TabuthemaDie Perimenopause betrifft jede Frau – und doch weiss kaum jemand davon
Carlotta Henggeler
18.10.2025
Die hormonelle Veränderung führt bei vielen Frauen zu Müdigkeit (Symbolbild).
IMAGO/Zoonar
Jede Frau erlebt sie – doch kaum jemand spricht darüber: die Perimenopause. Autorin Jeanette Kuster hat ein Buch geschrieben, weil sie verzweifelt Antworten suchte. Im Interview erklärt sie, warum das Thema ein Tabu ist, wie sich das Gehirn in dieser Zeit umbaut – und gibt Tipps.
Ex-Mamablog-Autorin Jeanette Kuster hat den Ratgeber «Mittendrin – Die Perimenopause meistern. Gespräche und Erfahrungsberichte» geschrieben.
Mit ihrem Buch möchte sie das Tabuthema sichtbar machen und Betroffene unterstützen.
Eine neue Schweizer Studie zeigt, dass rund ein Drittel der Frauen wegen Wechseljahresbeschwerden ihre Arbeit reduziert oder unterbricht, während Politik und Medizin das Thema bisher stark vernachlässigen.
Eine abgründige, bisher nicht gekannte Müdigkeit und ein psychisches Tief konnte sich Journalistin Jeanette Kuster lange nicht erklären. Sogar ihre geliebten Yogastunden musste die ausgebildete Instruktorin sausen lassen – ihr Akku war leer.
Auch die aufgesuchten Ärzte fanden keine Antwort. Erst durch eigene Recherchen fand die Ex-Mamablog-Autorin Jeanette Kuster die Ursache für ihr Struggeln: die Perimenopause.
Perimenopause ist die Übergangsphase vor der Menopause, in der der Hormonhaushalt schwankt und erste Symptome wie unregelmässige Perioden oder Hitzewallungen auftreten. Menopause ist der Zeitpunkt, an dem eine Frau ein Jahr lang keine Periode mehr hatte – das natürliche Ende der fruchtbaren Jahre.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Ratgeber zu schreiben?
Jeanette Kuster: Ich war eine Zeit lang sehr verzweifelt und auch hässig. Erst wusste ich nicht, was mit mir los war, dann bekam ich lange keine Unterstützung von den Ärzten. Jede Freundin, der ich davon erzählt habe, hatte noch nie von der Perimenopause gehört. Irgendwann habe ich mir gesagt: ‹Ich schreibe jetzt ein Buch darüber.›
Wie sind Sie bei der Arbeit am Buch vorgegangen?
Am Anfang wollte ich mit einem perfekten Konzept im Kopf starten und machte mir gleichzeitig Sorgen, keine Frauen zu finden, die mit mir über die Perimenopause sprechen wollen – das blockierte mich. Dann riet mir eine Freundin: ‹Fang einfach mit einer Geschichte an›. Also fragte ich eine Frau, von der ich wusste, dass sie offen über die Wechseljahre redet – und sie fand die Idee sofort megacool. So entwickelte sich das Ganze.
33% der Frauen reduzieren, kündigen oder pausieren den Job – erste Studie der «MenoSupport Suisse»
Die erste schweizweite Studie zu den Wechseljahren in der Schweizer Arbeitswelt zeigt dramatischen Handlungsbedarf. Dies belegt die Befragung von mehr als 2‘259 berufstätigen Frauen in der Schweiz in der «MenoSupport Suisse» Studie.
5.7% sind früher in die Pension gegangen
13.3% haben eine Auszeit genommen.
16.4 % haben die Stelle gewechselt
20.5% haben ihre Arbeitszeit reduziert
Die erste schweizweite Studie «MenoSupport Suisse» der HWR Berlin, Inselspital Bern sowie The Women Circle AG zeigt auf, dass Unternehmen und Politik, Frauen in einer zentralen Phase im Erwerbsleben vernachlässigen.
Ihr Buch beginnt sehr persönlich, mit Ihrer eigenen Gesundheits-Qual. War das von Anfang an klar?
Ja. Allerdings habe ich mich mehrmals gefragt: ‹Will ich wirklich all diese Details publizieren?› Aber ich bin von meiner Erfahrung aus dem Mamablog abgehärtet, schwierige Themen öffentlich zu machen. Irgendwann habe ich mir gesagt: Irgendjemand muss es tun. Es ging mir eine Zeit lang sehr schlecht – ich möchte mit meinem Buch anderen Ähnliches ersparen.
Warum ist das Thema selbst in der Frauenmedizin noch immer so wenig präsent?
Die meisten praktizierenden Ärztinnen und Ärzte haben in ihrer Ausbildung kaum etwas über die Perimenopause gelernt. Eine Gynäkologin erzählte mir: ‹Im Studium wurde es höchstens am Rand erwähnt›.
Erstaunlich.
Genau. Dabei betrifft es früher oder später jede Frau. Oft heisst es einfach: ‹Da musst du halt durch, früher haben die Frauen das auch geschafft.› Aber wie haben sie es geschafft, wie sehr haben sie gelitten? Früher waren viele Frauen nicht oder weniger im Arbeitsleben integriert und konnten ihre Beschwerden womöglich besser verstecken.
Gibt es in der Schweiz keine Anlaufstellen?
Am Unispital Zürich wird das Thema zwar behandelt, ein eigentliches Kompetenzzentrum gibt es meines Wissens aber nur am Inselspital. Und dort werden sie überrannt mit Anfragen. Auch bei spezialisierten Ärztinnen wie Dr. Regine Laser wartet man lange auf einen Termin.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich das Gehirn während der Perimenopause «umbaut». Was heisst das?
Die Neurowissenschaftlerin Lisa Mosconi konnte vor Kurzem mit Hirnscans zeigen, dass die hormonellen Umstellungen in dieser Zeit das Gehirn verändern. Allein das zu wissen, ist eine Erleichterung. Denn noch immer heisst es oft, wir Frauen in der Perimenopause würden uns das alles nur einbilden. Viele Symptome werden übrigens auch vom Gehirn aus gesteuert – Hitzewallungen etwa.
Ein schwieriges Thema. Gibt es einen Lichtblick?
Ja, viele Frauen haben mir erzählt, dass sie nach dieser Achterbahn mehr zu sich selbst finden – herausfinden, was sie wollen und was nicht. Manche haben dann den Mut, Neues auszuprobieren.
Sie haben vor Kurzem eine Ausbildung zum Menopause-Coach in England absolviert. Warum dort – und gibt es in der Schweiz kein entsprechendes Angebot?
In Grossbritannien wird schon seit Längerem über das Thema gesprochen, auch in den Medien. Expertinnen wie Dr. Louise Newson haben dabei unglaublich viel bewegt. Auch im nationalen Fernsehen ist die Menopause präsent und sogar in der Politik wird darüber diskutiert. Viele Unternehmen haben inzwischen Menopause-Policies. Insgesamt ist man dort einfach weiter als hier.
Die Tipps der Autorin
Protokolliere deine Beschwerden. So erkennst du Muster und kannst dem Arzt genau sagen, wann was auftritt.
Informiere dich frühzeitig über seriöse Quellen. Manche Frauen sind schon mit Mitte 30 betroffen.
Bleibe dran, lass dich nicht entmutigen. Sprich mit anderen Frauen über das Thema Perimenopause/Menopause.
Transparenz-Hinweis: Der 18. Oktober 2025 ist Welt-Menopause-Tag – aus diesem Anlass veröffentlichen wir dieses Interview erneut. Ursprünglich erschien der Artikel anlässlich der Buchveröffentlichung am 7. September 2025.
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