Italienische Berghütte steht plötzlich in der Schweiz 

tafu

13.3.2020 - 11:11

Durch das Schmelzen des Theodulgletschers hat sich die Wasserscheide zugunsten der Schweiz verschoben.
Bild: Keystone

Durch den Klimawandel schmelzen die Gletscher – mancherorts verschiebt sich dadurch sogar die Landesgrenze, wie im Fall einer italienischen Hütte. Die steht jetzt auf Schweizer Boden.

Der Klimawandel ist bereits spürbar und verursacht Probleme – doch mit manchen Folgen hätte wohl keiner gerechnet. Denn dass eine Berghütte plötzlich das Land wechselt, in dem sie steht, konnte man wohl kaum vorhersehen.

Die Schutzhütte Rifugio Guide del Cervino steht nahe des Plateau Rosa auf einem Berggrat in den Walliser Alpen auf italienischem Boden, im Norden befindet sich die Schweiz. Als die italienische Gemeinde Valtournenche die in die Jahre gekommene Hütte erneuern wollte, machte sie eine erstaunliche Entdeckung: Die Landesgrenze verläuft inzwischen anders, da die Erwärmung die unter Eis und Firn versteckte Felskante freigelegt hat, berichtet der «Tagesanzeiger».

Doch wie konnte es dazu kommen? Italien und die Schweiz haben den Grenzverlauf zwischen 1924 und 1938 festgelegt. Gemäss einem Reglement von 1941 verläuft die Staatsgrenze entweder entlang von Wasserscheiden oder Bergflanken, die natürlichen Veränderungen als Folge erosiver Prozesse sollen dabei stets berücksichtigt werden.



Eine aus schweizerischen und italienischen Delegierten bestehende Grenzkommission beschloss vor 15 Jahren, die Landesgrenzen mithilfe von aktuellen Luftaufnahmen neu zu beurteilen. Kommt es zu Veränderungen, regeln es die Staaten normalerweise unter sich. Damit die festgelegte Fläche eines Landes konstant bleibt, werden die Flächen kompensiert, beispielsweise durch die Verlegung von Grenzsteinen.

Verschiebung der Wasserscheide

Im Fall des Theodulgletscher hat sich Untersuchungen zufolge nun die Linie der Wasserscheide aufgrund von Gletscherabschmelzungen um 100 bis 150 Meter zugunsten der Schweiz verschoben. Bisher regelten die Länder das in dem seit 2010 in Kraft getretenen Notenaustausch, denn in den Grenzreglementen waren Veränderungen durch Klimawandel nicht vorgesehen.



Alain Wicht, Beauftragter für die Landesgrenzen bei Swisstopo, erklärt, die Regelung finde generell unbürokratisch statt, da ja niemand wirklich betroffen sei. Doch im Falle des Rifugio del Cervino sieht das anders aus. Ein meterhoher Schneewall markierte die Wasserscheide, die Hütte befand sich auf italienischer Seite. Nachdem nun aber der Schnee weg ist, steht der grössere Teil des Rifugio del Cervino jenseits der breiten Bergflanke und damit auf Schweizer Seite.

Es muss nun also die Grenze exakt bereinigt werden, bevor an eine Erneuerung der Hütte zu denken ist. Konkret geht es um eine Fläche von 500 Quadratmetern. Zwar hatte die Schweiz bereits vor einigen Jahren einen Vorschlag zur Flächenkompensation vorgelegt, ein Konsens ist aber noch nicht gefunden. Im Mai soll neu verhandelt werden. Immerhin: «Beide Länder haben nochmals ausgemessen und sind zum gleichen Ergebnis gekommen», so Wicht. Die Hütte soll italienisch bleiben.

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