Mehr Diversität

Modelkarriere dank einzigartigen Looks

Virginie Rivière / Mara Ittig

30.3.2019

Weit entfernt vom Klischee einer perfekten, aber gleichförmigen Schönheit, überzeugen immer mehr Models gerade aufgrund ihrer körperlichen Einzigartigkeit.

Schielen, Monobraue, Flecken auf der Haut, Albinismus – immer mehr Models punkten durch ihren speziellen Look. Ihre einzigartigen Merkmale hat sie in vielen Fällen zu perfekten Botschafterinnen für Diversität und Einzigartigkeit gemacht. Abgesehen davon sehen sie dadurch interessant aus und stehen für eine vielfältige und facettenreiche Form von Schönheit. 

Den Trend zu mehr Diversität und Inklusion haben inzwischen auch die Modeindustrie und die Werbung entdeckt. Eine Welt, die bis anhin voller Stereotype war, scheint sich in der Tat allmählich zu verändern und auch eine andere Schönheit als jene, die einem gängigen Ideal entspricht, zuzulassen. 

Merkmale, die früher eine unüberwindbare Hürde für eine Model-Karriere dargestellt hätten, erweisen sich heute als spannendes Alleinstellungsmerkmal.

Winnie Harlow, Nikia Phoenix, Maeva Giani Marshalls – die Gesichter dieser Frauen sind mit grosser Wahrscheinlichkeit bekannt. Sie heben sich von der Masse ab, fallen auf, bleiben im Gedächtnis haften. Doch wer sind diese Models, die dank ihres einzigartigen Looks über die Laufstege schreiten und von Titelseiten von Magazinen lächeln? 

Die Schönheit steckt in der Haut

Winnie Harlow, mit bürgerlichem Namen Chantelle Brown-Young, wurde im Jahr 2015 entdeckt, mittlerweile ist sie unter anderem Markenbotschafterin der spanischen Modelinie «Desigual». Ihr auffälligstes Merkmal ist augenscheinlich ihre Haut, die wegen einer Vitiligo-Erkrankung helle Flecken im Gesicht und auf dem ganzen Körper aufweist.

Litt Winnie Harlow als Kind unter den Flecken, so beschert ihr einzigartiger Look der Kanadierin heute grossen internationalen Erfolg. Sie ist auf dem Cover zahlreicher Magazine zu sehen, Markenbotschafterin von L'Oréal, Victoria's Secret-Engel und setzt sich bei Konferenzen regelmässig dafür ein, dass «Schönheit kein Gesicht hat». «Manche haben schwarze Haut, andere haben weisse Haut, ich habe eben beides», verkündet sie humorvoll und selbstbewusst.

Maeva Giani Marshall hat ebenfalls eine ungewöhnliche Haut. Das Topmodel erlitt mit 20 Jahren einen Schlaganfall und reagierte allergisch auf die verschriebenen Medikamente, die schliesslich zusammen mit Sonneneinstrahlung braune Flecken auf ihrem Gesicht und ihrem Körper hinterlassen haben.

Marshall arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits als Model, doch so richtig Fahrt nahm ihre Karriere erst nach dem Schicksalsschlag auf: «Heute bin ich sehr viel gefragter als vorher, aber ich möchte nicht wie ein Zirkustier behandelt werden», verrät sie der Zeitung «La Parisienne». Das Markenzeichen mache sie für Modeschöpfer nun umso interessanter.

Gleiches lässt sich über die Amerikanerin Nikia Phoenix sagen: Ihre afroamerikanischen Wurzeln in Verbindung mit ihren zahlreichen, ausgeprägten Sommersprossen geben ihrem Aussehen eine spezielle Ausdruckskraft. Ihr besonderes Merkmal ist nicht eine unregelmässige Pigmentierung der Haut, sondern die ungewöhnliche – oder vielmehr fehlende – Farbe von Haut und Haar.

Topmodels mit Albinismus

Die Russin Nastya Zhidkova und die US-Amerikanerin Diandra Forrest sind beide Albino-Models. Eine transparente Haut, nahezu weisse Haare, Augenbrauen und Wimpern verleihen Nastya eine mystische Aura.

Diandra wiederum ist Afro-Amerikanerin und hat sehr unter ihrem Albinismus gelitten. Heute wird sie von den renommierten Model-Agenturen Elite und Ford vertreten und gilt als Muse von Vivienne Westwood, hat aber auch schon in einem Clip von Kanye West mitgespielt.

Eigenwillige Blicke

Strahlende Augen zählen für viele Menschen nach wie vor zu den wichtigsten Schönheitsmerkmalen. Ausdrucksstarke Augen sind aber mindestens genauso gut. Das weiss auch Moffy Gathorn Hardy alias «Moffy»: Die Engländerin wurde mit Amblyopie geboren, «einem faulen Auge». Die Frau mit dem Spitznamen «funny eyes» hat es geschafft, ihr Schielen zu ihrem Markenzeichen zu machen und posiert seitdem für zahlreiche Designer, darunter Chanel.

Für einen einzigartigen Blick können auch Wimpern und Augenbrauen eine grosse Rolle spielen. Körperbehaarung feiert in den sozialen Medien gerade ein Comeback, und so verwundert es kaum, dass es einige Models nun auch im Gesicht wild spriessen lassen und sich die Augenbrauen nicht mehr zupfen.

So auch Sophia Hadjipanteli: Die ausgeprägte Monobraue bringt der 22-jährigen Amerikanerin mit zypriotischen Wurzeln auf Instagram viel Aufmerksamkeit – nicht nur positive, wie sie in einer britischen TV-Sendung sagt. Doch das ist für sie kein Grund, sich zu verstecken.

Innerhalb der Body-Positivity-Bewegung, die für die Akzeptanz eines natürlichen und diversen Schönheitsbildes steht, hat das Model einen eigenen Hashtag ins Leben gerufen: #UnibrowMovement, «die Monobrauen-Bewegung».

Den Trend zur Monobraue und Selbstakzeptanz unterstützt auch ihre Kollegin Scarlett Costello. Das Model steht ebenfalls zu seinem Aussehen inklusive Monobraue und lädt alle Welt dazu ein, es ihr gleichzutun. «Ich glaube wirklich, dass alle schöner sind, wenn sie ihren Körper so akzeptieren, wie er ist. Dieses Vertrauen in unsere eigene natürliche Schönheit ist wichtig», erklärt sie.

Verschiedene Körper

Ein Alleinstellungs-Merkmal, das schwieriger hinzunehmen ist, ist eine körperliche Beeinträchtigung. Die Modewelt öffnet sich momentan auch für Frauen, die man so bisher noch nicht in der Werbung gesehen hat.

Jillian Mercado, die an Muskeldystrophie leidet, ist eines der ersten Models im Rollstuhl. Die Amerikanerin erregte zunächst als Bloggerin Aufmerksamkeit, bevor sie für grosse Marken und sogar für eine Kollektion von Beyoncé posierte. «Unser Gehirn (das der ganzen Gesellschaft) wurde darauf konditioniert, sich nicht für Menschen mit Behinderungen oder zumindest für ihre Welt zu interessieren», erklärte sie der Vogue.

Glücklicherweise ändert sich aber auch diese Auffassung. Aimee Mullins, paralympische Sportlerin und Markenbotschafterin grosser Modelabels, ist ein weiterer Beweis dafür. Sie kam ohne Wadenbeine zur Welt, arbeitet heute als Schauspielerin, Model und Sportlerin und definiert in ihren vielbeachteten Ted-Talks den menschlichen Körper auf beeindruckende Art neu. 

Ein anderes Beispiel ist die Sängerin und Performerin Viktoria Modesta, deren linkes Bein amputiert wurde und die nach der Teilnahme an zahlreichen Fashion Shows zum Star des glamourösen Pariser Kabaretts «Crazy Horse» wurde. In den Shows des Kabaretts kann man sie nun als «Bionic Girl» tanzen sehen. Ihre Beinprothese trägt sie dabei stolz wie ein Schmuckstück: «Es gibt Leute, die dazu geboren wurde, anders zu sein», sagt sie zu «Le Parisien».

Ein selbstbewusster Umgang mit Anders-Sein, gepaart mit der Weiterentwicklung unserer Denkweise und einer zunehmenden Inklusion und Toleranz auch in der Werbung, lässt hoffen, dass in Zukunft alle möglichen Körpertypen als schön angesehen werden. 

Ein aussterbendes Schönheitsideal: Die Chin-Frauen von Burma
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