Coronakrise Wird jetzt weniger geraucht? Und was hat die Armee damit zu tun?

Von Jennifer Furer

20.7.2020

Es ist noch nicht restlos geklärt, ob Raucherinnen und Raucher ein erhöhtes Covid-Risiko haben.
Es ist noch nicht restlos geklärt, ob Raucherinnen und Raucher ein erhöhtes Covid-Risiko haben.
Keystone

Rauchern droht eher ein schwerer Krankheitsverlauf bei einer Corona-Ansteckung, so eine Studie. Hält das die Schweizer vom Rauchen ab? Und wieso ein Zigarettenhersteller die Wünsche von Soldaten nicht erfüllt.

Langeweile, Einsamkeit und Unsicherheit: Die Coronakrise begünstigt den Suchtmittelkonsum in vielerlei Hinsicht. «Der Konsum im Ausgang hat zwar abgenommen, doch einige Menschen greifen nun zu Alkohol, Tabak und anderen Suchtmitteln, um mit dem Stress klar zu kommen oder die Leere aufzufüllen», heisst es bei Sucht Schweiz.

Gleichzeitig sehen sich Raucherinnen und Raucher einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, bei einer Ansteckung mit dem Coronavirus einen schweren Krankheitsverlauf zu durchleben. Das zumindest haben Forscherinnen und Forscher der University of British Columbia in Kanada herausgefunden.

Ganz einig ist sich die Forschung aber bis heute nicht, ob tatsächlich eine Korrelation zwischen Rauchen und der Schwere des Krankheitsverlaufs besteht. Das deutsche Robert-Koch-Institut schreibt etwa, dass bisher nur eine «schwache Evidenz» bestehe. Bisher – denn noch sind nicht genügend Daten vorhanden, um zu einer abschliessenden Erkenntnis zu gelangen.

Zunahme zu Beginn des Lockdowns

Schweizer Raucherinnen und Raucher wägen sich aber offensichtlich bereits jetzt in Sicherheit. Hiesige Tabakhersteller haben keine Auswirkungen auf das Rauchverhalten der Schweizerinnen und Schweizer aufgrund der potenziell erhöhten Gefahr in der Pandemie festgestellt.

«Nach einer anfänglichen Zunahme der Zigarettenverkäufe zu Beginn des Lockdowns haben sich die Verkäufe wieder auf Vorjahresniveau eingependelt», sagt Kevin Suter, Sprecher der Japan Tobacco International AG (Jti), die unter anderem Zigaretten der Marken Winston, Camel und American Spirit herstellt.

Tabak ist systemrelevant

Suter glaubt, dass die anfängliche Zunahme erfolgte, weil sich die Leute zu Beginn des Lockdowns und wegen der Schliessung von Geschäften nebst Lebensmitteln auch Tabakwaren eingedeckt haben. «Es könnte sein, dass einige gedacht haben, dass sie durch die Schliessung der Läden nicht mehr an Tabakwaren kommen könnten», so Suter.

Dazu kam es aber nicht, weil Tabakhersteller von offizieller Seite als systemrelevante Unternehmen eingestuft wurden. Somit waren Produktion und Vertrieb von Tabakprodukten in der Schweiz zu keiner Zeit behindert.

Da es aber zu einer Grenzschliessung gekommen ist, habe eine Verschiebung innerhalb der Verkaufskanäle stattgefunden –, «weil es während dieser Zeit keinen Einkaufstourismus und praktisch keine Duty-Free-Einkäufe gab», erklärt Suter.

Frequenz eingebrochen

Christina Wahlstrand, Sprecherin von Valora, zu der Kioske, Avec-Shops und Press&Books-Läden gehören, sagt, dass im Lockdown die Kundenfrequenz vorübergehend eingebrochen sei. «Besonders betroffen waren aufgrund des Rückgangs der Pendlerströme die klassischen Hochfrequenzlagen wie Bahnhöfe und Flughäfen, aber auch Innenstädte.»

Auch im Tessin und in der Westschweiz habe die Coronakrise deutliche Folgen gehabt. «Wir spürten anhand der Frequenzen, dass dort die Pandemie-Situation vorübergehend besonders akut war.»

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Besser habe die Situation in den Agglomerationen ausgesehen. «Ebenso war die Kundenfrequenz an kleineren Bahnhöfen und Regionalbahnhöfen stabiler, wo die Läden auch als Nahversorger dienten», sagt Wahlstrand.

So sei das Nahversorger- und klassische Kiosk-Sortiment mit Tabak, Presse und Lotto am meisten nachgefragt worden, «wenn auch auf tieferem Niveau.» Aktuell verzeichne Valora nach wie vor eine reduzierte Kundenfrequenz, wobei sich nach Ende des Lockdowns aber positive Tendenzen abzeichnen.

Eine Verschiebung der Verkaufskanäle hat auch British American Tobacco Switzerland (Bat), der zweitgrösste Zigarettenhersteller der Schweiz, festgestellt. «Da Bat namentlich mit Parisienne jedoch ein sehr starkes lokales Portfolio aufweist, hatte der fehlende Einkaufstourismus nur einen beschränkten Einfluss auf unsere hiesigen Verkaufsvolumen», sagt Sprecher Benjamin Petrzilka zu «Bluewin».

Rauchen in der Armee

Bei Bat seien die Zigarettenverkäufe auch während der Coronakrise stabil geblieben. «Auswirkungen aufgrund von Medienberichten über potenziell erhöhte Risiken im Zusammenhang mit dem Nikotinkonsum haben wir keine festgestellt», so Petrzilka. Vielmehr hätten sich viele Schweizer Soldaten, die im Covid-19-Sondereinsatz standen und zum Teil noch immer stehen, bei Bat gemeldet und nach Tabakprodukten gefragt.

Rauchenden Armeeangehörigen stelle Bat jedoch ausschliesslich seinen Mundtabak Snus zu, der die Lungen nicht belastet. Zudem würden nur Soldaten beliefert, die bereits Nikotinkonsumenten seien. «Rauchende Soldaten müssen so nicht auf ihren Nikotinkonsum verzichten, ihre Lungen werden nicht belastet und es entsteht auch kein Passivrauch», heisst es bei Bat. «Damit möchten wir den eingerückten Soldaten herzlich für ihren wertvollen und unermüdlichen Einsatz für uns alle danken.»

Auch Zigarettenhersteller Philip Morris setzt auf rauchfreie Produkte –, geht aber noch einen Schritt weiter. «Nikotin und Tabakprodukte sind nicht risikofrei, und das Beste, was man tun kann, ist, ganz damit aufzuhören», sagt Sprecher Julian Pidoux.

Covid-19-Impfstoff mit Tabakpflanzen

British American Tobacco Switzerland (Bat), der zweitgrösste Zigarettenhersteller der Schweiz, arbeitet über seine US-amerikanische Biotech-Tochterfirma Kentucky BioProcessing (KBP) an einem potenziellen Impfstoff gegen Covid-19 auf der Basis von einer Tabakpflanzen-Technologie.

Tabakpflanzen hätten das Potenzial für eine schnellere und sicherere Impfstoffentwicklung im Vergleich zu herkömmlichen Methoden, heisst es in einer Medienmitteilung. Die vorhandene Technologie biete das Potenzial zur Herstellung von ein bis drei Millionen Impfstoffdosen pro Woche. Präklinische Tests seien derzeit im Gang.

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