Tod in der Timeline: Mit Algorithmen Kriegsverbrechen aufspüren

17.5.2018 - 11:10, dpa

Kriegsverbrechen wie Gifgasangriffe können auch über die Timelines der Sozialen Medien aufgedeckt werden.
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Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) bestätigten, dass am 7. April in der damals noch von Rebellen kontrollierten Stadt Duma Giftgas eingesetzt wurde. Augenzeugen berichteten, die Stadt Duma sei am 7. April mehrmals bombardiert worden. Der folgenschwerste Angriff ereignete sich demnach gegen etwa 19.30 Uhr Ortszeit nahe dem Märtyrerplatz.
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Wie viele Tote gab es? Zur genauen Zahl gibt es unterschiedliche Angaben. Die Weisshelme berichteten zunächst von mehr als 150, mussten dann aber einen Fehler einräumen und korrigierten die Zahl auf inzwischen 43. Die Vereinten Nationen sprechen unter Berufung auf Berichte von mutmasslich 49 Getöteten. Bellingcat kommt nach Auswertung von Bildern auf mindestens 34 Tote.
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Welches Giftgas könnte in Duma eingesetzt worden sein? Wie andere Augenzeugen berichtete auch ein Sanitäter, der von der deutschen Hilfsorganisation "Adopt a Revolution" zitiert wurde, von starkem Geruch nach Chlor: "Woher wir wussten, dass es Chlorgas ist? Zunächst mal am Geruch, wir kennen diesen Geruch inzwischen." Ein Arzt berichtete, er habe bei Patienten Symptome gesehen, die nicht denen bei einem Angriff mit Chlor, sondern mit einem Nervengas ähnelten.
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Die Experten nahmen Proben von Boden, Wasser, Gebäuden. Dort kann eine hohe Konzentration von Chlor etwa auf Chlorgas deuten. 
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Wer war für den vermuteten Giftgaseinsatz verantwortlich? Nur eine unabhängige und umfassende Untersuchung vor Ort kann darauf eine gerichtsfeste Antwort geben. Die vorliegenden Informationen richten den Verdacht jedoch gegen die Armee. So warfen Helikopter der Luftwaffe bereits früher ähnliche gelbe Zylinder bei Angriffen mit Chlorgas ab, wie aus einem Bericht von Human Rights Watch hervorgeht. (Symbolbild)
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Augenzeugen berichteten, sie hätten kurz vor dem Angriff am Abend zwei Hubschrauber über Duma gesehen. Auch oppositionelle Beobachter des syrischen Luftraums meldeten, eine halbe Stunde vor dem Angriff seien zwei Helikopter desselben Typs vom Regierungsmilitärflugplatz Al-Dumair Richtung Duma gestartet. Bellingcat kommt zu dem Schluss, dass höchstwahrscheinlich ein solcher Helikopter an Dumas Märtyrerplatz einen Zylinder mit Chlorgas abgeworfen hat. (Symbolbild)
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Hat Syriens Regierung schon früher Giftgas eingesetzt? Ja. Eine unabhängige Ermittlungskommission der Vereinten Nationen macht sie für mindestens 28 Angriffe mit Giftgas seit 2013 verantwortlich. Für weltweites Entsetzen sorgte der Einsatz von Sarin am 4. April 2017 in der Stadt Chan Scheichun, wo Dutzende starben. (Symbolbild)
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Warum sollte die Assad-Regierung Giftgas eingesetzt haben? Assad-Anhänger argumentieren, die Regierung habe kein Motiv für einen Giftgaseinsatz in Duma, da die Rebellen dort zum Zeitpunkt des Angriffs schon verloren hätten. Gegner der Regierung halten dagegen, sie wolle mit Chemiewaffen möglichst viel Schrecken verbreiten und die Rebellen zur Aufgabe zwingen. Die letzten Rebellen im Duma stimmten erst am Tag nach dem vermutlichen Angriff ihrem Abzug zu.
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Als einer der ersten Konflikte findet der Syrienkrieg «live» in den Timelines, dem Nachrichtenstrom sozialer Netzwerke statt. Menschenrechtler wollen das zur Aufklärung von Kriegsverbrechen nutzen. Doch es gibt Hürden.

Einen Moment lang taucht der Feuerball die Landschaft in grelles Licht. Schemen von Gebäuden werden sichtbar. Dann legt sich die Nacht wieder wie ein Schleier über das Geschehen. Was sich im Inneren des Krankenhauses in Idlib im Nordwesten Syriens abspielt, gegen das sich der Luftschlag richtet, lässt das Amateurvideo nur erahnen. Es ist die vierte Attacke gegen ein Krankenhaus in der Stadt innerhalb eines Monats.

Nachgewiesen haben dies Menschenrechtler der Gruppe Syrian Archive. Im Berliner Büro der Gruppe, die Menschenrechtsverstösse mit Hilfe von Internetvideos aufspürt, ist der Krieg in Syrien stets präsent.

Sollte die Staatengemeinschaft Kriegsverbrechen im seit 2011 andauernden Konflikt eines Tages aufklären wollen, könnte künstliche Intelligenz (KI) dabei eine Schlüsselrolle spielen. Die App «VFrame», die die Gruppe zusammen mit Wissenschaftlern entwickelt hat, könnte es möglich machen. Im Rahmen der «Open Knowledge Foundation Deutschland» wird das Projekt vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Krieg live in den Timelines

Hadi Khatib spricht bedächtig, als er Anfang Mai auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin präsentiert, was die Arbeit seiner Mitarbeiter in Berlin und ihrer Unterstützer in Syrien bereits revolutioniert hat. Er ist Gründer des Syrian Archive. Die 2014 in Berlin gegründete Gruppe sammelt, verifiziert und analysiert Videos und Bilder aus öffentlich zugänglichen Quellen, um Menschenrechtsverstösse von allen Beteiligten zu dokumentieren. Der Fokus liegt auf dem Syrienkonflikt. Mehr als 1,5 Millionen Videos hat das Syrian Archive gesammelt. Das seien mehr, als ohne technische Hilfe ausgewertet werden könnten. Rund 4'500 der Clips hat die Gruppe bis Anfang Mai verifiziert.

Der Krieg in Syrien ist einer der ersten Konflikte, der live in die Timelines sozialer Netzwerke übertragen wird - in Form verwackelter Handyaufnahmen auf Youtube, Facebook oder Twitter. Während Menschen Videos in Gänze schauen müssen, um eventuelle Hinweise auf Menschenrechtsverstösse zu entdecken, liefert die App in Sekunden einen Zusammenschnitt verdächtiger Funde. Etwa 51 Mal schneller als Menschen sei das Programm, sagt der Wissenschaftler und Mitentwickler Adam Harvey.

«Verdächtig», das sind vor allem nach internationalen Übereinkommen geächtete Kriegsmittel - Waffen und Munition, zum Beispiel bestimmte Giftgaszylinder. Achtzehn Waffentypen kann der Algorithmus bereits erkennen, selbst dann, wenn sie nur verdreckt oder beschädigt zu sehen sind. Bis Anfang Juni wollen die Entwickler dem Programm die Erkennung weiterer Munitions- und Waffentypen antrainieren. So sollen auch Ressourcen freigesetzt werden für die aufwendige Verifikation.

Katib zeigt Aufnahmen eines Luftangriffs in Aleppo. «Wer hat Zugriff auf den Luftraum?», fragt er und antwortet selbst: Syrien und Russland. Die Kamera folgt dem Geschoss eines Kampffliegers. Gebäude ragen ins Bild. Khatib markiert sie. «Wir gehen durch das gesamte Video und markieren Landmarken», sagt er. Anhand der Markierungen wird der Ort der Aufnahmen bestimmt. Kinder laufen durchs Bild. «Es passiert in zivilem Gebiet, wir haben das mit Satellitenbildern abgeglichen.» Auch bei der Verifikation hilft die App, indem sie Informationen, sogenannte Metadaten, ausliest und wiederherzustellen hilft.

Hinweise auf Kriegsverbrechen

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Im Versuch, extremistische Inhalte zu verhindern, löschten Mitarbeiter von Youtube, Facebook und anderen sozialen Netzwerken massenhaft Aufnahmen, die Menschenrechtsverstösse belegen könnten, erklärt Khatib. Allein Youtube löschte laut eines Transparenzberichts im vergangenen Jahr mehr als 8 Millionen Videos mit «unangemessenen Inhalten».

Auch hier helfen Algorithmen: Etwa 6,7 Millionen dieser Videos wurden automatisch gelöscht. Viele der Videos, die Anbieter wie Youtube im vergangenen Jahr gelöscht hätten, enthielten keinen Extremismus. Dafür enthielten sie Hinweise auf Kriegsverbrechen, sagt Khatib, der die Löschpraxis kritisiert und dessen Mitarbeiter alles sichern, was sie finden können.

Die Inhalte sind oft traumatisierend. «Die Kamera fokussiert auf Dämpfe, die aus den Körpern austreten», heisst es in der Beschreibung eines Videos, das Opfer einer mutmasslichen Giftgasattacke zeigt. Seit der Chemiewaffenkonvention von 1993, die vier Jahre später in Kraft trat, sind Chemiewaffen weltweit geächtet. 212 mutmassliche Chemie-Attacken während des Syrienkriegs hat das Syrian Archive lokalisiert. Eine Datenbank, die die Organisation Ende April zu den mutmasslichen Attacken angelegt hat, listet mehr als 860 verifizierte Videos.

«Wir wollen sicherstellen, dass die visuelle Dokumentation für jede Art von juristischer Aufarbeitung genutzt wird», sagt Khatib. Auch für rechtswissenschaftliche Forschung solle das Material genutzt werden - weil die aus Netzwerken kopierten Bilder den Anforderungen von Gerichten nicht immer genügen.

Erster Haftbefehl durch Internetvideos

Der erste Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof allein auf Grundlage von Internet-Videos erlassen hat, liegt nur wenige Monate zurück. Bis heute wartet die Behörde auf die Auslieferung des hochrangigen libyschen Offiziers Mustafa al-Werfalli. Aufnahmen aus Bengasi sollen ihn bei der Erschiessung gefesselter Menschen zeigen.

Längst gibt es andere, die wie das Syrian Archive auf digitale Beweissuche gehen. So hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sogenannte «Digital Verification Corps». Mit Hilfe der Verifikationsspezialisten zeigte die Organisation unter anderem Misshandlungen von Flüchtlingen auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea auf.

Zu den Pionieren gehört auch das Recherchenetzwerk Bellingcat um den britischen Investigativjournalisten Elliot Higgins. Mit beiden Gruppen kooperiert das Syrian Archive. Der Haftbefehl gegen den Libyer Al-Werfalli macht den Aktivisten Hoffnung: Die digitale Verbrechensaufklärung erreicht - trotz Hürden - langsam die Justiz. Welche Rolle künstliche Intelligenz dabei spielen wird, entscheidet sich aktuell auch in Deutschland und Syrien.

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