«Ziemliches Eigengoal»SRG-Chefin unter Druck – Interview-Absage sorgt auch für internen Wirbel
Petar Marjanović
25.2.2026
Susanne Wille, SRG-Direktorin, steht intern wegen eines abgelehnten Interviews in der Kritik.
Bild:Keystone
Susanne Wille sagt, sie stelle sich jedem kritischen Interview – doch ausgerechnet «20 Minuten» blitzte ab. Nun wächst der Druck auf die SRG-Direktorin, intern wie extern.
SRG-Direktorin Susanne Wille gerät unter Druck, weil sie ein Interview mit «20 Minuten» ablehnte, obwohl sie zuvor betont hatte, sich jeder kritischen Befragung zu stellen.
Das Newsportal veröffentlichte daraufhin zwanzig unbeantwortete Fragen. Die Schlagzeile sorgte auch intern bei SRF für massives Unverständnis.
Mehrere Mitarbeitende sprechen von einem «Eigengoal» und kritisieren die verpasste Chance in einem sensiblen Abstimmungskontext.
Die SRG begründet die Absage mit der Vielzahl an Anfragen und verweist darauf, dass nie eine Zusage erfolgt sei.
Anfang Februar geriet SRG-Direktorin Susanne Wille unter Druck. Ein Interview im «SonntagsBlick» legte offen, dass es hinter den Kulissen zu einem Tauziehen gekommen war: Die SRG wollte mehrere kritische Passagen streichen. Der Vorwurf stand im Raum, man scheue die Konfrontation.
Wille suchte daraufhin die Offensive. Gegenüber dem Journalisten Christian Beck vom Kommunikationsmagazin «Persönlich.com» erklärte sie: «Ich möchte betonen: Die SRG und somit auch mich als Generaldirektorin soll und muss man kritisieren dürfen, auch hart kritisieren dürfen. Das gehört zu einem öffentlichen Medienhaus. Und ich stelle mich jedem kritischen Interview.»
Das Interview wurde am 11. Februar veröffentlicht. Auf Anfrage von blue News bestätigt Beck: Susanne Wille hat das genau so gesagt.
Umso grösser war die Überraschung, als das Onlineportal «20 Minuten» am Dienstag mit der Schlagzeile aufmachte: «20 Fragen, die Susanne Wille nicht beantworten will». Die Chefredaktorin schrieb, Wille habe sich trotz zweier Anfragen einem längeren Interview verweigert. Stattdessen publizierte die Redaktion die zwanzig Fragen, die unbeantwortet blieben.
Die Schlagzeile schlug ein. Auch intern. Mehrere SRF-Journalistinnen und -Journalisten reagierten mit deutlicher Kritik auf den Entscheid ihrer Chefin.
Wut bei SRF-Personal
In den Redaktionen herrsche «komplettes Unverständnis», heisst es. Ein Journalist sagt gegenüber blue News: «Die Fragen von 20 Minuten waren tendenziös. Man merkt: Dem Blatt geht es darum, Wille in ein schlechtes Licht zu rücken.» Dennoch müsse sich eine SRG-Direktorin solchen Fragen stellen. «Susanne ist unsere beste Kommunikatorin. Wir haben null Verständnis, dass sie diese Chance verspielt hat.»
Ein weiterer Journalist schreibt, er könne Willes Entscheid nicht nachvollziehen. Zwar kenne er die Hintergründe nicht im Detail, bezeichnet das abgelehnte Interview jedoch als «ziemliches Eigengoal für Susanne Wille». Eine Journalistin äussert sich wütend und emotional. Weinend sagt sie: «Wegen dieser Fehlentscheidung gibts jetzt ein Ja».
Alle angefragten SRF-Mitarbeitenden wollten sich nur unter Zusicherung der Anonymität öffentlich äussern. Grund: Die Publizistischen Leitlinien von SRF erwarten von SRF-Mitarbeitenden grosse Zurückhaltung bei öffentlichen Äusserungen. Arbeitsrechtlich können zudem kritische Äusserungen geahndet werden, da sie die Treuepflicht verletzen.
«20 Minuten» gab Fragen an Susanne Wille vorab schriftlich
«20 Minuten» selbst wollte nicht offenlegen, wann und in welcher Form die Anfrage gestellt wurde. Auf eine entsprechende Nachfrage reagierte eine Konzernsprecherin schriftlich: «Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir die Mails nicht im Wortlaut weiterleiten können.» Sie bestätigt jedoch, dass Wille bei der zweiten Anfrage die Fragen vorab schriftlich erhalten habe. «Auch diese Anfrage wurde abgelehnt.»
Fakt ist: Offiziell begründete Susanne Wille die Absage mit Zeitmangel. In der Redaktion von «20 Minuten» soll das für erhebliches Unverständnis gesorgt haben. Zumal Wille parallel Interviews gab – etwa mit dem Kommunkationsmagazin, das von der breiten Bevölkerung kaum gelesen wird.
Spätestens als sie auch der Hotelrevue (Auflage: 7061 Exemplare) ein Gespräch gewährte, sei bei «20 Minuten» endgültig «gnueg Heu dunne» gewesen.
Auch Schawinski wartet auf ein Interview
Keine Zeit fand Wille auch für den Radiopionier und ehemaligen SRF-Journalisten Roger Schawinski. Der «Radio 1»-Chef bestätigt, dass auch er mehrfach Absagen erhalten habe. Über Monate sei von «Terminproblemen» die Rede gewesen, inzwischen komme das Nein kategorisch.
Kritik äussert zudem der frühere «Arena»-Moderator Reto Brennwald. In einem Beitrag in den Sozialen Medien schreibt er: «Verstehe ich nicht. Hätte sie unbedingt machen müssen. Bei dieser Reichweite. Also die meisten Fragen könnte ich auch beantworten.»
blue News wollte von der SRG wissen, wie sie das entstandene PR-Problem einordnet. Eine Sprecherin teilte schriftlich mit: «Im Vorfeld der Abstimmung haben uns sehr viele Anfragen erreicht und es ist nicht möglich, allen Medien im gleichen Detailgrad Auskunft zu geben. Entsprechend hatten wir diese Anfrage von ‹20 Minuten› leider absagen müssen, eine anderslautende Zusage gab es nie.»
Auf die Nachfrage, ob Susanne Wille nicht versprochen habe, sich «jedem kritischen Interview» stellen zu wollen, präzisierte die SRG-Sprecherin: «Eine anderslautende Zusage gegenüber ‹20 Minuten› gab es nie.»
«Eine anderslautende Zusage gegenüber ‹20 Minuten› gab es nie.»
Gianna Blum
SRG-Sprecherin
Weitere Fragen blieben unbeantwortet. blue News wollte unter anderem wissen, ob die SRG nachvollziehen könne, dass es keinen guten Eindruck hinterlässt, wenn sich eine Direktorin mit einem Lohn von 500’000 Franken keine Zeit für ein Interview mit dem grössten Onlinemedium des Landes nimmt.
Thomas Matter, SVP-Nationalrat und Initiant der SRG-Initiative, wollte den Entscheid nicht kommentieren: «Susanne Wille muss selbst entscheiden, wem sie ein Interview gibt und wem nicht.» Er selbst sagt, er habe am selben Tag einer «20 Minuten»-Journalistin ein Interview gegeben.
Die Halbierungsinitiative einfach erklärt – Sind 200 Franken genug? – Das musst du darüber wissen
Die Halbierungsinitiative «200 Franken sind genug!» will die Radio- und TV-Gebühren deutlich senken. Wer hinter der Initiative steckt, welche Folgen sie hätte – und was für die SRG auf dem Spiel steht, zeigt unser Video-Explainer.