Doppelgänger wider Willen: Das Problem des ATP Cup heisst Davis Cup

René Weder

8.1.2020 - 15:57

Das «Team Australia» präsentiert sich dieser Tage als geschlossene Einheit und beschert dem Publikum an Anbetracht der verheerenden Buschbrände etwas Ablenkung.
Bild: Keystone

Der ATP Cup geht ab Donnerstag in Sydney mit den Viertelfinals in die K.-o.-Phase. «Bluewin» zieht Zwischenbilanz und hält fest: Das Format hat Potenzial. Das Problem: Der Davis Cup.

Die Feuertaufe, wenn man das in Anbetracht der Buschbrände in Australien so sagen darf, hat der ATP Cup zweifelsfrei überstanden: Das Länderturnier, das in Perth an der Westküste sowie in Brisbane und Sydney im Osten des Landes ausgetragen wird, könnte sich in den kommenden Jahren als Saisonauftakt im Männer-Tennis etablieren. Wäre da nicht der Davis Cup, der erst vor wenigen Wochen zum Ende der Saison 2019 in einem ganz ähnlichen Stil über die Bühne ging.

Bevor es ab Donnerstag – dann nur noch in Sydney – mit dem Start der K.-o.-Phase um die erstmalige Vergabe des Siegerpokals geht, zieht «Bluewin» ein Zwischenfazit. Wer und was fiel auf? Wer enttäuschte? Und was sagen die Top-Stars zum neuen Turnier?

Das Format

24 Länder nehmen am ATP Cup teil – nach der Verzichtserklärung von Roger Federer gehört die Schweiz nicht dazu. Gespielt wird zunächst in Vierergruppen – jeder gegen jeden. In jeweils drei Partien (zwei Einzeln und einem Doppel) werden die Sieger in den Direktduellen erkoren. Die sechs Tabellenersten und die zwei besten Gruppenzweiten qualifizieren sich letztlich für die Viertelfinals. Die Paarungen der «Final Eight» bei der Turnierpremiere lauten:

England – Australien (9. Januar)
Argentinien – Russland (9. Januar)
Serbien – Kanada (10. Januar)
Belgien – Spanien (10. Januar)

Diese acht Teams machen den ersten grossen Titel der Saison unter sich aus.
Bild: atpcup.com

Nadal und Djokovic fordern Zusammenlegung

In Abwesenheit von Roger Federer, der nur eine Exhibition bestreiten und damit bei den Australian Open einen «Kaltstart» wagen wird, galt das Hauptaugenmerk in den ersten Tagen vor allen Dingen den Auftritten der Weltranglistenführenden Rafael Nadal und Novak Djokovic. Die beiden Spieler enttäuschten ihre Fans nicht und verliessen den Court stets als Sieger. Die Form stimmt, dem Engagement nach zu schliessen ebenso die Einstellung. Misstöne gab es allerdings am Rande der Veranstaltung, als über die Doublette mit dem Davis Cup gesprochen wurde. Dieser ging erst Ende November in Madrid über die Bühne und ist im Vergleich mit dem ATP Cup für den neutralen Beobachter kaum davon zu unterscheiden. 

«Es sind wirklich sehr ähnliche Events, die unmittelbar aufeinander folgen», stellt Denis Shapovalov fest. «Ich sehe nicht, warum die ATP und die ITF nicht gemeinsame Sache machen können, nicht zu irgendeiner Abmachung kommen und nicht ein einzigartiges und spezielles Turnier für jeden machen können», befindet der Kanadier. 

Rafael Nadal pflichtet den Gedanken Shapovalovs bei: «Es ist verwirrend, zwei Weltmeisterschaften in einem Monat zu haben. Ich denke, das Tennis verdient so etwas wie eine Zusammenlegung dieser Anlässe.» Und auch Novak Djokovic ist dieser Ansicht: «Ich hoffe, das wird passieren, denn es ist schwierig, die Topspieler dazu zu bringen, bei beiden Events dabei zu sein, dem Davis Cup und dem ATP Cup», so der Serbe und ergänzt: «Es sind nur sechs Wochen dazwischen, dadurch macht man die Sache nicht einfacher, auch was das Marketing oder den Wert der Veranstaltung betrifft.»

Es ist in der Tat fraglich, ob die beiden Team-Events unmittelbar nacheinander eine Zukunft haben. Für den Davis Cup spricht die Tradition, für den ATP Cup die Ansetzung zum Jahresanfang, wo die Spieler mit vollen Tanks anreisen können.

Die Gastgeber: Gemeinsam stark

Fernab solcher Gedanken und in überragender Verfassung präsentierte sich bisher Gastgeber Australien. Nicht nur als Organisator, sondern auch als Team. Gegen Kanada, Deutschland und Griechenland resultierten jeweils 3:0-Siege. Angeführt von Nick Kyrgios und Alex de Minaur und getragen von den einheimischen Fans, scheinen die «Aussies» dem von verheerenden Bränden geplagten Land etwas Ablenkung schenken zu wollen – das ist bisher gelungen, wenngleich mit Sport und Spenden nicht die Ursache der Probleme, sondern deren Symptome bekämpft werden. 

Die Enttäuschungen: Zverev und Tsitsipas

Einmal mehr wird Alexander Zverev den Erwartungen zum Saisonauftakt nicht gerecht. Der Deutsche, der im Dezember mit Roger Federer durch Südamerika tourte und Kasse machte, präsentierte sich völlig ausser Form. Vor allem mental scheint er einmal mehr nicht bei der Sache zu sein. Team-Captain Boris Becker analysiert in der FAZ: «Sascha ist irgendwo in einem dunklen Zimmer gefangen und sucht den Lichtschalter. Er muss aber bereit sein, ihn suchen zu wollen.»


Auch Stefanos Tsitsipas, ein anderer Hoffnungsträger der jungen Generation, bleibt zunächst hinter den Erwartungen zurück. Zwar konnte er das «Krisenduell» mit Zverev für sich entscheiden, zog dann aber in den Spielen gegen Kyrgios und den Kanadier Denis Shapovalov den Kürzeren. Wenig souverän ging der 21-jährige Grieche mit den Rückschlägen auf dem Platz um: Im Spiel gegen Kyrgios zertrümmerte er sein Racket und verletzte dabei auch seinen Coach und Vater Apostolos. An der Pressekonferenz darauf angesprochen meinte der Grieche, dass die Aktion womöglich ein paar Tage Zimmerarrest nach sich ziehen werde. Immerhin hat er seinen Humor noch nicht verloren.

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