Gabriel Vetter: «Ich überlege, Hazel Brugger vor Gericht zu ziehen»

Bruno Bötschi

25.2.2020 - 07:17

Gabriel Vetter über das Vatersein: «Heute fühle ich mich plötzlich mit Leuten, die ich früher scheisse fand, irgendwie verbunden, nur weil die auch Kinder haben. Das ist gleichzeitig furchtbar und schön, aber vor allem geschäftsschädigend.»
Bild: Hazel Brugger

Kabarettist Gabriel Vetter verrät, warum er als junger Mann immer vor Mitternacht nach Hause ging, spricht über sein schwieriges Verhältnis zu seinen Füssen und nervt sich, dass er, seit er Vater wurde, zu nett ist.

Restaurant Cosmos, Zürich, kurz nach 17 Uhr: Der Journalist hat einen Frosch im Hals, tönt wie eine Quitschente und hüstelt ständig, aber der Kabarettist lässt sich nichts anmerken.

Gabriel Vetter beantwortet brav Frage um Frage und tut so, als wäre alles normal – zumindest so lange, wie Comedian-Kollegin Hazel Brugger nicht das Thema ist.

Das Fragekonzept bleibt übrigens, trotz Quitschentenstimme, das bisher bewährte: Zuerst die netten Fragen, dann das Tempo langsam anziehen und am Schluss noch etwas ... Sex und Crime!

Herr Vetter, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen – und Sie antworten möglichst schnell und kurz. Passt Ihnen eine Frage nicht, sagen Sie einfach ‹weiter›.

Alles klar.

Oslo oder Basel?

Schaffhausen.

Wieso?

Schaffhausen vereint beide Vorzüge, die Oslo und Basel auszeichnen: Die Stadt liegt wie Basel am Rhein und ist wie Oslo eine nette Kleinstadt.

Welches Wort fällt Ihnen auf Schwedisch schneller ein als auf Deutsch?

Blöja.

Können Sie das Wort bitte übersetzen?

Windeln … (lacht). Unsere Tochter trägt sie noch und wer weiss, vielleicht brauche ich sie demnächst auch wieder. Ich bin schliesslich nicht mehr der Jüngste.

Zur Info für alle jene, die Herr Vetter noch nicht so gut kennen: Seine Lieblingsfrau ist Schwedin.

Wann haben Sie zuletzt Blumen geschenkt bekommen?

Das muss nach einem Auftritt gewesen sein. Manchmal nehme ich die Blumen nach Hause, hin und wieder verschenke ich sie aber auch auf dem Heimweg. Das führt manchmal zu komischen Situationen.

Warum?

Die Leute scheinen Angst zu haben, dass ich im Strauss ein Messer oder Drogen versteckt haben könnte.

Gut. Verrückter kann es fast nicht werden. Man stelle sich vor, wie der bekannte Kabarettist einer ihm bis dato unbekannten Frau einen Strauss auf der Strasse überreichen will und diese plötzlich davon rennt.



Wirklich wahr, dass Sie Ihren allerersten Bühnenauftritt als Ministrant hatten?

Das stimmt – zumindest, wenn man das Ministrieren als Bühnenauftritt klassifiziert. Aber ich würde sagen, es erfüllt alle Voraussetzungen dafür. Meine Auftritte als Ministrant waren zudem bezahlt.

Wie hoch war das Entgelt?

Als Ministrant bekam ich 30 Franken Weihnachtsgeld, an Ostern gab es einen Schoggihasen und das Allerbeste: Im Frühling fuhren wir mit dem Car in den Europapark.

Eine fürstliche Entlöhnung.

Ich hatte vor jedem Auftritt als Ministrant schreckliches Lampenfieber. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich als Comedian noch nie derart schlimmes Lampenfieber hatte wie vor und während der Gottesdienste.

Machte Sie der Priester derart nervös oder was war los?

Ich konnte mir nie merken, welches Gebet wann aufgesagt wird und wann ich genau das Glöggli läuten muss.

Gabriel Vetter über seinen ersten Job: «Als Ministrant bekam ich 30 Franken Weihnachtsgeld, an Ostern gab es einen Schoggihasen und das Allerbeste: Im Frühling fuhren wir mit dem Car in den Europapark.»
Bild: Hazel Brugger

Sie sind in Beggingen im Kanton Schaffhausen aufgewachsen.

Die ersten elf Jahre lebte ich mit meiner Mutter in Schlattingen. Das ist ein Dorf im Kanton Thurgau, das aber mental bereits zu Schaffhausen gehört.

Ihr Lieblingsort in Beggingen im Kanton Schaffhausen?

Beggingen ist ein kleines Dorf. Als ich dort zusammen mit meiner Mutter wohnte, gab es aber tatsächlich noch ein Sportgeschäft. Das Geschäft hiess ‹Wanner›. Man konnte dort unter anderem Fussballshirts kaufen – jenes vom Servette FC Genf hing lange Zeit im Schaufenster. Das fand ich wunderschön. Ich stand deshalb regelmässig vor dem Schaufenster und bestaunte das Leibchen.

Tolle Antwort. Heimatgefühle! Der Journalist kommt schliesslich auch aus der Ostschweiz. Er ist Mostindianer, also Thurgauer.

Wie gesagt: Ihre Antworten sollen kurz sein …

… okay, ich antworte ab sofort nur noch mit ja, nein oder weiter.

Wissen Sie, was am 24. Mai 1962 in Beggingen los war?

Was könnte da passiert sein? Brannte das Dorf ab? Gab es ein Erdbeben?

Am 24. Mai 1962 entdeckte ein Schüler einer Schaffhauser Seminarklasse anlässlich einer Exkursion in Beggingen einen Wirbelknochen eines Ichthyosauriers.

Das habe ich sicher irgendwann einmal in der Schule gelernt, aber wieder vergessen.

Haben Sie während Ihrer Kindheit auch einmal Dino-Knochen gesucht?

Es würde mich nicht erstaunen, aber daran erinnern kann ich mich nicht. An was ich mich jedoch erinnern kann: Wir jagten auf den Feldern Mäuse. Pro gefangener Maus zahlten uns die Bauern 50 Rappen.

Sie scheinen ein monetär sehr interessiertes Kind gewesen zu sein.

Klar. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mein Ziel war immer: möglichst rasch viel Geld verdienen.

Warum?

Damit ich mir ein Busticket kaufen und nach Schaffhausen fahren konnte. Dort gab es grössere Sportgeschäfte mit einer grösseren Auswahl an Fussballleibchen als bei ‹Wanner Sport›.

Wie oft sind Sie als Jugendlicher früher vom Ausgang nach Hause gegangen, weil Sie nicht der Mittelpunkt des Abends waren?

Nie. Ich bin früher nach Hause gegangen, weil ich in Beggingen wohnte und der letzte Bus dorthin bereits kurz vor Mitternacht fuhr.



Wie oft schrieben Sie in der Schule einen Nagel?

Soweit ich mich erinnern kann, nie. Ich gebe jedoch zu, in der Mathe-Matur hätte ich einen Einer verdient. Aber scheinbar konnte ich mich mit der Formulierung des Schlusssatzes irgendwie herauswinden und so erreichen, dass es mir doch noch für einen Zweier reichte.

‹Beggingen – das New York der Ostschweiz› erklärten Sie vor einigen Monaten in den ‹Schaffhauser Nachrichten›. Können Sie bitte noch zwei Sätze mehr zu dem Ort sagen, in dem Sie einen Teil Ihrer Kindheit verbracht haben?

Kulinarisch könnte man darüber streiten, ob dem wirklich so ist – aber Fakt ist: In der ‹Sonne› in Beggingen gibt es huereguets Cordon bleu.

Wenn ein Tourist sich nach Beggingen verirrte, was würden Sie ihm zeigen?

Ich würde mit dem Touristen auf dem Randen spazieren gehen. Dort befindet sich bei Ob Lucken ein Startplatz für Deltasegler, der einen super Ausblick bietet. Und dann würde ich ihm natürlich noch die beiden Wohnungen zeigen, in denen ich einst mit meiner Mutter gelebt habe – heute erinnern zwei goldene Tafeln an meine einstigen Aufenthaltsorte.

Gabriel Vetter über seine Schulnoten: «Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich nie einen Nagel. Ich gebe jedoch zu, in der Mathe-Matur hätte ich einen Einer verdient. Aber scheinbar konnte ich mich mit der Formulierung des Schlusssatzes irgendwie herauswinden und so erreichen, dass es mir doch noch für einen Zweier reichte.»
Bild: Hazel Brugger

Welcher Teil Ihres Körpers ist Ihnen bis heute fremd?

Zu meinen Füssen habe ich ein seltsames Verhältnis. Ich frage mich oft, ob sie überhaupt noch Teil von mir sind.

Ihr erster Kuss?

Mit Nadine. Passiert ist es beim Flaschenspiel in einer Garage in Schleitheim, einem Dorf unweit von Beggingen.

Müssen die Gäste bei Ihnen zu Hause die Schuhe ausziehen?

Nein. Wir haben zwei Kinder. Unsere Wohnung wird fast sauberer, wenn wir Gäste mit Strassenschuhen hereinlassen.

Ihre Comedy-Kollegin Hazel Brugger hält Extra-Finken für Ihre Gäste bereit.

Extrafinken haben wir auch im Angebot, falls unsere Gäste kalte Füsse bekommen – und dazu ein Extrabett.

Weil Ihre Gäste immer so lang bleiben?

Ja, wir haben viele Gäste, die sehr gern sehr lange bleiben.

Sie sollen schuld sein, dass Hazel Brugger heute als Comedian auf der Bühne steht.

Das ist eine boshafte Unterstellung, die Frau Brugger ständig wiederholt. Ich überlege mir bereits, ob ich sie deswegen vor Gericht ziehen soll.

Und ernsthaft?

Es ist schön, dass sie das sagt.



Wer ist schuld, dass Sie heute auf der Bühne stehen?

Meine schwierige Kindheit kombiniert mit meinen Minderwertigkeitskomplexen.

Ein Journalist hat Sie vor Jahren einmal mit ‹Poet, Chronist und Nestbeschmutzer à la Niklaus Meienberg› beschrieben. Wahr oder nicht?

Wahr … ausser das ‹à la Niklaus Meienberg›.

Weil Sie nicht so gut schreiben können wie der Schriftsteller, der 1993 Suizid beging?

Ich bewundere Niklaus Meienberg sehr und würde mich nie mit ihm vergleichen. Und vor allem würde ich mich nicht mit einem Plastiksack über dem Kopf selber umbringen.

Sondern?

Ich würde, der Natur zuliebe, eine Papiertüte nehmen.

Räuspern. Hüsteln. Stirnrunzeln. Fast hätte sich die Quitschente namens Journalist verschluckt.

2005 war die ehemalige SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter Ihre Muse. Wie kam das?

Jasmin Hutter gab damals der ‹SonntagsZeitung› ein Interview, in dem sie sich unter anderem darüber aufregte, dass es in Altstätten im St. Galler Rheintal sehr viele Tamilen gebe, die die Bahnhofstrasse rauf- und runterliefen. Ich fand dieses Interview derart seltsam, dass ich daraus einen Slam-Poetry-Text gebastelt habe.

Wer war 2010 Ihre Muse?

Da muss ich kurz nachdenken. Ab 2010 war ich oft in Florenz, weil meine Freundin dort doktorierte, und deshalb würde ich antworten: Fussballer Gabriel Batistuta. Der spielte zwar damals bereits nicht mehr aktiv Fussball. Trotzdem war er fast an jeder Ecke in der Stadt präsent.

2015?

Mein ältester Sohn. Er feierte damals seinen ersten Geburtstag und war sozusagen gezwungenermassen meine primäre Inspirationsquelle.

Und heute?

Heute wechselt meine Muse ständig – das ist anstrengend, aber gleichzeitig auch bereichernd.

Gabriel Vetter über Hazel Brugger: «Ich lade sie oft zum Znacht ein, sie mich aber auch. Buchhalterisch sind wir da, glaube ich, ausgeglichen.»
Bild: Keystone

Kürzlich hat Hazel Brugger wieder einmal Werbung für Ihre Tournee in den sozialen Medien gemacht. Verlangt Sie dafür eigentlich Provision von Ihnen?

Nein, sie muss mir etwas zahlen, wenn sie das nicht tut.

Laden Sie Frau Bugger hin und wieder zum Znacht ein?

Ich lade sie oft zum Znacht ein, sie mich aber auch. Buchhalterisch sind wir da, glaube ich, ausgeglichen.

Wann haben Sie zuletzt mit Frau Brugger telefoniert?

Ähm … heute oder gestern muss das gewesen sein.

Vetter kramt sein Handy hervor und schaut nach.

Gestern.

Was haben Sie zusammen diskutiert?

Ob sie mir für einen Dreh einen kleinen Hund vermitteln könne, der unter drei Kilo schwer ist und den man über den Tresen einer Metzgerei heben kann.

Wieso fragen Sie so etwas Frau Brugger?

Sie hat gute Hunde-Connections.



Harald Schmidt sagt über Hazel Brugger: ‹Sie ist sehr amerikanisch, sehr schnell, sie deutet die Pointen nur an, der Zuschauer muss sie zu Ende denken.› Wie würden Sie Frau Brugger beschreiben?

Schmidt hat das gut gesagt, ich würde das so unterschreiben.

Wie würden Sie sich beschreiben?

Selber würde ich mich nicht beschreiben, aber ich zahle manchmal Leute dafür, dass sie über mich schreiben.

Grossartig. Das waren jetzt schon siebeneinhalb Fragen zu Hazel Brugger. Glückwunsch! Er hat das toll durchgestanden und sich bisher kein bisschen genervt – zumindest äusserlich. Ob das so weiter geht?

Wie bitte, Sie zahlen Journalisten, damit Sie gute Kritiken über Sie schreiben?

Nein, nein, aber hin und wieder brauche ich einen Pressetext für meine Internetseite. Und die Texter, die diese Arbeit tun, bezahle ich.

Vom Champion bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften, dem grösstem Dichterwettbewerb Europas, über den Gewinn des renommierten Karbarettpreises Salzburger Stier zum Immer-noch-nicht-wirklich-den-ganz-grossen-Durchbruch-wie-Hazel-Brugger geschafft: Wie fühlt sich das an?

Ganz okay. Ich weiss nicht, ob man in der Schweiz den ganz grossen Durchbruch schaffen will oder kann. Dafür müsste man wahrscheinlich nach Deutschland gehen. Aber ehrlich gesagt, dafür bin ich zu faul.

In der TV-Sendung ‹Deville Late Night› von Dominic Deville spielen Sie als komödiantische Unterstützung ebenfalls nur die zweite Geige. Wieso haben Sie kein eigenes wöchentliches TV-Format?

Weil ich regelmässig absage und gut ‹Nein› sagen kann. ‹No› is the sexiest answer in showbusiness.

Oder liegt es vielleicht an Ihrem Aussehen? Deville sieht einfach besser aus als Sie.

Dominic Deville sieht sicher nicht besser aus als ich, sorry. Ich sehe viel, viel besser aus als er, und zwar von allen Seiten.

Auch von den Füssen aus?

Die Füsse sind im Fernsehen nicht so relevant.

Maximilian Frick, Chief Executive Scout der Pfadi Liechtenstein (alias Gabriel Vetter), ruft in der TV-Sendung «Deville Late Night» zum Putsch gegen den Fürsten auf.

Quelle: YouTube

Ihre liebste TV-Sendung?

Ich würde sagen ‹Seinfeld›. Die letzte Staffel der US-amerikanischen Sitcom wurde zwar schon 1998 ausgestrahlt, aber ich finde ‹Seinfeld› nach wie vor wahnsinnig lustig. Es ist wirklich unglaublich. Ich frage mich, wie diese Wichser das geschafft haben, dass diese Sendung so gut altert.

Soll ich wirklich Wichser schreiben?

Wir sind nicht beim SRF, dort sollte man Wichser besser nicht sagen. Und sowieso: Ich meine Wichser im positiven Sinn, also ganz im Renato-Kaiser-Stil.

Zum Angriff. Achtung! Weitere Hazel-Brugger-Fragen.

Hazel Brugger sagte …

… wieso reden wir eigentlich heute die ganze Zeit über Hazel Brugger?

Weil Frau Brugger kürzlich auf Instagram prominent Werbung für Ihr Soloprogramm gemacht hat.

Also gut.

Also nochmals: Hazel Brugger sagte in der ‹NZZ am Sonntag›: ‹Ich bin schlechter im Bett als auf der Bühne.› Wie ist Ihre Leistungsfähigkeit an den beiden Orten?

Ich würde da gern Sie, Herr Bötschi, zitieren: Mir ist der Durchbruch noch nicht ganz gelungen.

An beiden Orten?

Schreiben Sie: Im Bett ist mir der internationale Durchbruch gelungen. Punkt.



Ist es einfacher zu Leuten böse zu sein, die man nicht mag?

Nein. Ich finde es fast schwieriger auf der Bühne zu Menschen böse zu sein, die ich nicht mag.

Warum?

Ich möchte mich auf der Bühne auch nicht allzu oft mit Menschen auseinandersetzen, die ich nicht mag. Zudem gibt es nur sehr wenige Menschen, die ich nicht mag. Vielleicht werde ich altersmilde. Je länger, desto mehr finde ich: So viele Leute finde ich gar nicht scheisse.

Wo stehen Sie politisch: eher links oder rechts oder neutral in der Mitte?

Es kommt darauf an, was man als links anschaut. Ich denke, ich werde auf das Alter hin immer linker, aber ich erachte es nicht als links, sondern als demokratisch und vernünftig.

Würden Sie Ihre Kinder, wenn sie alt genug wären, an die Klimademos lassen?

Ich werde sie an jede Demo lassen, wenn sie alt genug sind und sich für ein Thema interessieren. Ich würde sie auch noch mit dem Auto hinfahren, wenn es sein müsste …

Seine Ironie. Grinsen. Gelächter.

Waren Sie selber auch schon an einer Demonstration?

Ja – die letzte war die Klimademo in Basel. Es war sehr seltsam.

Was war seltsam?

Es war ein Typ dort, der einen riesigen Dieselgenerator dabeihatte und House-Musik laufen liess. Ich dachte: Geil, an der Klimademo mit einem Dieselgenerator Musik machen.

Gabriel Vetter über die Politik: «Mein Interesse an Politikerinnen und Politikern, gerade an jenen aus der Schweiz, ist eher gering. Ich finde sie lustig, mehr nicht.»
Bild: Hazel Brugger

Hazel Brugger sagte letztes Jahr in einem Beitrag für die ‹Heute-Show› zum Tag der Frau zu Peter Altmaier, seinesgleichen immerhin Wirtschaftsminister von Deutschland: ‹Also wenn die Worte ‹Alt› und ‹Eier› auch in meinem Namen vorkämen, könnte ich auch eine so schwurbelige Antwort geben.› Nach dem Satz berührte Brugger Altmaier an der Schulter …

Ja, und?

Hätten Sie manchmal auch Lust, Schweizer Politikerinnen und oder Politiker verbal und körperlich zu belästigen?

Ganz und gar nicht. Ich verspüre keinen Drang, andere Menschen verbal oder physisch zu belästigen … ach, verbal vielleicht schon. Aber mein Interesse an Politikerinnen und Politikern, gerade an jenen aus der Schweiz, ist eher gering. Ich finde sie lustig, mehr nicht.

Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Ich wäre gern dafür, muss mir aber eingestehen, dass ich leider oft dagegen bin.

Brauchen wir gesetzliche Frauenquoten?

Ich befürchte ja.

Ist die Schweiz so modern, wie wir gern glauben?

Wer glaubt, die Schweiz sei modern?

Welches Haushaltgerät gehört in jede Schweizer Küche?

Ein Stabmixer. Dieses Gerät ist meiner Meinung nach völlig unterschätzt.

Ihre Lieblingshausarbeit?

Abwaschen beziehungsweise das Geschirr in die Spülmaschine einräumen.

Also was jetzt?

Beides – weil bei uns nie alles Geschirr in der Maschine Platz hat und ich deshalb immer beides machen muss.



Die härteste Arbeit, die Sie mit den Händen getan haben?

Mit 16 habe ich auf dem Bau gearbeitet, und später, als Student, war ich in Stein am Rhein bei der Kehrichtabfuhr tätig. Das war körperlich anstrengend, es hat extrem gestunken, aber es war auch geil, weil ich mich irgendwann in diesem Heldenstatus suhlen konnte.

Das müssen Sie erklären.

Es ist früher Morgen, man ist draussen unterwegs, meistens ist es noch dunkel und kalt, und du hilfst mit, dass der Dreck aus der Stadt kommt. Das ist ein wunderschönes Gefühl. Zudem gibt es einen tollen Trick … – ach, aber dann wird diese Antwort viel zu lang.

Von welchem Trick reden Sie?

Es gibt einen wunderbaren Moment, den nur Güselmänner kennen. Ich meine den Moment des Aufsteigens auf die Plattform. Wenn man das genau dann macht, wenn der Chauffeur mit dem Müllwagen losfährt, kann man den Schwung mitnehmen – und es zieht einen wie von allein hoch.

Fühlt es sich an wie Fliegen?

Nein, wie Schwerelosigkeit, aber das verstehen nur Menschen, die schon bei der Müllabfuhr gearbeitet haben.

Gut performt, Herr Kabarettist.

Was mögen Sie an der Schweiz?

Ich mag es, dass die Schweiz ein Land der Gegensätze ist – innerhalb der Landschaft, innerhalb der Mentalitäten, innerhalb der Sprachen. Ich mag es, dass wir uns oft streiten, uns oft uneins sind, uns nicht in Ruhe lassen und wir uns gegenseitig trotzdem aushalten. In der Schweiz hat man das Gefühl, alles geht einen etwas an. Das kann sehr mühsam sein, aber als gesellschaftliche Grundhaltung finde ich das trotzdem wahnsinnig super. Natürlich hat das alles mit unserem politischen System, also der direkten Demokratie, zu tun. Wir können alle über alles abstimmen. Das finde ich wahnsinnig wichtig und schön.

Was hassen Sie an der Schweiz?

Die Rückständigkeit in gesellschaftlichen und familienpolitischen Fragen.

Die beste Schlagzeile, die je über Gabriel Vetter getitelt wurde?

Schlagzeilen kann ich mir leider nur sehr schlecht merken.

Sie waren eine Zeit lang selber als Schreiber tätig: Ein Fehler, den Sie sich als Journalist nicht verzeihen?

Dass ich nicht mehr Menschen zu Interviews getroffen und mir deren Sichtweise gegönnt habe.

Gabriel Vetter über die Schweiz: «Ich mag es, dass die Schweiz ein Land der Gegensätze ist – innerhalb der Landschaft, innerhalb der Mentalitäten, innerhalb der Sprachen. Ich mag es, dass wir uns oft streiten, uns oft uneins sind, uns nicht in Ruhe lassen und wir uns gegenseitig trotzdem aushalten.»
Bild: Hazel Brugger

Finden Sie sich selbst eigentlich noch lustig?

Ja.

Sind Sie auf der Bühne netter geworden, seit Sie Vater geworden sind?

Leider. Das ist wirklich etwas, an dem ich zu beissen habe. Heute fühle ich mich plötzlich mit Leuten, die ich früher scheisse fand, irgendwie verbunden, nur weil die auch Kinder haben. Das ist gleichzeitig furchtbar und schön, aber vor allem geschäftsschädigend.

Welches Familienbild tragen Sie immer bei sich?

Im Telefon ganz viele, im Portemonnaie keines.

Vater, Vati oder Papi?

Papa.

Ihre Kosenamen für Ihre Frau?

Älskling – das ist schwedisch und heisst Liebling.

Wie nennt Sie Ihre Frau, wenn Sie hässig ist auf Sie?

Ganz normal – also wie immer mit meinem Nachnamen plus all meinen akademischen Titeln davor.

Kinder weinen manchmal. Kommen sie zu Ihnen oder gehen sie zu Ihrer Frau, um getröstet zu werden?

Die Kinder weinen, weil sie mich gesehen haben, und rennen dann zu meiner Frau.

Hatten Sie mal einen perfekten Auftritt?

Perfekt nicht, aber ich hatte kürzlich in Schaffhausen einen Auftritt, bei dem ich es im Nachhinein sehr bereut habe, dass wir ihn nicht gefilmt haben.

Was war denn so gut?

An diesem Abend hat einfach alles gestimmt – ich spielte in meiner Heimatstadt, im grössten Theater dort, vor ausverkauftem Haus. Ich war locker drauf und sogar die Fehler, die ich gemacht haben, waren die richtigen.

Hazel Brugger hat mal in einem Interview gesagt, …

… Jesses, Sie sind obsessed von der Frau Brugger. Soll ich sie anrufen, dass Sie sie ganz heftig vermissen und ihr sagen, dass Sie ständig mit fremden Männern über sie reden müssen …

… also die Frau Brugger hat gesagt, die Comedy-Branche sei ‹erschreckend asexuell›. Finden Sie das auch?

Was heisst erschreckend asexuell? Okay, sie schreibt natürlich aus der Warte der jungen Kabarettistin in Deutschland … und … ja, nein, keine Ahnung, dazu kann ich nichts sagen.



Die Hazel-Brugger-Fragen sind vorbei. Definitiv. Auf zur Schlussrunde! Wir wollen nochmals näher ran: Seinen Ehrgeiz anstacheln, den Humor herauskitzeln.

Manche werden mit Drogen locker. Sie auch?

Sehr wahrscheinlich ist dem so, deshalb nehme ich keine.

Je besäuselt vor der Kamera oder auf einer Bühne gestanden?

Ach, doch, doch … jetzt muss ich kurz überlegen: Vor der Kamera, glaube ich, noch nie, aber auf der Bühne schon. Also nicht total betrunken, aber ein bisschen angesäuselt, also mit einem leichten Pegel, das schon. Aber das ist schon ganz, ganz lang her.

Gabriel Vetter über seine Nervosität: «Ich hatte vor jedem Auftritt als Ministrant schreckliches Lampenfieber. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich als Comedian noch nie derart schlimmes Lampenfieber hatte wie vor und während der Gottesdienste.»
Bild: Hazel Brugger

Zum Schluss nenne ich Ihnen sechs Gabriel-Vetter-Sätze, und Sie sagen, was sie bedeuten: ‹Ich randaliere gern mit Worten.›

Ich konfrontiere die Menschen gerne mit irgendwelchen Aussagen und stifte dadurch Unruhe.

‹Schlechte Comedy ist alles, was vorhersehbar, faul und ohne Überraschungsmoment ist – also das meiste.›

Habe ich das gesagt?

Ja, im April 2019 im Magazin ‹Schweizer Monat›.

Wie habe ich das wohl gemeint? Ach, das bezieht sich natürlich auch auf meine eigenen Sachen.

‹Die Performance sollte Sex haben, in dem Sinne, dass man so rüberkommt, als ob man einen Scheiss draufgibt, was die Welt über einen denkt.›

Habe ich das gesagt?

Ja, in der Rubrik ‹Ein Tag im Leben von ...› im ‹Das Magazin› vom 16. Juli 2005.

Wow. Können Sie mir den Satz nochmals vorlesen?

‹Die Performance sollte Sex haben, in dem Sinne, dass man so rüberkommt, als ob man einen Scheiss draufgibt, was die Welt über einen denkt.›

In der Comedy ist es wichtig, dass man eine gewisse Fuck-you-Attitüde und eine gewisse Faulheit beweist. Streberische Satiriker auf der Bühne sind für mich zum Zuschauen die furchtbarsten Menschen überhaupt.

‹Ich habe ein Bühnen-Tourette-Syndrom.›

Auf der Bühne leide ich mittlerweile nicht mehr so stark darunter, dafür verfolgt mich das Syndrom oft während der Entstehung eines neuen Programms. Ich versuche dann ständig, wenn ich mit irgendwelchen Leuten im Gespräch bin, mögliche Pointe abzuklopfen und zu schauen, ob sie auf der Bühne funktionieren könnten.

Über den Autor
Bild: Bluewin

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.

Jetzt gerade auch?

Klar, ein Interview geben ist ja der Situation auf der Bühne ziemlich ähnlich.

Und nochmals einen Satz von Ihnen: ‹Februar ist mehr Moment als Monat.›

Das ist ein Satz aus meiner letzten Radiosendung ‹Vettels Töne›. Es ist ein Satz, der gut tönt, aber überhaupt keinen Sinn macht. Ein typischer Füllsatz. Find ich gut.

‹Verrisse tun ab und zu gut.›

Verrisse tun gut, vor allem, wenn es gut gemachte Verrisse sind. Mir hat vor Kurzem ein Mann einen langen Brief geschrieben. Es ist der bisher härteste und krasseste Verriss, den ich je bekommen habe. Gleichzeitig ist es einer der schlausten Beiträge, den ich je über meine Bühnenshow gelesen habe. Der Mann hat sich intensiv mit meinem Auftritt beschäftigt. Ich verstehe seine Kritikpunkte, auch wenn ich überhaupt nicht einverstanden bin mit ihm. Aber diese Art von Kritik ist geil.

Bekam er eine Antwort von Ihnen?

Ja, wir haben mehrmals hin und her geschrieben. Wir wollten uns auch noch treffen, aber das hat leider bisher noch nicht geklappt. Aber das kommt noch, ganz sicher.

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