Wechsel an CS-Spitze «Wie bei einer Ehe bleibt am Ende nur noch die Scheidung»

Von Gil Bieler

7.2.2020

Die Trennung der Credit Suisse von CEO Tidjane Thiam erfolge sehr spät, aber nicht zu spät – so beurteilt Wirtschaftsrechtsexperte Peter V. Kunz den Wechsel an der CS-Spitze. VR-Präsident Urs Rohner sieht er nicht gefährdet.

Die Beschattungsaffäre lastet seit Monaten auf der Credit Suisse – und vor allem auf der Konzernspitze. Eine der zentralen Fragen der jüngsten Zeit: Wer müsste für einen erfolgreichen Neustart seinen Posten räumen, CEO Tidjane Thiam oder Verwaltungsratspräsident Urs Rohner?

Nun herrscht Klarheit: Thiam muss am 14. Februar seinen Hut nehmen, Rohner bleibt im Amt. Der Verwaltungsrat habe das einstimmig entschieden, teilte die Credit Suisse am Freitag mit.

Kommt dieser Schritt noch rechtzeitig? «Die Trennung erfolgt zwar sehr spät, aber nicht zu spät», meint Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz von der Universität Bern. Für ihn steht fest: «Das Vertrauen zwischen CEO und Verwaltungsrat dürfte unumkehrbar zerrüttet gewesen sein. Wie bei einer Ehe bleibt dann bloss noch die Scheidung.»

«Rache wegen des Egos» unwahrscheinlich

Doch auch Rohner steht in der Kritik: So hatten sich Medienberichten zufolge zuletzt mehrere Grossaktionäre hinter Thiam gestellt. Das sei ein überraschender Schritt gewesen, meint Kunz, doch werde es keine Folgen für Rohner haben: «Wenn der Aktienkurs der CS stimmt, gibt es keine Probleme, wollen sie doch Geld verdienen. Sie werden nicht wegen des Egos auf Rache gegen den Verwaltungsrat sinnen.»

Unmittelbar nach der Ankündigung von Thiams Rücktritt gerieten die CS-Aktien stark unter Druck. Sie sackten in der ersten Handelsstunde um 3,6 Prozent auf 12,32 Franken ab.



Ausserdem sei der Abgang von Rohner als Verwaltungsratspräsident absehbar und werde folglich kein Problem sein. Rohner geniesse das volle Vertrauen des Verwaltungsrats und man erwarte, dass er sein Amt bis April 2021 ausüben werde, heisst es dazu im Communiqué der Grossbank.

«Massgeblich ist vielmehr der neue CEO», findet Kunz. «Mit Thomas Gottstein wurde bewusst ein Sympathieträger – zudem Schweizer – gewählt, der beim Publikum, den Aktionären und den Medien gut ankommen wird.» Gottstein ist als CEO der Credit Suisse (Schweiz) AG sowie Mitglied der Konzernleitung seit 2015 für den Heimmarkt der Grossbank verantwortlich.

Kommt es zu einem Rosenkrieg?

Die Trennung von Thiam bewertet der Wirtschaftsrechtsprofessor als gesichtswahrend für beide Seiten. Wenn nun keine gerichtliche Auseinandersetzung folge – etwa um eine Abgangsentschädigung – «wird das Thema für beide Seite bald erledigt sein», so Kunz.

In der Medienmitteilung finden sich zumindest keine Passagen, die auf Zerwürfnis hindeuten würden. Thiam lässt sich mit den Worten zitieren: «Ich möchte allen Mitarbeitenden der Credit Suisse für ihre Unterstützung meinen herzlichen Dank aussprechen – ich werde ihnen stets dafür dankbar sein.»



Auch Rohner findet nur lobende Worte für den scheidenden CEO: «Tidjane Thiam hat der Credit Suisse einen enormen Beitrag geleistet, seit er 2015 zu uns gestossen ist. (...) Der Verwaltungsrat und ich wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.»

Thiam will von nichts gewusst haben

Thiam beteuert in der Mitteilung einmal mehr, dass «keinerlei Kenntnisse von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen» gehabt habe. «Zweifellos hat dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung und Leid geführt. Ich bedauere das Vorgefallene und es hätte nie passieren dürfen.»

Im September letzten Jahres war bekannt geworden, dass die CS ihren damaligen Manager Iqbal Khan vor seinem Wechsel zur Konkurrentin UBS durch Privatdetektive beschatten liess. Der operative Chef der CS und der CS-Sicherheitschef mussten in der Folge ihre Posten räumen.

Im Dezember wurde dann noch ein weiterer Fall publik: Auch der damalige Personalchef Peter Goerke wurde im Februar 2019 im Auftrag der Bank überwacht. Die Finanzmarktaufsicht Finma hat im Zuge dieser Affären Untersuchungen bei der CS eingeleitet. 

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