Wie Lawinen entstehen und was sie so unberechenbar macht

12.1.2019 - 14:00, jfk

Lawinenabgänge sind schwer vorhersagbare Ereignisse, die im schlimmsten Fall Menschen in den Tod reissen. (Archiv)
Bild: Keystone

Inzwischen hat die extreme Wetterlage auch die Schweiz erfasst. In Teilen des Alpenraums ist die Lawinengefahr so bedrohlich wie seit Jahren nicht. Bestimmte Arten der Schneeabgänge sind besonders tückisch und machen Vorhersagen schwierig.

In den Alpen ringen die Menschen derzeit mit den Härten und Kapriolen des Winters. Eine 300 Meter breite Lawine ging am 10. Januar auf der Schwägalp in Appenzell Ausserrhoden nieder, verschüttete Autos und drang in das Hotel Säntis ein. In Südbayern waren die Siedlung Buchenhöhe in Berchtesgaden und die Gemeinde Jachenau wegen Schnees zeitweise abgeschnitten.

Die Deutsche Bahn musste mit Baggern und Radladern Schneemassen aus den Bahnhöfen Miesbach, Schaftlach in Waakirchen und Schliersee entfernen, um den Zugverkehr wieder aufnehmen zu können. Auch Orte in Österreich sind nicht erreichbar wie Galtür in Tirol. In grossen Teilen des Bundeslandes Salzburg gilt die höchste Warnstufe.

Bei Lawinenabgängen kamen in Deutschland und Österreich mehrere Skifahrer ums Leben. Durch Einhaltung von Vorsichtsmassnahmen, das Mitführen von Sicherheitsausrüstung und Schulung in der Kameradenrettung kann das Risiko gesenkt werden. Und als Skitourengänger schadet es nicht, sich mit den Voraussetzungen und Vorgängen bei der Lawinenbildung vertraut zu machen.

Was begünstigt Lawinenbildung?

Wie viel Neuschnee in einer kurzer Zeitspanne auf einen bestimmten Ort fällt und sich dort sammelt, ist ein wichtiger Faktor, wie der Spiegel schreibt. Schneeverwehungen können diesen kritischen Punkt verschärfen. Dieser sogenannte Triebschnee haftet nur schlecht am bestehenden Untergrund und kann daher leicht ins Rutschen kommen. Temperatur und die Beschaffenheit des Bodens unter der Schneedecke sind ebenso mitentscheidend.



Bei Nordhängen verlangsamt sich die stabilisierende Schneeverdichtung wegen der geringen Sonneneinstrahlung. Dadurch bleiben Gefahrenstellen länger bestehen. Später im Winter werden dagegen Südhänge gefährlich, da hier mehr Wärme Nassschneelawinen Vorschub leistet.

Gibt es nur den einen Lawinentyp?

Nein, Experten unterscheiden laut «Spiegel» mehrere Arten. So entstehen Lockerschneelawinen in Steillagen, eher spontan und punktuell begrenzt. Ähnlich wie bei einer Kugel, die zu Tal rollt, ziehen sie beim Abgang weiteren Schnee an und werden grösser. Diese Lawinen bergen ein begrenztes Gefahrenpotential, da sie eher klein und langsam sind.

Blick auf den Eingang des Hotel Säntis mit einem verschütteten Bus und Auto. Bei einem Abgang einer 300 Meter breiten Lawine auf der Schwägalp AR wurden in der Nacht auf den 11. Januar drei Personen leicht verletzt.
Bild: Keystone

Für Wintersportler richtig gefährlich sind dagegen Schneebrettlawinen. Hier bewegt sich eine ganze Schneetafel mit hohem Tempo und hoher Masse am Stück talwärts. Diese Lawine entsteht, wenn sich im Schnee mehrere verschiedene Schichten übereinander stapeln. Durch Neuschnee können immer mehr der schon schwachen Bindungen der Eiskristalle brechen. Der Effekte breitet sich kaskadenartig aus, grosse Stücke brechen heraus. Auf den gebrochenen Platten rutschen dann die daraufliegenden Schneelagen ins Tal.

Nassschneelawinen entstehen spontan, vor allem bei starker Erwärmung. Eindringendes Schmelzwasser zerstört die Bindungen zwischen den Eiskristallen. Die Phänotypen dieser Entstehungsart sind Lockerschnee- oder Schneebrettlawinen.



Gleitschneelawinen reissen wie ein Schneebrett über eine längere Strecke ab. Im Unterschied dazu rutscht hier die gesamte Schneedecke am Stück ab. Ein weiterer Typ sind Staublawinen, in denen sich Schnee und Luft zu einer gewaltigen Wolke mischen. Sie können eine hohe Zerstörungskraft haben und mit 300 km/h ins Tal donnern.

Welche Lawinensorte ist am gefährlichsten?

Wie der «Spiegel» eine Auskunft des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos wiedergibt, finden 90 Prozent aller Lawinenopfer durch Schneebretter den Tod. Eine typische, durch Wintersportler hervorgerufene Schneebrettlawine ist mit rund 50 Metern Breite und 150 bis 200 Metern Länge nicht besonders gross – aber so gefährlich, weil der Auslöser mitverschüttet wird. Bei Lockerschneelawinen geht das Material unter der auslösenden Person ab.

Welche Rolle spielt die Hangneigung?

Damit sich eine Lawine bildet, muss ein Hang nicht unbedingt steil sein. Schneebretter können auch im flachen Gelände ins Rutschen geraten. 30 Grad Neigung und zum Teil weniger reichen dafür aus. Bei Lockerschneelawinen mit trockenem Schnee liegt dieser Wert am Auslösepunkt in der Regel über  40. Bei Neigungen jenseits der 50 Grad treten die gefährlichen Schneebrettlawinen nur selten auf.

Wie kommt eine Lawinenprognose zustande?

In Vorhersagen fliessen aktuelle Beobachtungsdaten und Computermodelle ein. Doch für grössere Gebiete sind Lawinenprognosen ein schwieriges Unterfangen. Denn wie es um das Innenleben einer Schneedecke steht, ist nicht immer einfach herauszubekommen. Und die Bedingungen können sich auch sehr kleinräumig ändern. Der Abgang einer Lawine selbst ist ein chaotischer Prozess und lässt sich nur bedingt vorhersagen. Immerhin ist es möglich, die örtliche Wahrscheinlichkeit für Lawinen zu bestimmen. Betreiber von Skigebieten stützen sich auf solche in kurzen Zeitabständen aktualisierte Berichte, um gegebenfalls gefährdete Pisten zu sperren.

Bilder des Tages
Zurück zur Startseite

Weitere Artikel