Wenn jugendliche Aktivisten in die Schusslinie geraten

AP/tsha

17.1.2020 - 13:57

Wie weit darf die Kritik gehen, wenn junge Menschen wie Greta Thunberg in der Öffentlichkeit stehen? Was sagen Anfeindungen über die Gesellschaft aus? Wissenschaftler versuchen, Grenzen aufzuzeigen.

Als ob das Erwachsenwerden nicht ohnehin schwer genug wäre: Im Rampenlicht der Öffentlichkeit kann es noch viel schwieriger und komplizierter sein. Königskinder und Kinostars können davon ebenso ein Lied singen wie junge Aktivistinnen und Aktivisten wie Greta Thunberg. Sie sind angreifbar, der Kritik der Erwachsenenwelt ausgesetzt – doch wie weit darf die gehen?

Als die Klimaschützerin Thunberg, die gerade ihren 17. Geburtstag gefeiert hat, im vergangenen Jahr vom «Time»-Magazin zur «Person des Jahres» gekürt wurde, tat US-Präsident Donald Trump über Twitter die Wahl als «lächerlich» ab. Greta solle doch erst einmal ihr Problem im Umgang mit Wut in den Griff bekommen und dann mit einem Freund einen schönen altmodischen Film besuchen, verunglimpfte er den Einsatz der jungen Schwedin.



Greta nahm es gelassen und zitierte Trumps Beschreibung schlagfertig in ihrem Twitter-Profil. «Ich denke, es ist lustig», sagte sie dazu der Website «The Intercept».

Andere Kritik trifft die junge Schwedin härter, wenn etwa ihr Engagement an sich in Frage gestellt wird. Das kennen auch andere Jungen und Mädchen, die sich für ihre Überzeugungen in die Öffentlichkeit wagen. Oder Jugendliche, die Herausragendes leisten, was dann von Nichtigkeiten in den Schatten gedrängt wird.

«Die Leute hören jungen Menschen anders zu»

Ein Beispiel: Die US-Turnerin Gabby Douglas gewann 2012 mit 16 Jahren als erste Schwarze die Goldmedaille im Einzelmehrkampf bei den Olympischen Spielen. Ein Wahnsinnserfolg – und doch kritisierten manche in den sozialen Medien, dass das Haar der Sportlerin nicht perfekt gewesen sei. Die Teenagerin wehrte sich: «Ihr verschaukelt mich wohl? Ich habe gerade Geschichte geschrieben. Und ihr konzentriert euch auf mein Haar?»

Auch die pakistanische Aktivistin Malala Yousafzai bekam schon als Jugendliche viel Aufmerksamkeit.

Mein Jahr mit Greta Thunberg

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19.12.2019

Auf alle, die sich an der öffentlichen Debatte beteiligen, könne sich die Bekanntheit positiv und negativ zugleich auswirken, sagt die Entwicklungspsychologin Parissa Ballard von der Wake-Forest-Medizinakademie in Winston-Salem.

«Es kann für junge Leute bestärkend sein, wenn sie ihre Stimmen auf so öffentliche Weise erheben», erklärt Ballard. «Junge Menschen können auch besonders einflussreich sein, wenn es bei wichtigen Themen um Veränderungen in öffentlichen Debatten geht. Die Leute hören jungen Menschen anders zu.»

Neben Greta Thunberg nennt sie als Beispiel die Parkland-Teenager, jugendliche Überlebende des Schulmassakers von Parkland in Florida, die nach der Bluttat als Anti-Schusswaffen-Aktivisten an die Öffentlichkeit gingen.

«Gleichzeitig kann solch öffentliches Engagement sehr stressen und junge Menschen in eine angreifbare Position bringen, in der sie Kritik ausgesetzt sind.» Schülerinnen und Schüler der High School in Parkland wurden als «Krisenschauspieler» beschimpft oder als Marionetten von Schusswaffengegnern.

Michelle Obama macht Mut

Äusserlich zumindest liessen sich die Aktivisten nicht beirren. «Es gibt Leute, die uns niedermachen wollen. Das ist egal. Was wir machen, lässt sich nicht stoppen», sagte Diego Pfeiffer damals dem «Miami Herald». Mit 18 war er einer der Ältesten. «Wir sind Kinder und wir haben eine Botschaft», betonte er. «Sie schlagen auf Überlebende einer Schusswaffenattacke an einer Schule ein. Ihr könnt weitermachen, aber unsere Botschaft wird laut und deutlich zu hören sein.»



Wo die Kritik zu stark, unfair, abwegig wird, müsse die Gesellschaft den jungen Menschen zur Seite stehen, fordert Richard West, Kommunikationswissenschaftler vom Emerson College in Boston. «Wir müssen uns alle einklinken. Nicht nur Gretas Familie. Nicht nur die Familien der Parkland-Kids. Wir sollten uns alle einklinken, wenn wir etwas sehen oder hören, das überhaupt nicht zu den Werten dieses Landes passt», betont er. «Wir haben nun einmal als Land nicht die Werte, junge Leute anzugreifen.»

Im Fall Greta Thunberg war es Michelle Obama, die sich einschaltete. «Lass nicht zu, dass jemand dein Licht unter den Scheffel stellt», ermutigte die ehemalige First Lady die junge Aktivistin nach dem Trump-Tweet. Greta habe der Welt so viel zu sagen und zu bieten. «Ignoriere die Zweifler und sei dir bewusst, dass Millionen Menschen dich anfeuern.»

«Erwachsene können jungen Aktivisten zur Seite stehen«

Vor allem, wenn junge Menschen Strukturen verändern wollen und auf Gegenwind einer mächtigen und einflussreichen Erwachsenenwelt stossen, nehmen auf der anderen Seite unterstützende Erwachsene nach Ansicht von Psychologin Ballard eine Schlüsselrolle ein. «Erwachsene können jungen Aktivisten zur Seite stehen, indem sie ihnen helfen, das Spektrum möglicher Reaktionen zu verstehen», sagt Ballard.

Für Präsidenten gelten andere Massstäbe

Auf jeden Fall dürfen an jugendliche Aktivisten keine Massstäbe angelegt werden, die für erfahrene Erwachsene gelten, mahnt der Kommunikationsexperte West. «Ich glaube nicht, dass sie an einem Standard gemessen werden sollten, den wir beispielsweise an einen Präsidenten oder einen Botschafter anlegen.»

Die Gesellschaft betrachte in der Öffentlichkeit stehende Jugendliche oft als der Kindheit entwachsen, erklärt der Psychologe Daryl Van Tongeren vom Hope College in Holland im US-Bundesstaat Michigan. Damit gebe man sich irgendwie das Recht, sie auf eine andere Stufe zu heben, in eine andere Kategorie einzuordnen. «Das ist für uns ein Moment zum Innehalten und Sagen: Nur weil es so ist, heisst das, dass das auch gut ist, dass es gesund ist, dass es richtig ist?»

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