Warten vor Gucci und Co.: Ändert Krise unser Konsumverhalten?

Julia Käser

19.5.2020 - 18:01

Seit der Wiedereröffnung der Läden in der Schweiz bilden sich ab und an Warteschlangen vor deren Türen. 
Bild: Keystone

Die Hälfte der Bevölkerung will nach der Krise weniger Geld ausgeben. Eine Expertin erklärt, wieso es jetzt trotzdem Warteschlangen vor Luxusshops gibt – und was sie punkto Konsumverhalten eher überrascht. 

Sie hätten während dem Lockdown spürbar weniger Geld ausgegeben, bilanzieren rund 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer. Genauso  viele geben an, auch in Zukunft sparsamer leben zu wollen – Geschäftswiedereröffnungen und allmähliche Rückkehr zur Normalität hin oder her. Diese Erkenntnisse gehen aus einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK hervor. 

Doch inwiefern passt das zu den Bildern von langen Warteschlangen vor zahlreichen Luxusboutiquen, die nicht nur innerhalb der hiesigen Twitter-Community zu reden geben? Der Ansturm auf Luxus-Artikel ist international ein Thema. Direkt nach der Ladenwiedereröffnung in China hat ein Flagship-Store von Hermès in Guangzhou an einem einzigen Tag umgerechnet 2,6 Millionen Franken Umsatz gemacht, wie die «New York Times» berichtet.  

Anja Reimer von GfK hat an der oben erwähnten Studie mitgewirkt und geht nicht davon aus, dass die Warteschlangen vor Gucci und Co. zumindest hierzulande ein Hinweis auf eine überdurchschnittliche Nachfrage nach Luxusartikeln darstellten. Die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten seien schon immer dazu gestanden, sich auch mal etwas zu gönnen.

Während knapp zwei Monaten habe man nun notgedrungen aufs «Lädele» verzichten müssen, oder sei auf Online-Shopping ausgewichen, so Reimer. «Einige haben höchstwahrscheinlich also einfach Nachholbedarf und möchten sich die neue Kollektion in ihrer Lieblingsboutique ansehen – so wie sie es vor der Krise auch getan hätten.»

«Konsumverhalten normalisiert sich relativ schnell»

Dass die Coronakrise für ein komplettes Umdenken im Konsumverhalten sorgt, hält Reimer für unrealistisch. Aber: «In den letzten Wochen haben sicherlich viele die Erfahrung gemacht, auch ohne das neue Frühlingsoutfit auszukommen.» Zudem sei eher in langlebige Güter wie Fitnessgeräte oder Spielsachen investiert worden, die man nicht so schnell ersetzen müsse.



Die Expertin geht davon aus, dass bei viele Bevölkerungsmitgliedern punkto Konsum relativ schnell wieder Normalität einkehre – zumindest solange ihre Arbeitsplätze gesichert seien. «Rund zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer glauben nicht, dass sich ihre Situation aufgrund der Krise verschlechtern wird.»

Werde die eigene finanzielle Lage für gesichert befunden, bleibe auch das Konsumverhalten dasselbe. So habe denn auch nur eine Minderheit  der Bevölkerung eine pessimistische Sicht auf die momentane Lage.

Tatsächlich hängt laut Reimer vieles davon ab, wie sich die wirtschaftliche Lage weiterentwickelt – und ob Massnahmen wie Kurzarbeit nach wie vor gleich erfolgreich zur Abfederung beitragen könnten wie bis anhin. Schliesslich werde mit der grössten Rezession seit Langem gerechnet.

«Wie sich die Situation im Herbst gestalten wird, ist schwer vorhersehbar.» Klar sei aber: Komme es bis dahin zu zahlreichen Entlassungen, werde sich das auch im Einkaufsverhalten niederschlagen.

Klimawandel als grösste Sorge der Schweizer nach Pandemie

Überrascht hat Reimer laut eigener Aussage vor allem eine Erkenntnis der GfK-Studie: «Als grösste Sorge der Schweizerinnen und Schweizer hat sich wenig überraschend die Pandemie herausgestellt. Doch gleich dahinter folgen Klimawandel und Umweltverschmutzung.» Die Angst vor einer Rezession komme erst danach.

Dies widerspiegle denn auch ein stetiges, wenn auch langsames Umdenken im Konsumverhalten jenseits von Corona – Stichwort Nachhaltigkeit. Tatsächlich fand dieses Thema in der  Öffentlichkeit in letzter Zeit kaum statt.



Doch laut Reimer trügt der Schein. «Unsere Umfrage zeigt, dass die Umwelt-Thematik die Konsumentinnen und Konsumenten nach wie vor beschäftigt.» Das bestätige den Trend Richtung ökologischeres Einkaufsverhalten, der sich seit Längerem abzeichne – und offensichtlich auch durch die gegenwärtige Krise nicht gestoppt werde. 

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