Winterschwimmen – ein Badespass für Hartgesottene?

Sulamith Ehrensperger

25.11.2019 - 17:22

Ab ins kalte Nass: In nördlichen Ländern ist Winterschwimmen als Volkssport schon länger beliebt. Auch in der Schweiz soll es immer mehr Anhänger finden. 
Bild: Getty Images 

Ein bisschen beneiden wir sie schon: die Unerschrockenen, die in eiskaltes Wasser steigen. Wie schaffen Winterschwimmer das? Tun sie sich damit wirklich einen Gefallen?

Noch immer gelten sie als Freaks, doch sollen dem Kaltwasserschwimmen immer mehr frönen. Weltweit organisieren Vereine Winterschwimmen und sogar Wettbewerbe auf verschiedenen Niveaus.

In der Schweiz gibt es Clubs für Winterschwimmer – Leute, die jahraus, jahrein im Freien schwimmen wollen. Fragt man die Winterschwimmenden am Zürichsee, so sprechen diese gar von einem «Trend».

Eine Newcomerin ist Sabine Biedermann. Die PR-Beraterin im Tourismus entdeckte im Sommer die Freude am Seeschwimmen. Sie begeisterte ihre Nachbarinnen – und die fünf Frauen nahmen schliesslich an mehreren Seeüberquerungen teil.



Nächstes Ziel: das Samichlaus-Schwimmen

«Als die Badesaison vorbei war, fragten wir uns: Was kommt jetzt? Wir sind einfach weitergeschwommen». Noch immer sind sie zweimal die Woche im Zürichsee anzutreffen: «Im Moment bereiten wir uns fürs Zürcher Samichlaus-Schwimmen vor».

Die Kaltwasserschwimmerinnen sagen, dass sie sich dank ihrem Hobby lebendiger fühlen. «Ich fühle mich fit und frisch, auch dank regelmässiger Atemübungen», sagt Biedermann. Freunde des Kaltwasserschwimmens sprechen von vielen weiteren gesundheitlichen Vorteilen, etwa einem stärkeren Immunsystem, obwohl die meisten nicht umfassend erforscht sind.

Achtung, fertig, kalt: Sabine Biedermann (zweite von links) und ihre Schwimmpartnerinnen. 
Bild: zvg

So richtig kalt wird's danach 

Überwindung koste es nach wie vor, in den See zu steigen, so Biedermann. Nach der ersten Runde beginne der ganze Körper zu kribbeln: «Wenn das abgeklungen ist, kann ich es auch geniessen. Dann macht mir die Kälte auch nichts mehr aus». So richtig kalt ist ihr erst, wenn sie aus dem Wasser steigt und auf dem Velo nach Hause fährt.



Für Schwimmer, die nicht akklimatisiert sind, ist Kaltwasserschwimmen laut Experten nicht zu empfehlen. Beim Sprung ins kalte Wasser kann man einen Kälteschock erleiden. Auf die Eiseskälte kann der Körper reflexartig mit Schnappatmung, zuweilen Hyperventilation reagieren.

Mit den Jahreszeiten trainieren 

«Wenn man nur für wenige Sekunden bis wenige Minuten im Wasser ist, sollte nichts passieren», sagt Beat Knechtle, Professor für Hausarzt-Medizin und Ultra-Triathlet. «Wobei Menschen mit wenig Subkutanfett viel stärker gefährdet sind für eine Hypothermie, eine Unterkühlung, als Menschen mit mehr Fett.»

Wer sich unterkühlt habe, merke dies nicht während des Schwimmens, sondern erst danach: «Die Hypothermie prägt sich erst nach Verlassen des kalten Wassers aus. Wer ins zu kalte Wasser steigt, wird sofort anfangen zu hyperventilieren und Atemprobleme bekommen.»




Tatsächlich kann sich der Körper mit ein wenig Training an die Kälte gewöhnen. Knechtle rät unbedingt mit den Jahreszeiten mitzugehen, also im Sommer anfangen und in das immer kühler werdende Wasser steigen: «Jetzt ist es viel zu kalt, um mit dem Winterschwimmen zu beginnen. Erfahrene Kaltwasserschwimmer bereiten sich schrittweise mit zunehmender Kälte des Wassers auf ihre Wettkämpfe vor.»

Kalt ist es, das Winterschwimmen, und bleibt es auch – trotz zweimal die Woche trainieren. 
Bild: zvg

«Einfach weiteratmen, es kommt gut»

Sabine Biedermann und die Neueinsteigerinnen haben sich vorgenommen, die ganze kalte Jahreszeit hindurch zu schwimmen. Regelmässiges Training und gezielte Atemübungen haben ihr geholfen, die Angst vor dem kalten Wasser zu überwinden: «Als ich mich zum ersten Mal in den kalten See traute, verschlug es mir den Atem. Heute weiss ich, dass ich einfach weiteratmen kann – und es kommt gut.»

Ein Erfolgserlebnis, das sich vielleicht auch auf weitere Lebenssituationen übertragen lasse – solche, die sich fast wie ein Sprung ins kalte Wasser anfühlen.

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