Von SRF bis «Weltwoche» – in der Schockstarre waren alle gleich

Gil Bieler

17.6.2020 - 10:41

Die «Club»-Sendung zum Nachschauen.

SRF

Die Frage, wie kritisch die Journalisten in der Corona-Krise berichtet haben, gab im SRF-«Medienclub» viel zu reden. Die Medienvertreter räumten offen Fehler ein – verteidigten aber gleichzeitig ihre Berufsehre. 

Es seien aussergewöhnliche Zeiten für alle – für die Bevölkerung genauso wie für die Journalistinnen und Journalisten, sagte Gastgeber Franz Fischlin am Dienstagabend zu Beginn der «Medienclub»-Sendung auf SRF. Gemeint ist nicht die Rassismusdebatte, sondern die Coronavirus-Krise.

Wie haben die Medien in dieser Ausnahmesituation berichtet? Was lief gut, was weniger? Wie genau haben Journalistinnen und Journalisten der Regierung auf die Finger geschaut, und wie sollte man mit Verschwörungstheorien umgehen? Diesen und weiteren Fragen ging der Moderator mit seinen Gästen nach. Eingeladen waren:

  • Nathalie Wappler, Direktorin SRF
  • Regula Stämpfli, Politikwissenschaftlerin und Autorin
  • Alex Baur, Journalist der «Weltwoche»
  • Mark Eisenegger, Medienwissenschaftler an der Universität Zürich
  • Patrik Müller, Chefredaktor der Zentralredaktion von CH Media

Am spannendsten war die Diskussion bei der Frage der Objektivität. Eisenegger, der die Berichterstattung mehrerer Medientitel untersucht hat, gab im Verlauf der Sendung immer wieder Erkenntnisse aus seiner Forschung preis.

So meinte er, dass die Medien gerade zu Beginn der Krise zu unkritisch berichtet hätten – es habe sich eine «extreme Abhängigkeit» zu Expertinnen und Experten gezeigt. Etwa bei der Dauerfrage, ob Schutzmasken nun vor einer Ansteckung schützen oder nicht. Dazu hätte er sich mehr eigenständige Rechercheleistung gewünscht.

Selbstkritische Töne – und Rechtfertigung

Die Behördennähe sei zu Beginn des Lockdowns tatsächlich zu ausgeprägt gewesen, räumte auch Patrik Müller ein. Das erkläre sich aber auch dadurch, dass auf Redaktionen kaum Fachwissen zu Viren und Epidemien zu finden sei. Auch für Forscher Eisenegger steht fest: «Da rächt es sich, dass der Wissenschaftsjournalismus in den letzten Jahren so stark heruntergefahren wurde.»

Doch Müller nahm seine Zunft in Schutz: Als im Verlauf der Krise die politischen und wirtschaftlichen Aspekte an Bedeutung gewonnen hätten, sei auch die Berichterstattung kritischer geworden.



Selbst Alex Baur von der «Weltwoche» – die gern gegen den angeblichen «Medien-Mainstream» anschreibt – ging es gleich: «Mein erster Reflex war, dass man zusammenstehen musste.» Nun, im Rückblick, glaube er, dass die Medien die Gefahr der Krankheit massiv überbewertet und daher auch überreagiert hätten.

Als öffentlich-rechtlicher Rundfunk steht SRF natürlich speziell im Verdacht der Staatshörigkeit. Aber: Der Bundesrat habe keineswegs das Programm bestimmt, stellte Wappler klar. In den Informationssendungen sei man genauso kritisch gewesen wie andere Medien. Doch habe man auch eine gesetzlich festgeschriebene Bekanntmachungspflicht. Deshalb wurden Entscheide der Regierung auch im Wortlaut ausgestrahlt. Vielleicht hätte man diese Trennung deutlicher machen können.

Immer wieder Berset und Koch – muss das sein?

Fischlin hakte nach: Musste SRF denn wirklich jede Pressekonferenz des Bundesrats übertragen, wollte der Moderator von seiner Chefin wissen. Und dann immer noch mit Gesundheitsminister Alain Berset und Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) reden?

Dass ausgerechnet «Weltwoche»-Autor den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Schutz nahm, kam überraschend: «Ich erwarte von der SRG nichts anderes», erklärte Baur ohne bösen Unterton.

Auch CH-Media-Chefredaktor Müller sah darin kein Problem: Private Medien hätten die Pressekonferenzen des Bundesrats ebenfalls live gestreamt. «Die Leute mussten erst einmal wissen, was der Bund sagt.» Das sei Faktenvermittlung – später jedoch müsse man diese Aussagen immer kritisch hinterfragen.

Gegen die Kritik von Forscher Eisenegger, die Medien seien anfangs zu expertenhörig gewesen, wehrte sich Stämpfli: «Punkto Virus hatten wir alle sehr wenig Ahnung, selbst die Experten – geben wir’s zu.» In solch einer Situation brauche es keine Kritik um der Kritik willen. Was aber zu lange gefehlt habe, seien die kritischen Fragen zu Homeoffice, Heimunterricht und der Zwangsschliessung zahlloser Betriebe.

Doch Eisenegger blieb dabei: Mitte März, als der Lockdown ausgerufen wurde, habe ein solcher in Italien schon längere Zeit gegolten. «Da hätte der Journalismus genauer hinschauen sollen.» Das gelte umso mehr, als das andere Kontrollorgan der Regierung – das Parlament – von sich aus ausser Kraft getreten war.

Aber das habe man doch gemacht, so Müller: Die Bilder der Leichentransporte in Bergamo hätten mehr aufgerüttelt als jedes Plakat des BAG. Und überhaupt hätten die Medien rascher aus der «Schockstarre» gefunden als die Politik. An den Medienkonferenzen seien rasch kritische Fragen aufgekommen: «Zu Masken, zu den Vorräten, zu den Grosseltern, zu den Widersprüchen, in die sich das BAG verstrickt hatte.»

Stämpfli fand die selbstauferlegte Pause des Parlaments schlicht unfassbar – die Medien hätten die Politiker überhaupt erst auf diesen Missstand hinweisen müssen.

Und was ist mit Fake News?

Ein weiterer Themenschwerpunkt war die oft gehörte Kritik, unbequeme Gegenmeinungen kämen in den traditionellen Medien nicht vor. Ist da etwas dran?

Eisenegger sagte, dass Desinformation und Verschwörungstheorien sich vor allem über Messanger-Diensten wie WhatsApp verbreiteten – und deren Bedeutung markant zunehme. Er sei selbst überrascht gewesen, was ihm da alles weitergeleitet worden sei. Und er sei froh, dass solche kruden Theorien in den klassischen Informationsmedien jeweils kritisch beleuchtet würden.



Stämpfli gab zu bedenken, dass diese Theorien oft einen wahren Kern hätten. Gerade bei Bill Gates werde viel Unsinn behauptet, doch dürfe das die Medien nicht daran hindern, den US-Milliardär und seine Verbindungen kritisch zu hinterfragen. Geschehe das nicht, sähen sich Verschwörungstheoretiker erst recht bestätigt.

Baur findet es verheerend, wenn jede kritische Stimme gleich mit dem Totschlägerargument «Covid-Leugner» oder «Aluhut» abgestraft würde. Vor allem, wenn sich die Gegenseite auf die Wissenschaft berufe, obschon auch dort noch so vieles unklar sei.

«Man muss unterscheiden zwischen kritischen Stimmen und Verschwörungstheorien», fand auch Wappler. So habe man bei der SRF-Berichterstattung genau darauf geachtet, wer wie benannt wurde. «Hardcore-Verschwörungstheoretiker wird man nicht mehr umstimmen können», so die SRF-Chefin – doch könne man vielleicht all jene, die durch Fake News verunsichert seien, aufklären. Erhielten krude Theorien von Anfang an keinen Raum, sei diese Möglichkeit vertan.

Alles in allem, fand Müller, habe man den Stimmen aus diesem Lager aber übermässig viel Raum gegeben.

Von Fake News zu Trump

Zu einigen dieser Punkte hätte man sich als Zuschauer eine vertiefte Diskussion gewünscht – zum Beispiel zum Spardruck auf den Redaktionen, der zu dem beklagten Abbau der Wissenschaftsressorts geführt habe. Oder dass der Umstand aufgegriffen worden wäre, weshalb die meisten Redaktionen zwar deutlich mehr Leser, Zuhörerinnen oder Zuschauer hatten, aber kaum Einnahmen aus Inseraten – und paradoxerweise Kurzarbeit anmelden mussten.

Stattdessen ging es im zweiten Teil der Sendung um die USA. Dort ist mit Donald Trump bekanntlich ein Präsident an der Macht, der kritische Medien als «Feinde des Volkes» verunglimpft und es mit der Wahrheit nachgewiesen nicht allzu genau nimmt. Das zeigte sich erst jüngst beim Entscheid des Nachrichtendienstes Twitter, erstmals einen Eintrag von Trump einem Faktencheck zu unterziehen. Das Resultat ist bekannt: Fake News.



Müller sah im Fall Trump ein gutes Beispiel dafür, dass man die Trennung von Meinung und Fakten hochgehalten müsse. Die Mediennutzer nerve es, wenn die Meinung des Journalisten auch in Nachrichtenartikeln durchdringe. Es wäre allzu oft zwar möglich, den US-Präsidenten auch in News-Artikeln als «Lügner» zu bezeichnen. Er stelle aber lieber Trumps Aussagen den Fakten gegenüber. Die Leserinnen und Leser könnten selber erkennen, was stimme.

Was Trump angehe, beklagte Baur von der «Weltwoche» eine Einseitigkeit der Berichterstattung. Wieso könne der USA-Korrespondent von SRF, Peter Düggeli, nicht «einmal, nur einmal» wohlwollend über Trump berichten? Der Mann in Washington antwortete prompt via Zuschaltung: Er habe schon zig Beiträge gemacht, in denen Pro-Trump-Stimmen vorgekommen seien. Leute, die sagten, der Präsident helfe ihnen massiv – zum Beispiel im Gespräch mit Arbeitern in Kohleminen. Er könne Baur eine Liste zuschicken.

Positive Schlussnote

Zum Schluss schlug Fischlin nochmals den Bogen zur Corona-Krise und wollte wissen: Gab es neben all der Kritik eigentlich auch positive Rückmeldungen des Publikums? Wappler sagte, dass sie eine überwältigende Zustimmung erlebt habe. «Das motiviert auch.»

Müller sprach von einer neuen Erfahrung, dass sich Leser bedanken würden: «Danke, dass ihr weiterhin eine Zeitung herausbringt, wo fast alles andere geschlossen ist.» Sonst sei man als Medienunternehmen immer der Prügelknabe. Und er sei zuversichtlich, dass diese positive Haltung auch weiterbestehen werde.

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