Furchtbares Ende einer Ära – als die Concorde in Flammen aufging

Von Julia Naue, dpa

25.7.2020 - 14:00

Stars und Sternchen – dazu Champagner. Das war die Concorde. Vor 20 Jahren endete die Ära des Luxusjets in einer der schlimmsten Katastrophen der Luftfahrtgeschichte.

«Sie haben Flammen hinter sich», meldet der Tower des Pariser Flughafens Charles de Gaulle. Doch es ist zu spät, das Flugzeug ist bereits zu schnell – es muss abheben. Um 16:44 Uhr endet die Aufzeichnung, nur Minuten nach dem Start stürzt der Air-France-Flug 4590 in ein Hotel – ein riesiger Feuerball über dem Pariser Vorort Gonesse.

Alle 109 Insassen kommen an diesem 25. Juli vor 20 Jahren ums Leben, vier Menschen sterben am Boden. Es ist ein fürchterliches Unglück und der Anfang vom Ende eines Mythos – des Überschalljets Concorde.



«Ich war an dem Tag, als die Concorde abgestürzt ist, auf einer Tagung. Ich bekam dann einen Anruf aus der Kanzlei, was recht ungewöhnlich war», erinnert sich der Rechtsanwalt Christof Wellens aus dem deutschen Mönchengladbach. In der Concorde sassen damals auch 99 Passagiere auf dem Weg nach New York, die eine Kreuzfahrt gebucht hatten. Fast alle von ihnen kamen aus Deutschland, 13 stammten aus Mönchengladbach. «In der Kanzlei hatten sich Angehörige gemeldet, die im Fernsehen beobachtet hatten, dass es ein massives Unglück mit der Concorde gegeben hatte», erzählt Wellens.

Sensible Arbeit mit den Hinterbliebenen

Wellens ist Vorsitzender des Vereins Crash e.V., der nach einem schweren Unfall Angehörigen zur Seite steht. Der Verein ist besonders spezialisiert auf Flugzeugunglücke – half auch den Angehörigen beim Germanwings-Absturz 2015. Der Verein stellt zum Beispiel sofort Geld zur Verfügung, spricht mit Vermietern oder mit anderen Gläubigern, die Zahlungen anmahnen. «Wir vermitteln natürlich auch Kontakte zu Psychologen, Experten, Sachverständigen und vermitteln Rechtsberatung», so Wellens. Crash e.V. wurde nach dem Absturz der Concorde gegründet.

Wellens führte für etliche Angehörige der Concorde-Opfer damals federführend die Verhandlungen um Entschädigungen. Der Kontakt zu den Angehörigen kam damals direkt nach dem Absturz über die Kanzlei zustande. «Diese Gespräche mit Hinterbliebenen erfordern viel Fingerspitzengefühl, weil in der Situation alles andere näherliegt, als über Geld zu sprechen», sagt er. «Wir haben in solch einer Situation eher den Blick in die Zukunft.» Für die Angehörigen sei das schwierig.

«Die Arbeit muss man professionell sehen können – das ist wie bei einem Arzt, der einen Krebspatienten betreut», so der Anwalt. «Wir sehen die Hilfen, die wir vermitteln können, und weniger, dass etwas Schreckliches passiert ist.» Bei dem Concorde-Absturz konnte für viele damals eine schnelle Einigung erzielt werden. Nach etwa einem Jahr seien Entschädigungen ausgezahlt worden, so Wellens.

Eine Lamelle brachte den Tod

Zehn Jahre später urteilte ein französisches Gericht darüber, was damals passiert war. Die Concorde rollte beim Start über ein Metallstück, das ein zuvor abgeflogener Jet verloren hatte. Das löste eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus: Die Lamelle liess einen Reifen am Fahrwerk der Concorde platzen, Gummiteile durchschlugen einen Flächentank des Flugzeugs, und das ausströmende Kerosin fing Feuer. Eine Lamelle besiegelte also damals das Schicksal von 113 Menschen.

Für viele war ein Flug mit der Concorde ein Traum. Sie war der einzige Überschalljet, der dauerhaft im Reiseverkehr eingesetzt wurde. Auf den Strecken von Paris und London nach New York war die schneeweisse Concorde mit der spitzen Nase ein Vierteljahrhundert lang unterwegs – als «Königin der Lüfte» sozusagen.

Nur rund dreieinhalb Stunden brauchte sie mit doppelter Schallgeschwindigkeit über den Atlantik, weniger als halb so lang wie normale Flugzeuge. An Bord gab es Champagner und Kaviar, der Inbegriff von Luxus.

Das Aus war unvermeidlich

Air France und British Airways hatten den Linienverkehr 1977 aufgenommen. 2003 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Viele fragen sich, ob die Concorde heute noch fliegen würde, hätte es das Unglück nicht gegeben. Die Antwort ist wohl: eher nein.

«Es veränderte sich schon etwas vor dem Absturz. Die Passagiere, die man dort an Bord der Concorde erwarten würde – die Berühmten, die gekrönten Häupter, die Magnaten – hatten ihr Verhalten geändert», weiss Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Viele seien auf Privatjets umgestiegen, die nicht an einen Linienflugplan gebunden waren.



«Die Kundschaft wollte eben auch die Flexibilität, nicht nur von London Heathrow nach New York JFK zu fliegen, sondern vielleicht von Nizza nach Washington», so der Experte. Mit der Concorde und ihrem begrenzen Angebot war das nicht möglich.

Und die Concorde war auch eines – ziemlich eng. Für Luxus wie eingebaute Betten oder Trennwände war schlicht gar kein Platz. Hinzu kamen ein riesiger Treibstoffverbrauch und unverhältnismässig teure Instandhaltungskosten. Der «fliegende Bleistift» wirkt auch allein aus Umweltgründen heute völlig aus der Zeit gefallen.

Es bleibt nur die Erinnerung

Trotzdem tüfteln immer wieder Unternehmen an einer neuen Concorde. Doch wer hofft, bald im Überschallflugzeug durch die Welt zu jetten, dürfte eher enttäuscht werden. «Dass nach Corona überhaupt das Wagniskapital am Markt vorhanden ist, in den nächsten Jahren in ein neues Flugzeugprojekt zu investieren, bezweifle ich», schätzt Schellenberg.

Und so bleibt die Erinnerung an ein aussergewöhnliches Flugzeug, mit dem man die Zeit schlagen konnte. Schellenberg ist sicher: «Ohne den Absturz wäre die Concorde ins Museum geflogen. So ist sie auf den Schrottplatz geflogen. Sie war schon eine Ikone der Luftfahrt, das muss man anerkennen.»

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