KKJPD-Präsident Hofmann im Interview «Diese Leute sollen aus dem Fussball verschwinden»

Von Silvana Guanziroli

12.6.2019

GC-Spieler stehen vor GC-Hooligans nach dem Abbruch eines Spiels zwischen dem FC Luzern und dem Grasshopper Club Zürich. Die Fussballchaoten zwangen die Spieler ihre Trikots abzugeben.
GC-Spieler stehen vor GC-Hooligans nach dem Abbruch eines Spiels zwischen dem FC Luzern und dem Grasshopper Club Zürich. Die Fussballchaoten zwangen die Spieler ihre Trikots abzugeben.
Keystone

Urs Hofmann, seit April auch Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD), zeigt sich in der «Bluewin»-Rubrik «Jetzt mal ehrlich» masslos verärgert über die neue Gewaltwelle in den Fussballstadien. Hat er Hoffnung?

Von seinem Büro blickt er auf den Weg, der zum Fussballstadion des FC Aarau führt. Ziehen die Fans zum Brügglifeld, schaut er gern dabei zu – Urs Hofmann ist eingefleischter Aarau-Fan, klar, dass er dem verpassten Aufstieg immer noch nachtrauert. Überhaupt liegt ihm die Leidenschaft zum runden Leder im Blut: Hofmanns Grossvater war Klubpräsident des FC Aarau.

Aber: Die jüngsten Gewaltexzesse im Fussball ärgern den Polizeivorsteher masslos. Erst recht in seiner neuen Funktion als KKJPD-Präsident.


Herr Hofmann, kaum sind Sie im Amt, müssen Sie sich gegen Kritik wehren. Ständeräte kritisierten die Kantone bezüglich des Hooligan-Problems, es würde zu wenig unternommen. Was sagen Sie dazu?

Es ist einfach, diese Kritik zu äussern, wenn man keine Verantwortung trägt. Das ist meine erste Antwort darauf. Was ich aber auch sagen muss: Es gibt grosse Unterschiede in den Kantonen, wenn es um die Bekämpfung von Hooliganismus geht. Gewisse Empfehlungen der KKJPD wurden bis heute nicht umgesetzt. Die Gründe sind unterschiedlich. Teilweise auch, weil es schwierig war, mit den Klubs nachhaltige Lösungen zu finden. Diese Mängel wollen wir jetzt genauer anschauen. Aktuell startet eine Evaluation, weil wir ganz genau wissen wollen, wo die Probleme liegen und wie man sie beheben kann. Dennoch bin ich überzeugt, dass es nicht am Hooligan-Konkordat an sich liegt. Die dadurch ermöglichten Massnahmen sind richtig, umfassend und würden einen guten Schutz bieten. Aber man muss sie eben auch anwenden. 

Die Kritik aus Bern weise ich nicht einfach zurück. Die Forderung, dass der Bund eingreifen müsse allerdings schon. Wie soll das gehen? Steht künftig die Armee im Fussballstadion? Das ist doch unrealistisch.

Die Evaluation startet erst jetzt. Können Sie dennoch schon sagen, welche Mängel Sie meinen?

Wir haben festgestellt, dass Stadion- und Rayonverbote, aber auch Meldeauflagen nur sehr zögerlich ausgesprochen werden. Auch bei den Eingangskontrollen in die Stadien sehen wir deutliche Unterschiede. Aber wie will man wissen, dass eine Person nicht rein darf, wenn man sie nicht kontrolliert? Hier müssen wir die Klubs in die Pflicht nehmen. Sie sind die Hausherren in den Stadien. Sie müssen Verbote sofort durchsetzen und nicht monatelang warten, bis ein komplexeres rechtsstaatliches Verfahren zum Abschluss kommt.  

Lässt sich sagen, wann die Ergebnisse der Evaluation vorliegen?

Wir gehen davon aus, dass der Bericht Anfang des nächsten Jahres vorliegt und dann in die Vernehmlassung geschickt werden kann.

Die Meldeauflage ist ja ein spezieller Punkt im Konkordat. Wie funktioniert diese genau?

Meldeauflagen sind eine sinnvolle Massnahme. Sie funktioniert so: Wenn jemand einschlägig vorbestraft ist und bereits ein Stadion- und Rayonverbot ausgesprochen wurde, dann muss er sich bei einem Auswärtsspiel seines Klubs in seiner Wohngemeinde auf dem Polizeiposten melden. So wird sichergestellt, dass er nicht zum Spiel mitreisen kann.

Wie oft wurde diese Meldepflicht schon angewendet?

Sehr wenig. Die Frage ist offen, warum diese Massnahme nicht häufiger angewendet wird. Sind die Anforderungen zu hoch? Will man es nicht, weil es zu aufwendig und kompliziert ist? Diesen Fragen gehen wir nun nach.

Die neueste Gewaltwelle ist eng mit dem Abstieg von GC verbunden. Was dachten Sie, als Sie die Bilder vom Spielabbruch in Luzern sahen?

Dass es in einem Fussballstadion zu Erpressung und Nötigung kommen kann, das ist für mich der Anfang vom Ende. Lässt man sich erpressen, dann kommt das einer Kapitulation gleich. Für mich war das wirklich ein Tiefpunkt. Diese Eskalation zeigt, dass im Fanumfeld von GC schon seit Längerem einiges im Argen liegt. Diese Fanumgebung und die Entwicklung dort sind in keiner Art und Weise akzeptabel.

Besonders gefährlich wird es, wenn das Gefühl aufkommt, gewalttätige Fangruppen gehörten quasi zum Fussball. Dabei ist Gewalt letztlich eine Perversion des Sportes. Fussball und andere Sportarten sind gerade auch dafür da, gewisse Aggressionen ohne Gewalt abzubauen und auch heftige Emotionen friedlich auszuleben. Wer das nicht versteht, ist im Sport am falschen Ort. Für mich gilt ganz klar: Bei Gewalt im Sport gibt es keine Toleranz.

«Die SBB arbeiten an einer Lösung des Poblems. In neuen Zügen sollen die Lokführer die Möglichkeit haben, das Signal der Notbremsung zu übersteuern.»

 
Urs Hofmann, Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD)

Sie haben es andeutet: In einigen Kantonen werden die Massnahmen nicht richtig umgesetzt. Können Sie hier ein Beispiel nennen?

Nein, da werde ich mich hüten, Namen zu nennen. Es bringt auch nichts, unter den Kantonen Schuldzuweisungen zu machen. Was ich aber sagen kann, es gibt Kantone, die haben das Hooliganproblem höher auf der Agenda als andere. Vor allem beim Zusammenspiel mit den Klubs, was für mich ein wesentlicher Punkt ist. Wir müssen wissen, was in den Stadien passiert, wer dort registriert wird, wie schnell die Klubs das der Polizei melden. Wir stellen leider fest, dass die Klubs zuweilen Bedenken haben, als «Anschwärzer» dazustehen. Das Vertrauensverhältnis zwischen der Klubleitung und den Behörden ist nicht überall optimal.

Aber nicht nur in den Stadien ist es gefährlich, auch ausserhalb kommt es zu Gewaltanwendungen. Dazu gehört auch das Ziehen der Notbremse in den Fanzügen und die anschliessenden Schlägereien neben den Schienen.

Dagegen soll nun vorgegangen werden. Die SBB arbeiten an einer Lösung des Problems. In neuen Zügen sollen die Lokführer die Möglichkeit haben, das Signal der Notbremsung zu übersteuern und die Fahrt fortzusetzen. Das birgt natürlich auch ein gewisses Risiko, wenn es wirklich zu einem Notfall kommt. Für die Polizei ist es bei Notbremsungen natürlich offenkundig schwierig, rechtzeitig zu intervenieren. Es ist ja nicht möglich, auf der ganzen Bahnstrecke Polizisten einzusetzen.

Warum kommt es jetzt wieder zu dieser Gewaltentwicklung. Was denken Sie, woran es liegt?

Ich habe noch immer die die Hoffnung, dass das jetzt nicht der Auftakt zu etwas Schlimmerem war. Ich hoffe sehr, dass die Gewaltausbrüche gegen Ende der letzten Saison direkt mit der sportlich schwierigen Situation des Grasshopper Clubs zusammenhingen. Ansonsten sehe ich keinen konkreten Grund, weshalb jetzt im Jahr 2019 das Hooligan-Problem wieder zunehmen sollte. Generell gibt es jedoch immer wieder solche Wellenbewegungen, das war auch bei der Jugendgewalt so. Vor ein paar Jahren hatten wir eine deutliche Häufung, heute ist es kaum mehr ein Thema. Und es gibt auch positive Ereignisse. Der verlorene Match gegen den FC Xamax vom 2. Juni hat bei vielen Aarau-Fans grossen Frust ausgelöst. Doch es blieb alles ruhig. Es gab keine Gewalt, niemand ist auf den Platz gestürmt. Ich muss hier den Fans ein ganz grosses Kompliment aussprechen.

Die Gewalteinwirkung ist beim Zusammentreffen der Fussballchaoten ist enorm. Diese Aufnahmen zeigen Ausschreitungen zwischen Anhängern des FC Basel und GC am Cupfinal im Mai 2013 in Bern.

Was immer wieder für viel Aufregung sorgt, ist das Alkoholverbot bei Risikospielen. Was sagen Sie dazu?

Dieser Punkt ist in der Tat strittig. Und auch ich bin mir nicht schlüssig. Es gibt sicherlich Hochrisikospiele, die ohne ein rigoroses Durchgreifen, wozu auch ein Alkoholverbot gehören kann, kaum noch ausgetragen werden könnten. Doch wenn man sieht, dass viele Fussballfans schon vor dem Match auf dem Weg ins Stadion ihr Sixpack dabeihaben, dann fragt man sich schon, was das Verbot bringt.

Zudem hat die Polizei den Eindruck, dass schwere Gewalt nicht vorab mit Alkohol, sondern auch mit anderen Substanzen zu tun hat. In diesem Zusammenhang wird immer wieder Kokain genannt, eine Substanz, die ja bekanntlich aufputscht. Deshalb glaube auch ich nicht, dass man mit einem generellen Alkoholverbot das Hooliganproblem lösen kann.

Ein Mittel, das immer wieder gefordert wird, sind Polizisten im Stadion. Wie stehen Sie dazu?

Wenn ein Spiel nur mit einer massiven Polizeipräsenz im Stadion angepfiffen werden kann, darf es eigentlich in dieser Form gar nicht durchgeführt werden. Es ist nicht die primäre Aufgabe des Staates, auf privatem Grund, also im Stadion, die Hauptverantwortung für die Sicherheit zu übernehmen.

Auch müssen wir aufpassen, dass es nicht zu einem bewussten Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hooligans und der Polizei kommt. Es gibt Hooligans, die gezielt die Auseinandersetzung mit der Polizei suchen. Wenn ein solches Gewaltpotenzial dazu führt, dass die Polizei von Anfang an ein Spiel schützen muss, spielt man diesen Personen letztlich in die Hände. In einem solchen Fall gibt es für mich nur die Spielabsage, die Durchführung als Geisterspiel oder einen geschlossenen Gästesektor.

Selbstverständlich muss aber die Polizei intervenieren, wenn es unerwartet während eines Spiels zu Gewaltausschreitungen kommt und es um den Schutz von Leib und Leben geht

Wo sehen Sie die Gründe für die dritte Spielzeit – wer sind diese Hooligans?

Es ist tatsächlich so, dass sie nur schwer zu verorten sind. Sie kommen aus allen sozialen Schichten. Es gibt einerseits die stark emotional aufgeladenen Fans, die an sich nicht eine gewalttätige Auseinandersetzung suchen, aber vom Schlägerumfeld missbraucht werden und mitlaufen. Dann gibt es auch einen gewissen politisch motivierten Gewaltextremismus und schliesslich jene, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur gewalttätige Auseinandersetzungen suchen. Oft sind sie die ganze Woche angepasst und lassen dann am Wochenende die Sau raus.

Und jetzt richtet sich diese Gewalt auch gegen Schwächere. FC-Schaffhausen-Fans haben in Winterthur auf der Schützenwiese ein Plakat gezeigt, das zu Gewalt gegen Frauen aufruft.

Das ist völlig daneben und kriminell. Da fehlen mir wirklich fast die Worte. Ich frage mich, wie man nur auf die Idee kommen kann, ein solches Plakat überhaupt schon nur zu entwerfen.

Kann man benennen, wie viel der Kampf gegen den Hooliganismus in der Schweiz kostet?

Ja, hier kann ich ihnen auf die letzte Erhebung verweisen, die im Jahr 2014 gemacht wurde. Die Polizeikorps in der Schweiz leisteten für die Super-League-Spiele rund 135'000 Einsatzstunden, was mit Kosten von total rund 15 Millionen Franken verbunden war. In dieser Zahl sind die unteren Ligen nicht eingerechnet, auch nicht die Eishockeyspiele und die privaten Sicherheitskosten. Die Polizei macht also schon sehr viel zum Schutz rund um den Fussball. Zusätzliche Massnahmen würden diese Kosten noch deutlich nach oben steigen lassen.

Ich glaube nicht, dass die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler bereit wären, für Polizeieinsätze bei Fussballspielen noch erheblich mehr Aufwendungen in Kauf zu nehmen, selbst wenn die Klubs einen Teil der Kosten übernehmen müssten. Und auch dann wären verschiedene Polizeikorps bei einem erheblich erhöhten Personaleinsatz kaum noch in der Lage, die übrigen Grundaufgaben der Polizei umfassend zu erledigen.

Sie haben in der Vergangenheit direkt die Krawallmacher angesprochen, die Lage hat sich danach in Aarau beruhigt. Sie hatten offenbar Erfolg mit Ihren klaren Worten. Braucht es mehr Leute, die Tacheles sprechen?

Der FC Aarau spielt leider seit einigen Jahren in der Challenge-League. Da ist natürlich eine Beruhigung quasi von alleine eingetreten. Da ich viel auf dem Brügglifeld bin, kommt es aber durchaus zu direkten Begegnungen mit den Fanklubs. Da sag ich dann schon mal deutlich, was ich von Gewalt im Sport halte. Krawallmacher müssen auch begreifen, dass es Sanktionen gibt und die Polizei sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Wir sollten möglichst alle eine klare Reaktion zeigen. Ich appelliere deshalb auch an alle Fans: Gewalttätige Hooligans müssen ausgepfiffen werden! Die Mehrzahl der Stadionbesucher will ein schönes Fussballfest erleben und sich das Spiel nicht von Hooligans verderben lassen. Das sollte man ihnen auch zeigen.

Sie beschäftigen sich ja jetzt schon lange mit diesem Thema. Sind sie es nicht leid, dass es immer wieder Unbelehrbare gibt?

Doch, diese Hooligans regen mich masslos auf. Auch deshalb, weil ich selber ein emotionaler Fussballfan bin. Ich begreife, dass eine Niederlage enttäuschen kann. Doch Gewalt hat hier keinen Platz. Diese Leute sollen aus dem Fussball verschwinden. 

Gehen sie davon aus, dass es nächste Saison weiter geht?

Das wäre Kaffeesatzlesen. Ich erwarte, dass es in der neuen Saison nicht so weitergeht, wie die vergangene geendet hat. Letztlich tragen wir alle, Staat und Klubs, Mitverantwortung – und wir müssen alle gemeinsam klipp und klar zum Ausdruck bringen: Gewalt hat im Sport nichts zu suchen.

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