Ohne Fluglärm herrscht plötzlich eine «unheimliche Stille»

Gil Bieler und Christian Thumshirn

14.5.2020 - 06:55

Rümlang ohne Flugverkehr – «Es ist irgendwie unheimlich.»

Rümlang ohne Flugverkehr – «Es ist irgendwie unheimlich.»

Die Corona-Krise hat den Flugverkehr massiv ausgebremst. Geniessen die Menschen in den Gemeinden rund um den Flughafen Zürich nun die himmlische Ruhe? Ganz so einfach ist es eben nicht, wie ein Besuch in Rümlang zeigt.

13.05.2020

Die Corona-Krise hat den Flugverkehr massiv ausgebremst. Geniessen die Menschen in den Gemeinden rund um den Flughafen Zürich nun eine himmlische Ruhe? So einfach ist es nicht, wie ein Besuch in Rümlang zeigt.

Ob Restaurantbesuch oder Shopping: Die Lockerungsschritte vom 11. Mai haben vieles wieder möglich gemacht, aber eben: Ganz zurück im Alltag ist die Schweiz noch lange nicht.

Das sieht man auch am Minimalbetrieb auf dem Flughafen Zürich. Oder besser, man hört es: Wenn die Flieger am Boden bleiben, wird es in den Gemeinden rund um den Flughafen plötzlich ungewohnt still. Zum Beispiel in Rümlang.

Fehlt das Dröhnen?

In den ersten beiden Aprilwochen brach die Zahl der Flugbewegungen in Zürich um ganze 95 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein, wie die Flughafenbetreiber festhalten.

Fehlt das Dröhnen der Maschinen im Dorf jetzt plötzlich?

«Das fehlt tatsächlich», sagt Thomas Hardegger. Er war bis 2018 Rümlanger Gemeindepräsident und präsidiert den Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Zürich (SBFZ), der gegen «unzumutbaren Fluglärm» kämpft.

In Jubel bricht er wegen der ungewohnten Stille aber nicht aus. Denn: «Bei der Fluglärmproblematik gibt es zwei Seiten.» Einerseits geniesse man die Ruhe, nun Gespräche auch im Freien ungestört führen zu können – bei Hochbetrieb dröhne immerhin alle zwei bis drei Minuten eine Maschine am Himmel, was in der Gemeinde zu Lärm von bis zu 100 Dezibel führe (wie es sich im Dorf nun ohne diese Geräuschkulisse lebt, erzählt er im Video oben).



Andererseits ist da die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens: Bei Hardegger, der bis 2019 für die SP im Nationalrat sass, kommen durchaus Erinnerungen an das Swissair-Grounding von 2002 hoch.

«Auch da war es eher eine unheimliche Stille, weil man weiss, dass Tausende von Arbeitsplätzen am Flughafen und an angegliederten Branchen hängen.» Jeder im Dorf kenne jemanden, dessen Arbeitsplatz mit dem Airport verbunden sei, ob im Catering, bei der Flugzeugreinigung oder im Verkauf in den vielen Flugzeuggeschäften. «Man hat ja mit dem Flughafen leben gelernt.»

Kampf für die Nachtruhe

Hardegger sagt, er sei kein Gegner des Fluglärms an sich. Er störe sich aber daran, wenn «die Regeln nicht eingehalten werden». Sprich: Wenn die Nachtflugsperre verletzt wird. Diese gilt eigentlich zwischen 23 Uhr und 6 Uhr, wobei verspätete Flieger noch bis 23:30 Uhr Zeit haben. Doch weil die Verstösse gegen diese Sperre sukzessive zugenommen hatten, beschloss das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) 2018, die Anzahl spätabendlicher Slots – also Zeitfenster für Starts und Landungen – zu begrenzen.

Auch zog der SBFZ für höhere Lärmgebühren, die Airlines für laute Maschinen in den Randstunden bezahlen müssen, vor das Bundesverwaltungsgericht. Mit Erfolg – seit letztem Herbst gelten nun höhere Lärmzuschläge. Je nach Maschinentyp können dafür bis zu 3'000 Franken fällig werden, wie die Flughafen Zürich AG vorgerechnet hat.

Hardegger zufolge habe das schon dazu geführt, dass seit September weniger Maschinen ab 23 Uhr gestartet seien. «Da hat eine gute Entwicklung eingesetzt», findet er – und er hofft, dass die Nachtruhe auch nach der Krise und der Normalisierung des Flugverkehrs stärker berücksichtigt werde.

Prognosen sind natürlich schwierig. Laut den Flughafenbetreibern sieht es aber zumindest kurzfristig danach aus: Zwar werde der Flugverkehr in den nächsten Wochen wieder leicht zunehmen, auch weil die Swiss ihr Angebot ausbauen will. Doch: «Wir rechnen damit, dass die Nachtflüge weiterhin reduziert sein werden – aufgrund des reduzierten Flugplanes», teilt Flughafen-Sprecherin Bettina Kunz auf Anfrage von «Bluewin» mit.

Wegen der Corona-Krise bleiben viele Maschinen vorerst am Boden – im Bild: parkierte Flieger im März auf dem Flugplatz Dübendorf. 
Bild: Keystone

Im März wurden Kunz zufolge am Flughafen Zürich 890'134 Passagiere abgefertigt, 63,2 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Die Zahl der Flugbewegungen sank auf 30 bis 60 pro Tag, wozu Linienverbindungen, Geschäftsflugzeuge, Fracht- und Rega-Flüge zählen.

Wieso nicht einfach wegziehen?

Nun könnte man argumentieren: Wer sich am Lärm stört, der muss ja nicht in die Nähe des Flughafens ziehen, oder?

Hardegger erwidert, dass gute Lebensbedingungen in den Anrainer-Gemeinden auch im Interesse der Flughafenbetreiber seien: «Wenn die Angestellten jeden Morgen aus dem Aargau oder Thurgau anreisen müssen, bleiben sie auch öfter im Stau stecken.» Nicht zuletzt profitiere der Flughafen von seiner zentralen Lage: «In nur einer Viertelstunde ist man mit der S-Bahn in der Stadt.» Daher erwarte er auch mehr Rücksicht auf die Anwohnerinnen und Anwohner.

Dass das Parlament das 1,88 Milliarden Franken schwere Nothilfepaket für die Luftfahrtindustrie ohne verbindliche Klimaziele bewilligt hat, findet der alt Nationalrat zwar schade. Wichtiger fände er aber, dass den Airlines wirtschaftliche Auflagen gemacht worden wären: «Sie müssten die Ticketpreise so anpassen, dass sie auch Reserven bilden können.»

Müsste sich die gängige «Billigfliegerei» auch an den Folgekosten der Krise beteiligen, so ist sich Hardegger sicher, nähme der Fluglärm nämlich ganz von allein ab.

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