Jahresrückblick Wie das Drama im Brügglifeld den Champions-League-Final überflügelt

Von Jan Arnet

25.12.2019

Elsad Zverotic wird für Aarau zum tragischen Helden.
Elsad Zverotic wird für Aarau zum tragischen Helden.
Bild: Keystone

Mit dem Besuch des Champions-League-Finals ging für den Autor dieses Artikels ein Kindheitstraum in Erfüllung. Sein Highlight des Jahres ging aber nicht in Madrid, sondern tags darauf in Aarau über die Bühne. 

Wir schreiben den 31. Mai 2019, Freitagmorgen. Ich packe meine sieben Sachen und mache mich auf den Weg Richtung Flughafen Kloten. Das Ziel: Madrid. Morgen geht's ins Wanda Metropolitano, ins nigelnagelneue Stadion von Atlético Madrid, wo das Fussball-Highlight des Jahres steigen soll, der Champions-League-Final. Wie ein kleiner Junge freue ich mich auf dieses Spiel, obwohl ich weder Liverpool noch Tottenham die Daumen drücke. Es ist das Endspiel in der Königsklasse und ich werde dabei sein – ein Kindheitstraum wird wahr.

An jenem Freitagmorgen ahne ich noch nicht, dass mein persönliches Sporthighlight des Jahres 2019 nicht am 1. Juni im Wanda Metropolitano stattfinden wird, sondern ein Tag später auf einem besseren Bolzplatz mit rund 1'000 Sitz- und 6'000 Stehplätzen – im Aarauer Brügglifeld. 

Denn der Champions-League-Final hält nicht, was er verspricht. Liverpool geht im englischen Duell schon in der ersten Minute in Führung und schafft es dann, die knappe Führung clever zu verwalten. Zwar steht es bis zur 87. Minute und der Entscheidung durch Origi nur 1:0, Spannung kommt in diesem Spiel aber zu keinem Zeitpunkt auf. Zu schwach präsentiert sich Tottenham, es ist – auf gut Schweizerdeutsch – ein «Schiss-Match».

Ein «Schiss-Match» ist für Xamax auch das Barrage-Hinspiel der Super League gegen Aarau, das die Neuenburger zwei Tage vor dem Champions-League-Final zu Hause gleich mit 0:4 verlieren. Der Abstieg in die Challenge League ist so gut wie besiegelt. Und jeder Aarauer ist sich sicher: Nach dem Abstieg im Jahr 2015 kehrt nun endlich die Super League ins Brügglifeld zurück. 

Die Wende

Die Aufstiegsparty will ich mir nicht entgehen lassen. Ich bin zwar kein Aarau-Fan, wohne aber nur unweit des Aargauer Hauptortes entfernt und habe nach dem tristen Champions-League-Final meine nötige Dosis an Fussball vor der Sommerpause noch nicht vollständig erreicht.

So mache ich mich nur wenige Stunden nach meiner Landung in Kloten auf den Weg ins Brügglifeld. Und sehe auf dem Weg, wie auf dem Aargauerplatz die Vorbereitungen für die Aufstiegsfeier auf Hochtouren laufen. Festbänke und Bühne werden aufgestellt. Wie bereits erwähnt: Kein Aarauer glaubt an diesem 2. Juni, dass das mit der Rückkehr ins Oberhaus des Schweizer Fussballs noch schiefgehen wird. 

Doch an diesem Tag ereignet sich im Rückspiel etwas Historisches. Es ist ein Spiel, das an Dramatik nicht zu überbieten ist. Die Geschichte der Partie ist schnell erzählt. Xamax geht in der 20. Minute durch einen Penalty in Führung und schiesst noch vor der Pause die Tore zum 2:0 und 3:0. Die Stimmung im Brügglifeld: etwas zwischen Schockstarre und Unglaube. Aber die Hoffnung ist noch immer gross, noch führen die Aarauer ja mit einem Tor. Bis in die 72. Minute und dem Tor zum 4:0 durch Geoffrey Tréand, einen Ex-Aarauer. Unglaublich. 

Das Drama nimmt seinen Lauf. In der letzten Minute hat Marco Schneuwly noch die grosse Chance, alles wieder vergessen zu machen. Doch der FCA-Stürmer bringt den Ball aus fünf Metern nicht ins Tor. So kommt es zur Verlängerung und schliesslich zum Penaltyschiessen, wo Elsad Zverotic als einziger Spieler nicht trifft. Ausgerechnet Geoffroy Serey Dié, der heute für Aarau spielt, schiesst Xamax dann mit dem letzten Versuch zum Klassenerhalt – und Aarau ins Elend. Das Drama ist perfekt. 

Niedergeschlagene Aarauer auf der einen, jubelnde Neuenburger auf der anderen Seite.
Niedergeschlagene Aarauer auf der einen, jubelnde Neuenburger auf der anderen Seite.
Bilder: Keystone

Als ich auf der Heimfahrt sehe, wie auf dem Aargauerplatz die Festbänke und Bühne wieder abgebaut werden, mache ich mir Gedanken über die beiden Fussballspiele, die ich innert weniger als 24 Stunden live gesehen habe. Und komme zum Schluss: Unabhängig davon, ob man Aarau- oder Xamax-Anhänger ist – was sich da im Brügglifeld abgespielt hat, ist in diesem Jahr nicht zu toppen. Nicht mal vom Champions-League-Final. Das spiegelt sich übrigens auch auf den «Bluewin»-Klickzahlen: Unser Barrage-Rückspiel-Liveticker hatte mehr als doppelt so viele Besucher wie jener des Endspiels der Königsklasse.


Zurück zur StartseiteZurück zum Sport