Ladenbesitzer Neusius: «Für uns war das eine Vollkatastrophe»

Bruno Bötschi

12.5.2020 - 10:58

Rainer Neusius, Ladenbesitzer: «Ich bin guter Hoffnung, dass es in den nächsten Tagen langsam anziehen wird und immer mehr Kundinnen und Kunden kommen werden.»
Bild: bb

Endlich, die Läden in der Schweiz sind seit gestern wieder offen. Werden Geschäfte nun von Kundinnen und Kunden überrannt? Ein Ladenbesitzer erzählt.

Herr Neusius, der erste Verkaufstag nach den Lockerungen der Lockdown-Massnahmen ist vorbei. Sie betreiben in Zürich ein Geschäft für faire und nachhaltige Mode. Wie ist es gelaufen?

Bis jetzt ist noch nicht so viel gelaufen. Und die Leute, die da waren, waren ziemlich verhalten.

Wie waren die Reaktionen der Kundinnen und Kunden im Laden?

Es ist Unsicherheit spürbar, aber gleichzeitig auch viel Freude darüber, dass man jetzt wieder shoppen gehen darf.

Welche Massnahmen mussten Sie in Ihrem Geschäft wegen des Coronavirus' ergreifen?

Wir mussten die Anzahl der Menschen, die sich gleichzeitig im Laden befinden dürfen, auf fünf begrenzen. Pro zehn Quadratmeter Verkaufsfläche darf maximal eine Kundin oder ein Kunde im Laden stehen. Alle Menschen, die in den Laden kommen, müssen zudem ihre Hände desinfizieren. Wer will, kann zusätzlich eine Maske anziehen. Ich selber trage, während ich die Kundschaft berate, immer eine Maske – ausser, wenn ich an der Kasse hinter der neu aufgebauten Plexiglasscheibe stehe. Die allerwichtigste Regel ist jedoch, dass alle Kundinnen und Kunden die «Zwei-Meter-Regel» beachten. Damit das einfacher geht, haben wir auf dem Boden Markierungen angebracht.

Was hat sich sonst noch verändert?

Die Kundinnen und Kunden können nach wie vor Kleider bei uns anprobieren – mit zwei kleinen Unterschieden: Wir bringen die Kleider zur Umkleidekabine. Und nach dem Anprobieren werden alle Kleidungsstücke, die die Kundschaft nicht gekauft hat, von uns sorgfältig mit Dampf abgesteamt.



Wie haben Sie die Zeit der Schliessung erlebt?

Ehrlich gesagt, für unseren Laden war das eine Vollkatastrophe. Als Anbieter von nachhaltiger Mode, kreiert vor allem von Jungdesignerinnen und -designern, leben wir stark vom direkten Verkauf. Die Kleider, die wir anbieten, gibt es nur in kleinen, selektierten Auflagen. Aber statt den Kopf in den Sand zu stecken, haben wir uns schon kurz nach dem Lockdown entschlossen, einen Onlineshop aufzubauen.

Hat das gut funktioniert?

Der Onlineshop sorgte dafür, dass wir in den letzten Wochen doch ein bisschen Umsatz machen konnten. Aber die Zahlen, die wir sonst im Frühjahr erreichen, liegen natürlich in weiter Ferne. Die Monate März bis Mai sind bei uns, nebst der Adventszeit, eigentlich die Hauptverkaufssaison.

Haben Sie für Ihre Mitarbeitenden Kurzarbeit eingegeben?

Ja. Zudem haben wir das Angebot vom Bund angenommen, also einen zinslosen Kredit über fünf Jahre beantragt – und ihn auch bekommen. Ohne diese Hilfeleistung hätten wir nicht überleben können.

Wie sieht es mit den Mietkosten für das Ladenlokal aus?

Heute Morgen habe ich deswegen gerade nochmals mit unserem Vermieter korrespondiert. Gestundet ist der Mietzins auf jeden Fall. Ob es vielleicht eine Reduktion geben wird, steht nach wie vor zur Diskussion. Der Fall liegt zurzeit bei der Geschäftsleitung unseres Vermieters.

Woran hat es Ihnen im Homeoffice gefehlt?

Mir haben vor allem der direkte Kontakt mit den Menschen gefehlt und die vielen schönen Momente mit der Kundschaft. Das sind auch die Gründe, warum es unseren Laden gibt und wir bisher keinen Onlineshop hatten.



Wie denken Sie, wie geht es weiter?

Eine Frage, die mich sehr nervös macht. Troztdem lasse ich mich nicht unterkriegen. Wir schauen jetzt einmal, wie es anläuft und ob wir allenfalls unsere Öffnungszeiten anpassen müssen. Ich bin jedoch guter Hoffnung, dass es in den nächsten Tagen langsam anziehen wird und immer mehr Kundinnen und Kunden kommen werden.

Wird die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft verändern?

Ich weiss es nicht, aber ich hoffe darauf. Und es wäre schön, wenn wir Menschen vor allem das Gute aus dieser Krise ziehen könnten.

Geht es etwas konkreter bitte?

Die Krise könnte uns lehren, dass wir eigentlich auf ganz viele Dinge verzichten und trotzdem ein schönes Leben führen können. Ich hoffe, dass bei vielen Menschen ein Umdenken stattfindet und sie künftig ein nachhaltigeres und konsumbewussteres Leben führen werden.

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