«Das kleine Zeitfenster schliesst sich rasant» 

Von Gil Bieler mit Material der dpa

2.12.2019 - 18:30

Dürren, Stürme, schmelzende Gletscher: Die Folgen der Erderwärmung sind nicht mehr zu übersehen. Was kann am Klimagipfel von Madrid erreicht werden? Und wie steht die Schweiz beim Klimaschutz da? Die Antworten. 

Heute Montag hat in Madrid die 25. Klimakonferenz der Vereinten Nationen begonnen – doch trotz der Jubiläumszahl kommt so gar keine Feierstimmung auf. Patricia Espinosa, Chefin des UNO-Klimasekretariats, warnte eindringlich: «In diesem Jahr haben wir die zunehmenden Folgen des Klimawandels gesehen, sich verschlimmernde Dürren, Stürme und Hitzewellen.»

Die Mexikanerin rief die Teilnehmerstaaten dazu auf, in Madrid noch ehrgeizigere Aktionspläne aufzugleisen: «Das kleine Zeitfenster, um uns gegen den Klimawandel zu wappnen, schliesst sich rasant.»

Wie stehen die Welt – und die Schweiz – in Sachen Klimaschutz aktuell da? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:

Ist die Lage wirklich so düster?

Ja. Denn trotz aller Anstrengungen beschleunigt sich die globale Erwärmung zurzeit sogar noch. Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats um ein Grad aufgeheizt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, und die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. 

Und das ist erst der Anfang: Geht es weiter wie bisher, liegt der Temperaturanstieg Ende des Jahrhunderts bei 3,4 bis 3,9 Grad, wie das UNO-Umweltprogramm Unep vor Kurzem vorgerechnet hat. Angestrebt werden aber maximal 1,5 Grad mehr, um fatale Kipppunkte für das Ökosystem zu vermeiden.



Die bisher erlassenen Massnahmen zur Reduktion schädlicher Treibhausgabe reichen dafür aber bei Weitem nicht aus, wie Forscher im Vorfeld des Gipfels ausgerechnet haben: Fast drei Viertel der 184 Zusagen, die die Länder eingereicht haben, sind demnach nicht ehrgeizig genug. Gemessen am Ziel, den Ausstoss bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten gemeinsam und sieben weitere Länder auf Kurs – darunter immerhin auch die Schweiz. 

Worum geht es in Madrid?

An der Klimakonferenz vom 2. bis 13. Dezember nehmen insgesamt 197 Delegationen aus aller Welt teil. Auch die USA sind vertreten, obwohl die Regierung von Präsident Donald Trump ihren Ausstieg verkündet hat. Dieser Prozess ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Inhaltlich geht es um die Weiterführung der Ziele, die im Pariser Abkommen von 2015 definiert wurden: Das Hauptziel bleibt es, die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen – wenn möglich sollen es höchstens 1,5 Grad sein.


Galerie: Das Sterben des ewigen Eises

Die einzelnen Unterzeichnerländer sollen 2020 erstmals Bericht über ihre nationalen Aktionspläne vorlegen. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres erwartet, dass die Staaten ihre Zusagen nochmals kräftig nachbessern. 

Ausserdem geht es um ein Thema, das beim letzten Klimagipfel im polnischen Kattowitz liegen geblieben ist: der Handel mit Emissionszertifikaten. Strittig sind nämlich die genauen Regeln, wer sich welche Emissionsminderungen anrechnen darf. Aus Sicht von Klimaschützern – und auch der Schweizer Delegation – muss verhindert werden, dass sich Staaten ihre Einsparungen selbst gutschreiben, diese dann aber auch noch an Drittstaaten verkaufen.

Was sind die Folgen der Erderwärmung?

Zu den Folgen zählen mehr extreme Wetterereignisse, also je nach Region mehr Hitzewellen, Dürren und Waldbrände, aber auch Stürme, Überschwemmungen und Starkregen. Der Weltklimarat IPCC geht davon aus, dass bei einem ungebremsten Klimawandel die Meeresspiegel schon bis Ende des Jahrhunderts um mehr als einen Meter steigen könnten. In einem dramatischen Appell haben Anfang November über 11‘000 Wissenschaftler aus mehr als 150 Staaten gewarnt, «unsägliches Leid» sei nicht abzuwenden, wenn die Menschheit nicht schnell gegensteure und deutlich weniger klimaschädliches Treibhausgas in die Luft blase.

Schon kurzfristig drohen nämlich vielerorts Wasserknappheit und Ernteausfälle, mit Konsequenzen wie Hungersnöten und massiven Fluchtbewegungen. 

Wie sieht es in der Schweiz aus?

Natürlich bleibt auch die Schweiz vom Klimawandel nicht verschont: Bei ungebremst steigendem Ausstoss von Treibhausgasen ist eine weitere Zunahme der Jahresmitteltemperatur von rund zwei bis drei Grad bis 2050 möglich. Mit einer raschen und umfassenden Senkung des weltweiten Ausstosses von Treibhausgasen könnte die Erwärmung auf weniger als zwei Grad begrenzt werden. Das hält ein Report des National Centre for Climate Services fest.

Schon heute trifft die Erwärmung die Schweiz übermässig stark: Zwischen 1864 bis 2012 stieg die durchschnittliche Temperatur hierzulande um zwei Grad an – das ist mehr als das Doppelte des globalen Schnitts. Die Nullgradgrenze im Winter ist gemäss Bundesamt für Umwelt seit den 1960er-Jahren um rund 300 Meter angestiegen, und auch den Gletschern geht es bereits an den Kragen: Im September haben Umweltschützer den stark zusammengeschrumpften Pizolgletscher als ersten im Land symbolisch für «tot» erklärt.



Bleibt ein Durchbruch im Klimaschutz aus, malt die Forschung ein düsteres Bild. «Wir gehen davon aus, dass in 80 Jahren 80 Prozent der Schweizer Gletscher weggeschmolzen sind», sagte Glaziologe Andreas Bauder von der ETH Zürich dieses Jahr im Gespräch mit «Bluewin». «Es ist wahrscheinlich, dass nur die ganz Grossen es als kleine Reste ins nächste Jahrhundert schaffen.»

Auch Städter werden die Folgen des Klimawandels am eigenen Leib spüren: Wissenschaftler der ETH warnten im Sommer, dass den Metropolen der Welt eine drastische Erwärmung drohe. So ist etwa abzusehen, dass in Zürich bis zum Jahr 2050 ein Klima herrschen wird, das dem heutigen Klima in Mailand entspricht. Die Höchsttemperatur im wärmsten Monat wird der Studie zufolge um 5,6 Grad ansteigen, was einer Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur von 2,2 Grad entspricht.

Was tut die Welt gegen die drohende Klimakatastrophe?

Das 2015 geschlossene Klimaabkommen von Paris wurde als historischer Durchbruch gefeiert. Mehr als 190 Staaten setzen sich darin zum Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad bis maximal 2 Grad zu begrenzen. Aktuell herrscht aber Katerstimmung, denn gemäss einer oben bereits erwähnten Untersuchung sind fast drei Viertel der rund 180 vorgelegten staatlichen Aktionspläne ungeeignet, die Erderhitzung auch nur zu bremsen.

2019 dürfte der weltweite CO2-Ausstoss erneut steigen. Und die Internationale Energie-Agentur erwartet, dass er auch bis 2040 nicht etwa sinkt, sondern noch um zehn Prozent zulegen dürfte. Eigentlich nötig wäre gemäss Pariser Abkommen aber eine Minderung um fast 50 Prozent.

In Madrid wird seit Montag über den Klimaschutz verhandelt. 
Bild: APA/Bundesheer/Peter Lechner

Ein Beispiel für das Schneckentempo: Zwar haben einige Industriestaaten einen Ausstieg aus der Kohle angekündigt, doch beziehen die Staaten der G20-Gruppe noch immer über 80 Prozent ihrer Energie aus Kohle, Öl und Gas. Weltweit sind trotz des Ausbaus der Erneuerbaren immer noch Zehntausende Kohlekraftwerke in Betrieb, und 1‘400 neue sind in der Planung oder im Bau.

Welche Ziele hat sich die Schweiz gesteckt?

Die Schweiz soll ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 netto auf null reduzieren – das hat der Bundesrat am 28. August 2019 beschlossen. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat mit anderen Bundesstellen damit begonnen, die Inhalte der Strategie ab 2030 zu definieren. Der Bundesrat möchte diese spätestens Ende 2020 verabschieden und fristgerecht beim UNO-Klimasekretariat einreichen.

Den Grünen sowie der Klimastreik-Bewegung gehen diese Ziele nicht weit genug: Sie fordern, dass die Schweiz ihren Ausstoss von Treibhausgasen bereits 2030 auf netto null senkt, wie auch Miriam Rizvi von der Klimajugend im Gespräch mit «Bluewin» erklärte.



Umgesetzt wird diese Strategie mit dem neuen CO2-Gesetz für die Zeit bis 2030. Der Nationalrat hat die Vorlage aufgeschoben und wird sich erst im Frühling 2020 damit befassen statt in der nun gestarteten Wintersession. Der Ständerat war zuvor weiter gegangen, als vom Bundesrat vorgeschlagen: Unter anderem sind eine Flugticket-Abgabe sowie ein faktisches Verbot für den Einbau neuer Ölheizungen ab 2023 vorgesehen.

Was fordert die Schweiz an der Klimakonferenz?

In Madrid wird sich die Schweizer Delegation für «griffige Regelungen» einsetzen, die eine wirksame Umsetzung des Pariser Abkommens sicherstellen sollen. Beim Handel mit Emissionszertifikaten will die Schweiz insbesondere erreichen, dass solche im Ausland nicht mehrfach (dem Geber- und dem Empfängerland) angerechnet werden können.

Ist auch Greta Thunberg am Gipfel dabei?

Ursprünglich hätte der Klimagipfel in Chile durchgeführt werden sollen. Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hatte nicht zuletzt deshalb per Segeljacht nach Amerika übergesetzt. Doch wegen breiter Bürgerproteste in dem lateinamerikanischen Land musste der Grossanlass nach Spanien verlegt werden.

Derzeit befindet sich die 16-Jährige Thunberg wieder auf dem Rückweg: dies an Bord des Katamarans «La Vagabonde». Den Gipfelauftakt hat sie verpasst: Auf Twitter schreibt Thunberg, sie werde voraussichtlich am Dienstagmorgen in Europa anlegen – jedoch in Lissabon. Ihr Ziel ist dann Madrid.

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