Beat Schlatter: «Hin und wieder schäme ich mich fremd für andere Zürcher*innen»

Von Bruno Bötschi

8.12.2021

«Als Künstler kannst du kaum mehr ausführlich mit den Medien über deine Arbeit reden»: Beat Schlatter.
Bild: zVg

Beat Schlatter steht aktuell in der Komödie «Ab die Post» auf der Bühne. Der Schauspieler spricht über das gelbe Schweizer Nationalheiligtum, sein Faible für Pudel und seine Lieblingsfrau.

Von Bruno Bötschi

8.12.2021

45 Minuten im Restaurant Henrici im Zürcher Niederdorf. Vielleicht werden es auch anderthalb Stunden, was ganz davon abhängt, ob Beat Schlatter die Fragen lustig findet – oder noch besser: spannend. 

Und dann sitzt der Schauspieler da. Er trägt ein buntes Hemd. Das Haar leicht vertschudelt. Schlatter, wie er leibt und lebt.

Also was warten wir noch lange: Ab die Post! Schliesslich wollen wir viel wissen. Aber zuerst fangen wir mit einigen netten Fragen an, zumindest ist das der Plan des Schreibenden ...

Beat Schlatter, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle dir in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen – und du antwortest möglichst schnell und spontan. Passt dir eine Frage nicht, sagst du einfach «weiter».

Ach, Interviews enden heute leider oft unbefriedigend.

Wie meinst du das?

Als Künstler kannst du kaum mehr ausführlich mit den Medien über deine Arbeit reden. Als ich 2017 mit Peter Luisi zusammen den Film «Flitzer» in die Kinos brachte, fragte mich ein Journalist allen Ernstes nach meinem Lieblingsrezept. Über den jahrelangen kreativen Prozess, der in einer Komödie drinsteckt, wollte er hingegen nichts wissen.

Dann weiss ich jetzt, was heute Nachmittag meine Aufgabe ist – gute Fragen stellen, damit Beat Schlatter befriedigt nach Hause gehen kann.

Eine sehr gute Idee.

Typische Beat-Schlatter-Worte gleich nach dem Aufstehen am Morgen?

Ich bin ein Frühaufsteher. Das heisst, ich stehe mindestens zwei Stunden, bevor ich aus dem Haus gehe, auf. Als Erstes trinke ich in Ruhe einen Kaffee und lese die Zeitung. Morgens bin ich meistens gut gelaunt. Reden tue ich kaum, denn ich wohne allein.

Zum Autor: Bruno Bötschi
Bild: zVg

blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.

Bist du nach dem Zeitungslesen auch noch gut gelaunt?

Meistens, obwohl ich in den letzten Tagen vor allem schlechte Nachrichten gelesen habe. Das Coronavirus breitet sich wieder mit viel Tempo aus.

Droht uns ein weiterer Lockdown?

Das weiss ich nicht. Was ich jedoch weiss: Für uns Kulturschaffende wird die Luft wieder dünner, denn die Regeln für Theaterbesuche werden bald wieder komplizierter. Davor habe ich Angst. Und weisst du, warum?

Ich denke, weil du dann zu wenig Einnahmen mit deiner aktuellen Theaterkomödie «Ab die Post» generieren würdest.

Eine Komödie funktioniert nur mit Publikum. Für uns Bühnenkünstler*innen sind 200, 300 glückliche Menschen, die nach einer Vorstellung ihren Freund*innen erzählen, sie müssten das Stück unbedingt anschauen gehen, das grösste Kapital. Findet das nicht statt, bekommen wir früher oder später ein Problem, weil wir eine Komödie nicht zum Fliegen bringen.

Im November habt ihr mit «Ab die Post» Premiere im Theater Altes Kino in Mels SG feiern können. Liefen damals 200 glückliche Menschen aus dem Saal nach der Vorstellung?

Die Premiere war phänomenal. Als Schauspieler spürst du meistens schon während der Vorstellung, ob ein Stück ankommt. Was noch lange nicht heisst, dass es danach auch ein Publikums-Hit wird. Das können wir Künstler*innen jeweils nur bedingt beeinflussen. Ich kann nur sagen, ich finde «Ab die Post» eines unserer besten Theaterstücke. Was auch damit zu tun hat, dass Regisseur Pascal Ulli, Drehbuchautor Christoph Fellmann und ich ein eingespieltes Team sind.

Das Schweizer Nationalheiligtum Post ist in den letzten Jahren stark unter Druck gekommen.

So ist es. In den letzten Jahren wurden viele Postfilialen geschlossen. Unter dem Eindruck dieser Schliessungen überlegten wir für unsere Komödie, was man tun könnte, um den Job des Pöstlers wieder attraktiver zu machen. So sind wir auf die Idee mit der Aktion «Post bei den Leuten» gekommen. Schliesslich gab es einmal eine Zeit, als der Briefträger ein Freund und Helfer war. Man kannte ihn persönlich, manche sahen ihn schon fast als Familienmitglied an.

Früher hatte der Pöstler auch noch Zeit, um mit einer alleinstehenden älteren Dame einen Kaffee zu trinken.

Oder er half der Frau einen schweren Blumentopf herumzutragen. Wir finden, das sollte wieder einführt werden, der Pöstler sollte wieder mehr zu den Leuten nach Hause kommen. Dort könnte er dann auch noch zusätzliche Aufgaben übernehmen.

Welche?

Er könnte zum Beispiel kontrollieren, ob Sozialhilfebezüger den Staat bescheissen. So würden die Post und der Staat die berühmten zwei Fliegen auf einen Schlag treffen: Die Menschen wären besser gelaunt, weil ihnen geholfen wird, und man hätte sie gleichzeitig unter Kontrolle (lacht).

«Ich kann nur sagen, ich finde es eines unserer besten Theaterstücke»: Beat Schlatter zusammen mit Regisseur Pascal Ulli und Drehbuchautor Christoph Fellmann während den Proben für die Komödie «Ab die Post».
Bild: René Tanner/festhalter.ch

Kennst du den Namen deines Pöstlers?

Er heisst Florian Hänni.

Schreibst du noch Briefe von Hand?

Den letzten handgeschriebenen Brief schickte ich vor wenigen Wochen an Vreni Speck, die Witwe des im August verstorbenen Radiomannes Heinrich von Grünigen.

Hast du eine schöne Handschrift?

Ja – und ich schreibe mit Tinte und bin dafür besorgt, dass ich schönes Papier, ein besonderes Couvert und spezielle Briefmarken verwende.

Wann hast du deinen letzten Liebesbrief geschrieben?

Du weisst doch, ich bin verheiratet. Es würde sich ziemlich schlecht machen, wenn ich irgendwelchen Frauen Liebesbriefe schreiben täte.

Du könntest deiner Frau einen Liebesbrief schreiben.

Wir haben andere Traditionen. Wir telefonieren zum Beispiel zweimal täglich. Die gesprochene Sprache liegt mir, ehrlich gesagt, näher als die geschriebene.

Wann lag der letzte böse Brief in deinem Briefkasten?

(Überlegt lange) Das ist zum Glück schon ewig her. Böse Korrespondenz wird heute sowieso eher per E-Mail verschickt. Seit ich mich jedoch in der Öffentlichkeit nicht mehr politisch äussere, bin ich davon grösstenteils verschont.

Wieso äusserst du dich öffentlich nicht mehr politisch?

Immer am letzten Sonntag im Monat spiele ich bei Radio SRF1 zusammen mit Moderator Christian Zeugin die Bingo-Show. Seit ich das mache, ist mir per Vertrag verboten, mich in der Öffentlichkeit politisch zu äussern.

Wie oft wurdest du in den letzten Jahren von Parteien angefragt, ob du für sie kandidieren möchtest?

Mehrfach – aber ich würde das niemals tun.

Warum nicht?

Weil ich hinter keinem Parteiprogramm, egal ob links oder rechts, voll und ganz stehen kann.



Wann hat der letzte Pöstler bei dir Kaffee getrunken?

Oh, dazu kann ich dir eine lustige Story erzählen: Radio Energy hat vor einigen Jahren einen virtuellen Adventskranz lanciert – unter anderem konnte man einen Kaffee mit Beat Schlatter gewinnen. Gewonnen hat ein Pöstler aus Dübendorf. Wir trafen uns in der Bodega im Zürcher Niederdorf. Als ich nach einer halben Stunde wieder gehen wollte, merkte ich, dass der Mann enttäuscht war. Ich bin also noch etwas gelieben – bis irgendwann zwölf Leute am Tisch sassen und wir bis um 23 Uhr auf Kosten von Radio Energy weitergetrunken haben. Danach sind wir noch zu mir nach Hause gezogen und haben noch etwas weitergefeiert – und das alles an einem hundskommunen Dienstag.

War der Pöstler bei dir daheim auch noch dabei?

Ich glaube, der ist damals direkt nach der Party zur Arbeit gefahren. Wahrscheinlich meint er bis heute, dass der Beat Schlatter jeden Tag so ein Remmidemmi hat (lacht). Aber die Geschichte geht noch weiter: Als ich Wochen später einmal für ein Interview mit Roman Kilchsperger in der Energy-Redaktion vorbeiging, wurde ich danach noch zum Chef zitiert.

Hat er dir die Leviten gelesen wegen der hohen Restaurantrechnung?

Nicht wirklich. Aber er hat gemeint: «Weisst du Beat, Rechnungen unter 500 Franken muss ich jeweils nicht der Chefetage melden. Aber ihr habt für sage und schreibe 870 Franken Kaffee und Wein getrunken.»

Musstest du die Rechnung bezahlen?

Nein, der Energy-Chef war kulant, wohl auch deshalb, weil ich schon öfter mit seiner Radiostation zusammengearbeitet habe.

«Ich bin verheiratet. Es würde sich ziemlich schlecht machen, wenn ich irgendwelchen Frauen Liebesbriefe schreiben täte»: Beat Schlatter.
Bild: zVg

Postbeamter ist kein ungefährlicher Beruf: 2018 wurden in der Schweiz 170 Pöstler*innen von einem Hund gebissen.

Ich dachte, das mit den Hunden sei heute bei den Pöstler*innen nicht mehr ein derart grosses Problem. Ich selber habe allerdings auch viel Respekt vor den Vierbeinern. Vor einigen Jahren kaufte ich mir deshalb eine Dazzer.

Was ist das?

Dieses Gerät stösst einen für uns Menschen unhörbaren Ultraschallton aus, welcher einen Hund davon abhalten soll, in die Nähe zu kommen.

Du wurdest 1998 von einem Schäferhund angefallen.

Ich hatte danach ziemlich Lämpen mit der Hundebesitzerin. Hunde waren mir jedoch schon von klein auf nie geheuer.

Vor Jahren hast du einmal in einem Interview gesagt, du seist ein grosser Pudelfan.

Eine Zeit lang besuchte ich sogar Pudelrennen und überlegte mir ernsthaft, ob ich einen Apricotpudel zulegen soll. Ich habe es nicht getan, dafür hat jetzt meine Frau einen kleinen Hund.

Welche Rasse hat der Hund deiner Frau?

Die gleiche Rasse wie der Hund aus dem Comicstrip «Tim und Struppi».

Eine Strassenmischung also.

Das hast jetzt du gesagt. Wenn ich so etwas sagen würde, hätte meine Frau keine Freude an mir. Ihr Hund ist ein weisser Drahthaar-Foxterrier.

Wirklich wahr, dass in deinem Umfeld Pudel diskriminiert werden?

Ist dir das noch nie aufgefallen? Menschen, die einen Pudel an der Leine haben, werden sehr oft belächelt, vor allem wenn das Tier ganz akkurat geschoren ist oder ein Mäntelchen trägt. Mich hingegen rührt das. Zudem sind Pudel unheimlich intelligent.

Pudel haben noch andere Vorteile: Sie stinken nicht, verlieren keine Haare und sind deshalb auch für Allergiker geeignet. Mein Vorschlag: Dein nächster Film könnte von einem superintelligenten Pudel handeln.

Keine schlechte Idee. In der Schweiz werden Tierfilme bisher arg vernachlässigt. Dabei ist doch der Bernhardiner neben dem Käse und der Schokolade eines der grossen Aushängeschilder unseres Landes. Dass die Geschichte des Rettungshundes Barry bisher nicht verfilmt wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Schweizer*innen zu ihren Held*innen stehen. Sogar wenn es Hunde sind, schaffen wir es nicht, sie richtig zu verehren.

Du hast Erfahrung mit Tierfilmen: Vor 25 Jahren spieltest du zusammen mit Patrick Frey in der Kinokomödie «Katzendiebe» von Regisseur Markus Imboden mit.

Die Rolle des Katzendiebes war mir sozusagen auf den Leib geschrieben. Als Punk-Musiker bei den Bands «Sperma» und «Liliput» schlug ich mich am Anfang meiner Künstlerkarriere oft mehr schlecht als recht durchs Leben. Und dann mussten wir auch noch jeden Monat 150 Franken fürs Probelokal berappen. Irgendwann kamen wir auf die Idee, wir könnten Katzen entführen, danach warten bis sie mit einem Zettel an den Bäumen ausgeschrieben sind und später beim Zurückbringen der vermeintlich zugelaufenen Tierchen den Finderlohn entgegenzunehmen.

Ist das wirklich wahr?

Ich weiss, das tönt nach einer Schnapsidee. Wir haben das aber mehrmals durchgezogen – auch weil wir irgendwann merkten, dass wir mit den Katzen-Entführungen mehr Geld verdienen als mit unserer Musik (lacht).



Ich nenne dir fünf Beat-Schlatter-Sätze und du sagst mir, was sie bedeuten: «Wenn die Kinderfrage abgeschlossen ist, denkt man irgendwann über einen Hund nach. Er hilft einem, auf dem Boden zu bleiben.»

Diesen Satz habe ich wahrscheinlich auf dem Höhepunkt meiner Pudel-Zeit rausgelassen. Aber wie du am Beispiel meiner Frau siehst, hat er etwas Wahres.

«Menschen, die kein Geheimnis haben, sind langweilig.»

Dieser Meinung bin ich nach wie vor.

«Ich bin Schauspieler, da spielt man halt am liebsten die Hauptrolle.»

Ich denke, jede Schauspielerin, jeder Schauspieler spielt am liebsten eine tragende Rolle. Eine Rolle also, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt. Das heisst aber nicht, dass ich nicht auch gerne kleine Rolle übernehme. Ich schätze es gar nicht, wenn Schauspieler*innen eine Rolle absagen mit der Begründung, sie sei zu klein oder zu wenig wichtig.

«Die Bibel ist eine Gebrauchsanweisung für das Menschsein. Nächstenliebe, Vergebung, nicht über andere urteilen: So funktioniert das Zusammenleben besser.»

Davon bin ich nach wie vor überzeugt – wohl auch deshalb, weil ich mehrere Pfarrer*innen zu meinem engsten Freundeskreis zählen darf.

Wie kam das?

Die Zeitschrift «Reformiert» fragte mich vor Jahren einmal an, ob ich Lust hätte eine regelmässige Kolumne für sie zu schreiben. Ich habe sofort abgewunken.

Wieso?

Meines Erachtens ist die Kombination Religion und Humor nur schwierig zusammenzubringen. Es ist ähnlich wie mit dem Sex und dem Humor. Das geht auch nur schlecht zusammen, entweder ist man geil oder man muss lachen. Der «Reformiert»-Chefredaktor liess aber nicht locker. In der Folge starteten wir eine Interview-Serie, während dieser ich mich mit Pfarrer*innen unterhielt und sie über Wunder, Wein, Kirche und Politik befragte. Ich wollte während den Gesprächen spüren, dass sie an das Wunder glauben und wie Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. Durch diese Interviews sind wunderbare Freundschaften entstanden, die bis heute halten.

«In der Schweiz werden Tierfilme bisher arg vernachlässigt. Dabei ist doch der Bernhardiner neben dem Käse und der Schokolade eines der grossen Aushängeschilder unseres Landes»: Beat Schlatter.
Bild: zVg

Glaubst du an Wunder?

Natürlich gibt es Wunder. Das ist das grosse Geheimnis des Glaubens, das Leute wie mich in der Kirche hält. Im Zusammenhang mit den Gesprächen mit den Pfarrer*innen ist auch mein Wunsch entstanden, einmal selber eine Predigt zu halten.

Hast du es auf die Kanzel geschafft?

Am 17. September 2017, dem Eidgenössischen Bettag, hielt ich meine erste Predigt in der reformierten Kirche von Küsnacht ZH – auf Einladung von Pfarrer Andrea Marco Bianca. Ich wollte dann auch noch ein Kind taufen. Als ich Bianca wenige Tage vor dem Gottesdienst in einem Nebensatz darüber informierte, stockte ihm der Atem und er sagte: «Bist du wahnsinnig? Das kannst du nicht machen.» Er hat das Kind dann selbst getauft.

Es tönt irgendwie so, als gäbe es zu dieser Geschichte noch eine Fortsetzung.

Du hast recht. Vor ein paar Wochen hat mir Pfarrer Bianca eine SMS geschickt und mitgeteilt, dass er heiraten werde. Ich solle mir bitte den Termin in der Agenda freihalten. Ich schrieb ihm dann zurück, ich sei gern an der Hochzeit dabei und würde, falls gewünscht, auch die Trauung durchführen. Letzteres meinte ich als Witz. Bianca hat das aber scheinbar nicht so verstanden und nun sieht es ganz so aus, als würde ich ihn und seine zukünftige Frau trauen.

Glaubst du an Gott?

Ich möchte gern daran glauben und versuche es immer wieder.

Betest du regelmässig?

Ja. Gebete helfen mir, Krisen besser auszuhalten.

Welches Gesicht hat das Böse?

Das Böse sind die Dämonen, die jeder Mensch in sich hat und die mir ganz persönlich am meisten zu schaffen machen.



Ist dir manchmal peinlich, dass du Zürcher bist?

Nein, aber hin und wieder schäme ich mich fremd für andere Zürcher*innen. Mir ist absolut bewusst, dass wir nicht der Lieblingskanton sind und ich verstehe auch, warum das so ist.

Wieso ist das so?

In der Stadt Zürich kostet ein Schinken-Sandwich bald so viel wie eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Entlebuch. Mir kommt es manchmal so vor, als wollen die die Limmatstadt vergolden. Und jetzt haben auch noch die Chinesen das Hotel Savoy Baur en Ville am Paradeplatz gekauft. Ich finde, da hätte man etwas dagegen unternehmen müssen.

Wurde damit die Seele der Stadt verkauft oder was ist dein Problem?

Den Paradeplatz würde ich jetzt nicht als Seele von Zürich bezeichnen (lacht). Ich finde es einfach keine gute Entwicklung, genauso wie ich es nicht gut fand, als die Chinesen beim Stadtzürcher Fussballclub Grasshoppers eingestiegen sind.

Muss man heute eigentlich bei jedem Bühnensketch prüfen, ob sich jemand dadurch diskriminiert fühlen könnte?

Ich will mit meinen Witzen niemanden provozieren. Das hat mich noch nie interessiert. Ich verstehe meinen Auftrag vielmehr darin, den Blick auf das Alltägliche zu schärfen. Trotzdem bin auch ich nicht vor Kritik gefeit.

Sprichst du von einem konkreten Fall?

Ja. Es geht um eine Szene aus dem Trailer unserer Komödie «Flitzer» aus dem Jahr 2017. Ich sitze darin beim Coiffeur, während ich von Bendrit Bajra eine Rasur verpasst bekomme. Dabei erzähle ich von meiner Idee, Sportwetten auf Flitzer zu platzieren, also jene Nackedeis, die bei Sportveranstaltungen übers Feld rennen. Bendrits Reaktion darauf: «Die Idee ist geistig behindert.» Die Secondos redeten damals genau so. Pro Infirmis fand jedoch stattdessen, die Szene diskriminiere Menschen mit Behinderungen. Und das noch bevor überhaupt irgendjemand den ganzen Film gesehen hatte.

Du hast die Kritik der Behindertenorganisation nicht verstanden.

Nicht wirklich. Und ich weiss sehr genau, wovon ich rede. Meine Mutter war während den letzten drei Jahren ihres Lebens schwerstbehindert. Für mich ist die grösste Diskriminierung, wenn man Behinderte ausgrenzt. Auch beim Humor finde ich deshalb, sollte man Menschen mit Behinderung nicht ausgrenzen.

«Für mich ist die grösste Diskriminierung, wenn man Behinderte ausgrenzt»: Beat Schlatter.
Bild: zVg

Welche Beleidigung hast du nie verdaut?

Wer in der Öffentlichkeit tätig ist, muss mit Verletzungen rechnen. Wir Komödianten haben zudem das Problem, dass wir oft nicht richtig ernst genommen werden, weil beim Humor alle mitreden können. Comedians stehen nicht selten unter Banalitätsverdacht. Dabei können auch Worte Kunst sein. Gutes Timing kann Kunst sein. Aber die grösste Kunst eines Komikers ist, auf der Bühne alles so aussehen zu lassen, als wäre es gar keine Kunst.

Wie strafst du deine Feinde?

Ich habe in den letzten Jahren gelernt zu verzeihen.

Von den Pfarrer*innen?

Auch.

Hast du auch deinem ehemaligen Bühnenpartner Patrick Frey verziehen, mit dem du dich vor zehn Jahren heftig verkracht hast?

Auch in einschneidenden Verletzungen versuche ich heute das Gute zu sehen.

Heisst das, es könnte ein Comeback von Schlatter/Frey geben?

Das wird es nicht geben.



Warum machst du, was du machst?

Ähmm … Gegenfrage: Könntest du dir vorstellen, dass ich dir eine Versicherung verkaufen würde?

Was wäre passiert, hätte es mit der Karriere als Schauspieler nicht geklappt?

Ich dachte als Kind immer, ich lerne einmal eine reiche Frau kennen und dann sind alle meine Probleme gelöst. In Wirklichkeit hatte ich dann zweimal zwei stinkreiche Freundinnen. In beiden Fällen musste ich merken: Das ist nicht mein Leben. Heute bin ich davon überzeugt, dass das Gefälle zwischen Arm und Reich viel, viel grösser ist als der oft beschriebene Röstigraben.

Wirklich wahr, dass getrennte Wohnungen das perfekte Rezept für eine lange Liebesbeziehung ist?

Das ist eine individuelle Geschichte, die jedes Paar selber lösen muss. Für meine Frau und mich ist es auf alle Fälle die ideale Lösung.

Seid ihr eigentlich immer noch per Sie miteinander?

Ja, ich sieze meine Frau, nenne sie Frau Fischer. Das gefällt mir, aber ich weiss, manche Menschen finden das komisch. Für mich wird es aber erst dann komisch, wenn ich wieder einmal den Vornamen von Mirjam schreibe und ich nicht mehr weiss, an welcher Stelle das Jäger-J kommt.

Bist du zufrieden mit dem Interview?

Ja.


Tournee: Die Komödie «Ab die Post» wird am 11. Dezember am Humorfestival Arosa gespielt, danach folgen weitere Aufführungen in Bern und Zürich.

Noch mehr «Bötschi fragt»-Gespräche findest du unter diesem Link.