Krisentreffen am Amazonas Das musst du zur Klimakonferenz wissen

dpa

10.11.2025 - 20:53

Zehn Jahre nach dem Abkommen von Paris ist die Klimakrise alles andere als bewältigt. Stattdessen ist das Problem weitaus grösser geworden. Nun gibt es ein Krisentreffen an einem ganz besonderen Ort.

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DPA, Redaktion blue News

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Am Rande des Amazonas-Regenwaldes hat die Weltklimakonferenz  begonnen.
  • Seit dem Durchbruch beim Pariser Klimaabkommen, die Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen, sind die Emissionen jedoch noch weiter gestiegen.
  • Derzeit steuert die Welt auf eine Erwärmung von 2,8 Grad zum Ende des Jahrhunderts zu, die 1,5-Grad-Grenze wird wohl innerhalb der nächsten zehn Jahre gerissen.
  • Es drohen katastrophale Folgen für die Menschheit.
  • Nur rund ein Drittel der Länder hat entgegen aller Verpflichtungen bis zur Konferenz neue Klimaschutzpläne bis zum Jahr 2035 eingereicht.

Vor zehn Jahren brach Jubel aus in Paris: Nach zähem Ringen hatte sich die Weltgemeinschaft darauf verständigt, die Klimakrise in den Griff bekommen zu wollen. Das Pariser Klimaabkommen war geboren. Inzwischen hat sich die Krise aber deutlich weiter zugespitzt – und man trifft sich in Brasilien am Rande des für das Weltklima so wichtigen Tropenwalds am Amazonas. 

In den vergangenen Tagen kamen bereits Staats- und Regierungsschefs aus aller Welt nach Belém. Doch erst jetzt, wo sie wieder abgereist sind, geht es richtig los mit den harten Verhandlungen. Es steht viel auf dem Spiel.

Wie steht es denn mittlerweile ums Klima?

Laut aktueller UN-Prognose steuert die Welt mit ihrer aktuellen Klimapolitik auf 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu – und damit auf katastrophale Folgen für die Menschheit. Das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts gerissen. Das würde heissen: mehr Stürme, mehr Überschwemmungen, mehr Dürren und so weiter – von drohenden Kipppunkten mit unumkehrbaren Folgen mal ganz abgesehen.

UN-Generalsekretär António Guterres betonte vor den Staatenlenkern aus aller Welt: «Die bittere Wahrheit ist, dass wir es nicht geschafft haben, unter 1,5 Grad zu bleiben.»

Bislang vermochten es die Menschen trotz aller Konferenzen und Pläne nicht, das Ruder herumzureissen: Die weltweiten Emissionen erhöhen sich weiterhin. Im vergangenen Jahr stiegen sie der Weltwetterorganisation (WMO) zufolge sogar so drastisch wie seit Beginn der modernen Messungen 1957 nicht. 

Und nun soll am Amazonas die Kehrtwende gelingen?

Brasilien will die Symbolkraft des Amazonas nutzen, um der Welt die Dringlichkeit vor Augen zu führen. «Wer den Wald nur von oben sieht, weiss nicht, was unter seinem Dach geschieht», betont der brasilianische Gastgeber Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Die Welt müsse der Realität ins Auge sehen. 

Der deutsche Greenpeace-Chef Martin Kaiser warnt: Nehme die Entwaldung durch Abholzung noch um einige Prozent zu, verwandle sich der Regenwald in eine Savanne. «Dann kippt das globale Klima. Ohne den Schutz des Amazonas gibt’s keinen Klimaschutz. Das ist eine so simple wie unbequeme wissenschaftliche Wahrheit.» Grosse Waldgebiete wie der Amazonas sind natürliche Speicher für Treibhausgase – was in Bäumen und Pflanzen steckt, belastet nicht das Klima.

Mit Brasilien findet der Klimagipfel nach drei Jahren in autoritär regierten Staaten – Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate und Aserbaidschan – erstmals wieder in einem demokratischen Land statt, das mehr Raum für Proteste von Aktivistinnen und Aktivisten bietet.

Doch die Vorzeichen sind nicht die besten. Kriege und andere Krisen lassen das Klima auf der Prioritätenliste vieler Regierungen nach unten rutschen, fast überall sind die Kassen klamm. Die Öl- und Gaslobby will die Energiewende ausbremsen – und hat mit US-Präsident Donald Trump einen mächtigen Unterstützer bekommen.

Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur sei 1880.
Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur sei 1880.
A. Brühl/dpa

Lässt sich Trump in Brasilien blicken?

In Belém wird der US-Präsident nicht erwartet – schon am ersten Tag seines Amtsantritts hatte er im Januar den erneuten Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen unterzeichnet. Wirksam wird dieser Austritt allerdings erst ein Jahr später. 

Als Elefant im Raum ist Trump trotzdem präsent: Mit dem Rückzug der USA fehlt Geld – sowohl für die UN-Konferenzen als auch bei der für die ärmeren Länder so wichtigen Unterstützung bei Klimaschutz und Anpassung an die steigenden Temperaturen und ihre Folgen.

Worum geht es bei der Konferenz konkret?

Viele Staaten haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Nur rund ein Drittel hat entgegen aller Verpflichtungen überhaupt bis zur Konferenz neue Klimaschutzpläne bis zum Jahr 2035 eingereicht – und die vorliegenden reichen zur Eindämmung der Krise nicht aus. «In den kommenden Jahren bis 2035 muss deutlich mehr geschehen als das übliche «business as usual», betont Kaiser. Auch UN-Klimachef Simon Stiell macht zum Auftakt Druck: «Wir müssen viel, viel schneller werden.» 

Auf der offiziellen Agenda steht vor allem die Anpassung an die Klimafolgen. Hier brauche es Indikatoren, die Fortschritte messbar machen, erklärt Laura Schäfer, die bei der Organisation Germanwatch den Bereich Internationale Klimapolitik leitet. «Dazu brauchen die ärmsten und verletzlichsten Länder Klarheit und Verlässlichkeit, wie sie bei Massnahmen für Klimaschutz und dem Umgang mit Klimawandelfolgen finanziell unterstützt werden.»

Gastgeber Brasilien wirbt für einen neuen, milliardenschweren Fonds zum Schutz tropischer Regenwälder. Länder, die ihre Tropenwälder erhalten, sollen belohnt werden. Für jeden zerstörten Hektar sollen hingegen üppige Strafen fällig werden und in den Fonds fliessen.

Weltklimagipfel in Brasilien beginnt mit Appell zur Zusammenarbeit

Weltklimagipfel in Brasilien beginnt mit Appell zur Zusammenarbeit

Eröffnung der diesjährigen Weltklimakonferenz in Belém in Brasilien. Die Wahl des Austragungsortes im Amazonasgebiet soll symbolisch die Bedeutung der Wälder für das Weltklima betonen. Wie die Konferenzen zuvor soll auch diese Zusammenkunft die politischen Bemühungen zusammenfassen, die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren.

10.11.2025

Welche Rolle spielt die EU?

Die EU galt auf den Klimakonferenzen lange als Kämpfer für mehr Ehrgeiz – doch diese Zeiten haben sich geändert. Wegen enormer Widerstände hat sich die EU erst in letzter Minute auf das für die Konferenz fällige Klimaziel bis 2035 geeinigt. Die EU will nun bei ihren angestrebten Emissionsminderungen bis zu fünf Prozentpunkte schon ab 2031 durch Klimazertifikate aus dem Ausland erzielen. 

Der Klimaforscher Niklas Höhne vom NewClimate Institute bezeichnete dies als Rückschritt, der es auch unwahrscheinlicher mache, tatsächlich bis 2050 klimaneutral werden zu können. Die EU lasse nun Zertifikate zu, die sie noch für ihr 2030er-Ziel wegen Zweifeln an ihrer Seriosität ausgeschlossen habe. 

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bei seinem Besuch in Belém angekündigt, Deutschland wolle sich am Fonds beteiligen – eine konkrete Summe hatte er jedoch nicht im Gepäck.

Was wäre ein Erfolg in Brasilien?

Im besten Fall würde ein Paket beschlossen, «um alle notwendigen Schritte zu gehen, damit die globale Erwärmung doch noch unter 1,5-Grad-Pfad stabilisiert werden kann», betont Kaiser – inklusive eines verbindlichen Plans zum Ausstieg aus fossilen Energien. Bei der vergangenen Klimakonferenz hatten Ölstaaten wie Saudi-Arabien versucht, eine Vereinbarung zum angestrebten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas zu blockieren. 

Zudem wäre Beobachtern zufolge wichtig, Zusagen an ärmere Länder mit Geld zu unterfüttern. Im vergangenen Jahr in Aserbaidschan waren einige dieser heiklen Fragen aufgeschoben worden.

Ist das Pariser Abkommen gescheitert?

Die Expertinnen und Experten sind sich einig: Ohne das Abkommen wäre die Welt auf einem noch schlechteren Kurs – nämlich vier bis fünf Grad Erderwärmung, wie sie zuvor prognostiziert wurden. «Das Pariser Klimaabkommen hat etwas ins Rollen gebracht und das ist überhaupt nicht mehr aufzuhalten», hält Klimaforscher Höhne etwa mit Blick auf den rasanten Ausbau erneuerbarer Energien fest. Die Welt habe sich verändert und das werde auch weitergehen.