas statt auf Schweröl setzen. Die Antwort ist eindeutig.

Wie passen Ferienreisen und Klimaschutz zusammen? Seit «Fridays for Future» rückt diese Frage ins Bewusstsein vieler Menschen.

Fliegen steht besonders unter Verdacht. Denn das Flugzeug gilt als besonders klimaschädlich. Doch wie sieht es eigentlich mit der Kreuzfahrt aus?

Die Reiseform wird von denen einen geliebt und von den anderen als Umweltsünde geschmäht. Eine erste Antwort vorweg: Es kommt darauf an.

Reedereien setzen auf LNG-Schiffe

Die Reedereien werben gerade stark mit ihren neuen LNG-Schiffen. Der Antrieb mit Flüssiggas ist weniger umweltschädlich, Emissionen werden reduziert. Aida Cruises hat mit der «Aida Nova» im Jahr 2018 das erste LNG-Kreuzfahrtschiff in Dienst gestellt, zuletzt lief die «Costa Smeralda» vom Stapel. Weitere LNG-Schiffe sind in Planung.

Also Kreuzfahrt ohne schlechtes Gewissen? Keineswegs. Der Ausstoss von Feinstaub und Schwefeloxiden wird bei LNG zwar nahezu vollständig vermieden, und die Stickoxidemissionen sind geringer. Das hilft der Luft in den Häfen und der Gesundheit der Passagiere an Bord.



Aber: «Bei der Klimaverträglichkeit geht es im Wesentlichen um CO2, ganz unabhängig vom eingesetzten Treibstoff», erklärt Dietrich Brockhagen von Atmosfair – einer Organisation, die Kompensation für den Schaden durch den CO2-Ausstoss einer Reise anbietet.

Der Haken: Die CO2-Emissionen eines LNG-Kreuzfahrtschiffs sind lediglich ein wenig reduziert. Aida Cruises spricht von minus 20 Prozent im Vergleich zu einem Marinediesel-Schiff. Tui Cruises geht von 10 Prozent weniger Emissionen aus, wenn man die gesamte Lieferkette von der Produktion bis zur Nutzung berücksichtigt.

«Fossiles LNG hat beim Klimaschutz keinen grossen Vorteil», räumt die Nachhaltigkeitsmanagerin von Tui Cruises, Lucienne Damm, ein. «Es ist bezogen auf den CO2-Ausstoss lediglich eine Brückentechnologie.»

CO2-Kompensation für Kreuzfahrten

Wer heute reist, ist fast immer für einen gewissen CO2-Ausstoss verantwortlich. Das hängt vor allem vom Verkehrsmittel ab. Das ausgestossene CO2 lässt sich aber zumindest kompensieren. Das heisst, man zahlt im Gegenzug einen freiwilligen Ausgleich.

Mit dem Geld werden Massnahmen für den Klimaschutz finanziert. Dafür muss man aber wissen, wie hoch der persönliche CO2-Ausstoss überhaupt ist. Dafür gibt es Rechner im Internet, etwa von Atmosfair und Myclimate.



Bei Kreuzfahrten ist die Berechnung des individuellen CO2-Fussabdrucks aber gar nicht so einfach – und Atmosfair bietet seinen Rechner hierzu nicht mehr an, weil die Organisation der Branche vorwirft, nicht schnell genug auf CO2-freie Kraftstoffe umzurüsten. Der Anbieter Myclimate leistet weiterhin Kompensation für Kreuzfahrten.

Rund 57 Franken für 2,4 Tonnen CO2

Und so funktioniert es: Der Nutzer macht Angaben zu Kabinentyp und -belegung, Grösse des Kreuzfahrtschiffs und Dauer der Reise. Der Rechner spuckt dann die CO2-Menge für den Urlauber aus. Beispiel: Auf einer siebentägigen Kreuzfahrt auf einem Schiff mit 2'000 bis 3'000 Passagieren zu zweit in einer Standardkabine ist der einzelne Gast für 1,5 Tonnen CO2 verantwortlich. Kostenpunkt: rund 35 Franken.

Fasst das Schiff nur 500 bis 1'000 Gäste, sind es laut Rechner schon 2,4 Tonnen. Kompensation: rund 57 Franken. Und reist man dann noch in einer Suite, steigt der Wert auf 3 Tonnen – macht rund 70 Franken. Je kleiner das Schiff und je grösser die Kabine, desto grösser ist der Anteil des einzelnen Passagiers am gesamten CO2-Ausstoss. Zum Vergleich: Mit einem Flug von Frankfurt/Main nach Gran Canaria und zurück in der Economy-Klasse stösst der Feriengast laut Myclimate 1,1 Tonnen CO2 aus.

Wenn man mit dem Flugzeug zum Schiff fliegt, ist die Umweltbilanz noch schlechter.
Bild: iStock

Der grosse Haken ist: Der Emissionsrechner für Kreuzfahrten berücksichtigt allein die Seereise. Fliegt ein Feriengast zum Hafen, kommen diese Emissionen noch oben drauf. Beim Flug Frankfurt-Barbados hin und zurück sind das laut Myclimate zusätzlich 2,4 Tonnen CO2.

Vergleiche sind schwierig

Vergleicht man die Kreuzfahrt mit Badeferien auf Mallorca, kommt aber eine weitere Schwierigkeit hinzu: «Eine Kreuzfahrt stellt nicht nur eine Transportart dar wie ein Flugzeug», sagt Thomas Tibroni, Geschäftsführer von Meravando. Das Portal übernimmt die CO2-Kompensation für die Feriengäste und zahlt dies aus den Provisionen, die das Unternehmen für die Buchungen von den Reedereien bekommt.

«Bei einer Kreuzfahrt ist das Schiff auch schwimmendes Hotel mit Gastronomie», sagt Tibroni. Bei Ferien an Land müsse man neben der Anreise etwa per Flugzeug noch das Hotel, die Aktivitäten vor Ort und zum Beispiel den Mietwagen mit einbeziehen. Sein Fazit: «Da werden Äpfeln mit Birnen verglichen.» Tibroni sagt aber auch: «Wenn ich mit dem Flugzeug zum Schiff fliege, ist die Umweltbilanz schlechter als normale Badeferien mit Fluganreise.»

Meravando arbeitet mit Myclimate zusammen. Tibroni räumt aber ein, dass der Rechner noch nicht ausgefeilt ist. Wichtige Faktoren – etwa das Alter des jeweiligen Schiffes – werden nicht berücksichtigt.

Kaum einer zahlt fürs Klima drauf

Aber wer will, kann die CO2-Emissionen seiner Kreuzfahrt also durchaus auf Basis eines halbwegs brauchbaren Mengenwerts kompensieren. Nur: Kaum ein Feriengast macht das.

MSC Cruises kündigte im November 2019 an, alle CO2-Emissionen ihrer Kreuzfahrtschiffe eigenhändig zu kompensieren. Doch zu Details und Partnern wollte sich die Reederei auf Anfrage nicht äussern.



Solange die Kreuzfahrt nicht klimaneutral ist, sehen Klimaschützer in der Kompensation ohnehin nur eine Notlösung. Doch wie realistisch ist es, dass Feriengäste bald auf «sauberen» Schiffen unterwegs sind?

Das wäre erst dann möglich, wenn die Schiffe nicht fossiles, sondern nachhaltig hergestelltes Erdgas tanken würden. Doch wann das so weit sein wird, ist derzeit noch nicht absehbar.

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