Millionen Karten und Briefe schreiben statt Türklinken putzen

Von René Sollberger, Santa Rosa

31.10.2020 - 10:00

Die 87-jährige Sally Risberg mag Schweizer Fondue. Daher nehme ich ab und zu alles Notwendige mit, wenn wir sie besuchen, und dann reden wir beim Käse über ein Amerika ohne Trump, so wie Sally es sich zurückwünscht.
Bild: René Sollberger

Das traditionelle Von-Haus-zu-Haus-Gehen, um Leute zum Wählen zu bewegen, fällt in den USA wegen Corona aus. Dafür sind Briefe und Karten hoch im Kurs: Sally Risberg und Jaime Richards machen und schreiben mit.

Sally Risberg schreibt und schreibt. Die 87-Jährige war früher Lehrerin an der Great Valley Highschool in Malvern, Pennsylvania. Meine Frau war dort Schülerin und hat mit Sally bis heute Kontakt. Manchmal laden wir sie zum Fondue ein. 1996 wurde Sally pensioniert und zog an die Westküste, nach Kalifornien. Heute lebt sie in einer Seniorenresidenz in Santa Rosa.

Im Mai hat sie nach mehr als 63 Ehejahren ihren Mann Don verloren, und wegen des Coronavirus muss sie ihre Kontakte auf ein Minimum beschränken. Also hat sie Zeit – viel Zeit.

Im Fokus: US-Wahlen 2020

Amerika wählt: «blue News» begleitet die heisse Phase des Duells um das Weisse Haus nicht nur mit dem Blick aus der Schweiz, sondern auch mit Berichten von Schweizer Journalisten, die in den USA leben. Trump oder Biden? Am 3. November wird gewählt – nicht nur der Präsident, sondern auch ein Drittel des Senats, das komplette Repräsentantenhaus sowie in elf Staaten der Gouverneur.

Zusammen mit etwa 35 weiteren Senioren schreibt sie Postkarten an Menschen in Swing States, Wackelstaaten, wo das Ergebnis der Wahl offen ist – etwa nach North Carolina, Montana und Idaho. «Ich habe bestimmt schon mehr als 100 Karten geschrieben», sagt sie. Geplant sind in den USA insgesamt 13 Millionen Karten und Briefe. Überall im Land haben sich freiwillige Wahlhelfer in Verbänden organisiert und beliefern Schreibwillige mit Material.



Auch Jaime Richards macht mit, mein ehemaliger Nachbar in Castro Valley in Kalifornien. «Mein Ziel waren drei Briefe pro Tag während 100 Tagen, also insgesamt 300 Briefe», sagt der High-School-Lehrer für Geschichte und Staatskunde, der seit einem Jahr pensioniert ist. «Viele haben mehr geschrieben, ich habe von Leuten gehört, die 1'000 Briefe und mehr verschickt haben.»

Jaime gibt sich grosse Mühe, die Briefe mit einem persönlichen Touch zu versehen. Er schmückt sie mit Smileys und einer Skizze seiner beiden Grosskinder, und schreibt dazu: «Ich habe zwei Enkeltöchter, also ist Wählen für mich wichtig, sehr wichtig.»

Die Sterne in der US-Flagge an der Wand hat er zu einem Peace-Zeichen angeordnet: Jaime Richards, Lehrer für Geschichte und Staatskunde, in seinem Klassenzimmer an der Mission San Jose High School in Fremont, Kalifornien. 
zVg

Wahlempfehlungen sind tabu

Die Briefe sind teilweise vorgedruckt, lassen aber viel offenen Platz für Handschriftliches. Studien haben ergeben, dass diese Kombination am besten funktioniert, um die Aufmerksamkeit der Empfänger zu bekommen.

Bei Sally sind es Postkarten, meist mit einem Landschaftsbild aus dem Zielstaat auf der Vorderseite und leer auf der Rückseite. Der Text ist vorgegeben, variiert aber je nach Staat und Empfängergruppe. Ein wichtiger Grundsatz dabei: «Man darf keine Wahlempfehlung oder Namen von Kandidaten auf die Karte schreiben, nur den Aufruf, doch bitte wählen zu gehen.»

Natürlich zielen die Parteistrategen auf die eigene Klientel, in diesem Fall auf potenziell demokratische Wähler. «Man will Personen ansprechen, die man als demokratisch einschätzt und die vor vier Jahren nicht gewählt haben», sagt Sally. Wenn die Daten gesichert sind, werden die Leute auf der Postkarte auch genauso angesprochen, also zum Beispiel: «Hallo Jim, du bist vor vier Jahren nicht wählen gegangen. Wählen ist aber wichtig, denn dadurch kannst du mitbestimmen, wer künftig unser Land lenkt.»

Hauptziel für die Demokraten ist es laut Sally, die kleine Kammer, also den Senat, zu gewinnen, wo derzeit die Republikaner mit 53 zu 47 die Mehrheit haben. «Man zielt also auf Staaten, wo man am wahrscheinlichsten mit einem Erfolg rechnet.»



Mit Schwamm und Wasser zum Briefmarken Kleben

In der Seniorenresidenz ist jetzt Klebetag. Briefmarken müssen auf die Postkarten. Sie kosten 35 Cents pro Stück und werden aus einem Spendentopf bezahlt. Auch Sally hat etwas beigesteuert. Und natürlich ist sie bei der Klebeaktion dabei.

Sie bringt einen kleinen Schwamm und etwas Wasser mit. «Ich will die Marken doch nicht abschlecken», dachte sie sich. Und dann lacht sie, als sie realisiert, dass die Briefmarken selbstklebend sind. «Ach, da sieht man es wieder, ich bin nicht mehr auf dem neuesten Stand.» Ihr Trost: Auch eine andere Seniorin hat Schwämmchen und Wasser mitgebracht.

René Sollberger lebt seit 2013 in den USA, zuerst zwei Jahre in Boston, danach fünf Jahre in San Francisco, seit 2020 in Las Vegas. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet und arbeitet als Journalist mit Fokus auf Wirtschaft und Politik, früher u. a. bei «Cash», «Berner Zeitung» und «Handelszeitung».

Zurück zur Startseite