Nenad Stojanović: «An Schweizer Politik teilhaben»

Valerie Zaslawski

18.12.2018 - 05:00

Nenad Stojanović kam als Jugendlicher in die Schweiz und wollte hier bald mitreden können.
Bild: zvg

In die Schweiz kam Nenad Stojanović als Teenager auf der Flucht vor dem Krieg in seiner einstigen Heimat. Hier liess er sich «so schnell wie möglich» einbürgern, um am politischen Leben teilzunehmen.

Es war Sommer 1992, als Nenad Stojanović über Deutschland in die Schweiz kam, «mit einem der letzten regulären Busse» aus Sarajevo, wie er sagt. Der heute 42-Jährige verliess sein Land, kurz nachdem in Bosnien der Krieg ausgebrochen war. Gelandet ist er im Tessin, seine Eltern und Geschwister folgten ihm sieben Monate später. Stojanović studierte an der Universität Genf Politikwissenschaften, wo er heute arbeitet. Er wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Bern.

Einbürgern liess sich Stojanović «so schnell wie möglich». Als junger Bundeshausjournalist, der damals für die Tessiner Zeitung «Giornale del Popolo» tätig war, sagte er sich: «Ich möchte nicht nur über Schweizer Politik berichten, ich möchte daran teilhaben. Ich möchte wählen und mich wählen lassen.» So kam es denn auch: 2004 wurde er für die Tessiner SP ins Stadtparlament von Lugano und 2007 in den Grossen Rat gewählt. Auch sass er in der Geschäftsleitung seiner kantonalen Partei und gleichzeitig in jener der SP Schweiz. Stojanović musste sich einige bösartigen Angriffe vonseiten der rechtspopulistischen Lega gefallen lassen. Dennoch – oder gerade eshalb – kandidierte er 2011 für den Nationalrat, allerdings (knapp) erfolglos. 2013 trat er von seinen politischen Ämtern zurück, «aus familiären Gründen», wie er erklärt. Sein zweites Kind war im Anmarsch und er wollte einen «längeren Vaterschaftsurlaub machen – von der Politik». Dieser dauert bis heute an.



Sein politisches Engagement hörte damit aber nicht auf: Der Schweizer Öffentlichkeit dürfte der Tessiner wegen seines gescheiterten Referendums im Jahr 2017 in Erinnerung geblieben sein. Er sammelte (zu wenige) Unterschriften für das Anwendungsgesetz zur Masseneinwanderungs-Initiative, welches aus staatspolitischen Gründen vors Stimmvolk kommen sollte. Stojanovic als «Verteidiger der direkten Demokratie» war der Ansicht, dass nur ein Referendum das Gesetz legitimieren könne.

In Bosnien versucht Stojanović trotz den bürokratischen Hürden immer noch regelmässig zu wählen. Er verfolgt die Politik in seinem Herkunftsland – nicht täglich, aber einmal die Woche. Auch präsidiert er den Verein der bosnischen Diaspora, der von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt wird. Stojanović ist es wichtig, etwas von seinem Wissen «zurückzugeben» – an Bosnien, aber auch an die Schweiz. Und das tut er.

Sarajevo sei für ihn immer noch Heimat, seine Heimatstadt, auch wenn er sich dort manchmal «entfremdet» fühle. Schwierig sei für ihn zu sagen, ob er sich heute mehr als Schweizer oder als Bosnier fühle, gibt es sein Geburtsland Jugoslawien als solches doch nicht mehr. Stojanović sagt: «Der Italiener, der in der Schweiz wohnt, hat immer noch seine Fussballmannschaft. Die habe ich nicht.» Früher, vor dem Krieg, habe er sich als Jugoslawe bezeichnet, was auch ein politisches Statement war; Jugoslawe zu sein, bedeutete, eine transethnische Identität zu haben. Zurückkehren möchte er nicht mehr, auch wenn er damals, als er sich auf die Reise machte, dachte, er gehe nur vorübergehend.

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