Frauenfreundliche App

Beim Online-Dating ist jetzt Damenwahl

Runa Reinecke

27.3.2019

Pickable funktioniert nach dem Prinzip «Ladies first».
Pickable funktioniert nach dem Prinzip «Ladies first».
Bild: David Arous/Pickable

Von zotigen Sprüchen über viel zu intime Fotos bis hin zu Beleidigungen: Online-Dating ist für Frauen manchmal mehr Qual als Vergnügen. Eine Dating-App, auf der sie anonym unterwegs sind, soll das ändern. 

Es ist dieses mulmige Gefühl, das einen beschleicht, wenn man sich im Netz auf die Suche nach einem Partner und dadurch in einen Zustand der Ungewissheit begibt: Wer sieht sich mein Profil an? Wer aus meinem privaten oder beruflichen Umfeld findet mein Foto und weiss, dass ich online nach dem Glück suche?

Das wollte Clémentine Lalande, CEO von Pickable, ändern –­ zumindest für Frauen. Das Konzept der Dating-App, die in Frankreich, Grossbritannien, Österreich, Deutschland und jetzt auch hierzulande insgesamt 500’000 User zählt: Männer registrieren sich, laden ein Foto hoch und fügen – wenn ihnen der Sinn danach steht – eine kurze Selbstbeschreibung hinzu. Frauen registrieren sich lediglich mit ihrer Mobiltelefonnummer. Für sie ist die App komplett kostenfrei. Männer können einen Chat pro Tag gratis annehmen, will der Mann mehr, wird er zur Kasse gebeten.

Offenbarung beim Chatten

Ganz neu ist die Idee einer «frauenfreundlicheren» Dating-Plattform nicht. Auch bei Bumble läuft nichts, wenn sie nicht den ersten Schritt macht. Anders als bei Bumble surfen Frauen auf Pickable vollkommen anonym, sie müssen weder ihren Namen verraten noch Angaben zu ihrem Alter, Beruf, Wohnort machen – und Links zu Social-Media-Profilen preisgeben, das müssen sie auch nicht.

Eine Maxime, an der zumindest so lange festgehalten wird, bis sie ihm eine Chat-Nachricht schickt oder sein Foto mit einem Herzchen bedenkt. Dann wird sie im Gegenzug aufgefordert, dem Auserwählten ein Foto zu schicken.

So sehen die Userinnen potentielle Kandidaten auf Pickable. 
So sehen die Userinnen potentielle Kandidaten auf Pickable. 
Bild  Pickable

Sie jagt, er sammelt

Eine App nach dem Prinzip der «Damenwahl» zu erschaffen, darauf kam die Gründerin, als sie noch als Co-CEO bei der Dating-App Once amtete. «Damals wurde mir bewusst, wie stark solche Apps auf männliche Bedürfnisse abzielen», erzählt die 36-Jährige. «Rund 80 Prozent der User von Dating-Apps sind Männer. Sie verweilen dort länger, sind aktiver, schicken durchschnittlich acht Mal so viele Nachrichten wie Frauen», sagt Lalande und betont, dass dazu auch belästigende Botschaften, zotige Kommentare und von weiblicher Seite keinesfalls erwünschte Fotos zählten, die den Bereich unterhalb seiner entblössten Gürtellinie abbildeten. Die unschöne, überbordende Seite männlichen Eroberungsgebarens.

Anders bei Pickable. Hier geht die Frau auf Online-Pirsch, und so funktioniert die App quasi gegensätzlich zum Steinzeitprinzip: Sie wird zur Jägerin, während er sammelt, und zwar virtuelle Herzchen von Userinnen. Je mehr er davon im Rating vorzuweisen hat, desto besser steht er in der Gunst potenzieller Verehrerinnen.

Clémentine Lalande macht mit ihrer App Pickable das Swipen überflüssig. 
Clémentine Lalande macht mit ihrer App Pickable das Swipen überflüssig. 
Bild: David Arous/Pickable

Toll für Frauen – und für Männer?

«Dass eine Frau nicht darauf wartet, von einem Mann gefunden zu werden, passt ganz gut in unsere Zeit», bemerkt die Fachpsychologin für Paartherapie Joëlle Gut-Lützelschwab. Sehr schön, für die Frau – doch ist das Pickable-Prinzip auch für ihn sexy? «Das ist super sexy», findet Clémentine Lalande. Das sorge für Wettbewerb, und die Männer könnten jederzeit entscheiden, ob sie mit der Frau chatten möchten oder nicht. Zudem verlieren sie keine Zeit mehr durch endloses Swipen.

«Auch Männer werden gerne umworben», glaubt Joëlle Gut-Lützelschwab. Sie denkt, dass «eher schüchterne, an einer ernsthaften Beziehung interessierte Männer froh sind, wenn die Frau zuerst aktiv wird».

Beim «Frau sucht Mann»-Konzept soll es nicht bleiben: Das Pickable-Team arbeitet bereits an einer App-Variante für die LGBT-Zielgruppe. Wie das Modell für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender funktionieren soll, will Clémentine Lalande noch nicht verraten. Nur so viel vorweg: Das Prinzip der Anonymität bleibt bestehen.

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