Komikerin Helga Schneider: «Ich bin gerade sehr verliebt»

4.6.2018 - 00:00, Bruno Bötschi

Regula Esposito über ihre Bühnenfigur Helga Schneider: «Ein Urviech, das kein Blatt vor den Mund nimmt.»
Roland Tännler/Circus Knie

Als Helga Schneider sorgt Comedian Regula Esposito im Circus Knie für Furore. Im Interview spricht sie über ihren grössten Lebenstraum, erklärt, warum sie manche ihrer männlichen Bühnenkollegen als vulgär empfindet, und verrät, weshalb sie den Freitod befürwortet.

Wir sitzen in einem Café neben dem Zürcher Sechseläuteplatz. Regula Esposito ist gut gelaunt, aber leicht übermüdet. Seit Mitte März tourt sie als Helga Schneider («ein Urviech») mit dem Circus Knie durch das Land, bringt täglich zwischen 2000 bis 4000 Schweizerinnen und Schweizer im Chapiteau zum Lachen.

18 Jahre lang war Esposito Mitglied des Kabarettquartetts «Acapickels». Damals träumte sie von heissblütigen Männern wie Prinz Charles und David Copperfield. Und der Lauf einer Masche an ihren Stützstrümpfen wies ihrem lockeren Mundwerk die Richtung und ihrem Gebiss allabendlich den Weg zum Wasserglas.

Seit 2010 ist Regula Esposito alias Helga Schneider solo unterwegs. Mit Erfolg, viel Erfolg. Und der macht hungrig. Bevor wir mit harmlosen Entweder-Oder-Fragen starten, bestellt die Comedian einen Toast.

Bluewin: Frau Esposito, ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viel Fragen. Und Sie antworten möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».

Regula Esposito: (Lacht laut)

Pudel oder Kamel?

Kamel. Der Pudel war in einem vorherigen Leben mein Lieblingstier.

Badewanne oder Dusche?

Badewanne.

Hotel oder Camping?

Hotel.

Seit März sind Sie mit dem Circus Knie auf Tournee: Wie gross ist Ihr Caravan?

Das weiss ich gar nicht ... ich schätze er ist zirka 2,5 Meter breit und 10 Meter lang.

Wie oft schon den «Grind» angeschlagen im Caravan?

Noch nie.

Welches sind die drei wichtigsten Dinge, die in einem Wohnwagen unbedingt vorhanden sein müssen?

Eine gute Flasche Rotwein, eine warme Decke und eine Taschenlampe ...

... und das Foti vom Schatz neben dem Bett?

Natürlich.

Wie gut schläft es sich im Wohnwagen?

Sehr gut.

Mit oder ohne Ohrenstöpsel?

Ohne Stöpsel, ausser als wir in Wil SG gastierten. Da stand mein Wohnwagen direkt neben den Glasentsorgungs-Containern. Die Wiler fangen bereits um 7 Uhr früh mit Entsorgen an. Besonders am Sonntagmorgen merkt man: In Wil wird sehr viel getrunken.

Morgenmuffel?

Nein, aber einen tiefen Blutdruck. Eine lahme Ente, aber kein Muffel.

Regula Esposito: «Den Perücken-Traum habe ich länger nicht mehr geträumt. Im Moment ist eher das Problem, wo sich die Perücke für das Kamel versteckt.»
Keystone

Träumen Sie eigentlich immer noch den gleichen grauenhaften Helga-Traum wie vor Jahren?

Sie meinen den Traum mit der Perücke, die plötzlich unauffindbar ist.

Genau.

Den habe ich länger nicht mehr geträumt. Im Moment ist eher das Problem, wo sich die Perücke für das Kamel versteckt.

Sie unterhalten jeden Tag ein- bis zweimal als Helga Schneider das Zirkuspublikum. Ein Mammut-Programm. Wie halten Sie das durch?

Ich habe mich gut darauf vorbereitet, denn ich wusste, was auf mich zukommen wird. Ich ging es mit Professionalität und Seriosität an.

Haben Sie im Vorfeld einen Personal-Trainer engagiert?

Nein, der «Knie» bringt es automatisch mit sich, dass man ständig auf den Beinen ist. Das hält fit.

Blick auf den Sessel links neben dem Interviewer: Wow, das ist schon eine sympathische Frau mit einem prächtigen Humor. Und weil ein Teil des Toasts bereits im Magen der Comedian verwunden ist, steht jetzt auch nichts mehr im Weg für mehr Tempo: Genau, die Fragen werden frecher. 

Eigentlich Faulpelz?

Nein, gar nicht, eher hyperaktiv.

Ging mit dem Engagement beim «Knie» ein Lebenstraum in Erfüllung?

Einen Lebenstraum habe ich einen anderen ... mein grösster Traum wäre es, mit der Helga einen Spielfilm zu realisieren. Das Engagement beim «Knie» ist eine riesige Ehre.

Wer von der Familie Knie hat eigentlich angerufen und gefragt, ob Sie auf die Tournee mitkommen wollen?

Der Chef selbstverständlich, Fredy Knie junior.

Wie schnell sagten Sie «Ja, ich bin dabei»?

Die erste Anfrage für 2017 musste ich absagen. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht konnte. Die Anfrage kam drei Wochen vor der Premiere meines letzten Bühnenprogrammes «Superhelga». Ich hatte damals bereits für das ganze Jahr 2017 Verträge mit Veranstaltern abgeschlossen. Ich habe lange mit mir gehadert, aber ich hätte viele Menschen sehr böse gemacht, wenn ich diese Verträge nicht erfüllt hätte. Ich wusste, es ist überheblich vom «Knie» angefragt zu werden und abzusagen. Zum Glück hat es jetzt doch noch geklappt.

Wer hat Ihnen als Erste oder Erster abgeraten, mit dem Circus Knie auf Tournee zu gehen?

No comment (lacht laut).

Viele Schweizerinnen und Schweizer sagen: «Die Knies, die sind unsere Königsfamilie» – Wahr oder nicht?

Das hat etwas. Der «Knie» ist wie eine eigene Stadt, die durch die Schweiz zieht. Es hat eine Schule, eine Post, ein Medienbüro und rund 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf Tournee gehen. Und Königshäuser sind ja auch so etwas wie ein in sich geschlossener Staat.

Hardcore-Knie-Fans behaupten, Sie seien der beste Comedian, der in den letzten 15 Jahren im «Knie» aufgetreten sei.

Das ehrt mich, da muss ich grad eine neue BH-Grösse kaufen gehen.

Ihre Ironie. Grinsen. Gelächter.

Das Publikum sieht das ähnlich, wie ich es an der Zürcher-Premiere selber erleben konnte: Sie bekamen am meisten Applaus.

Selber habe ich das nicht bemerkt, ich war so aufgeregt. Aber mich freut es natürlich enorm, dass mein Programm ankommt. Ich mache sonst Comedian pur und ich wusste nicht, ob das im Zirkus funktionieren wird. Ich habe mir deshalb viele Gedanken gemacht, wie ich meine Geschichten im «Knie» erzählen will, damit die Figur der Helga Schneider auch in der Manege Spass macht.

Regula Esposito: «Der Wechsel von Regula zu Helga ist ein ganz intimer Moment, bei dem ich immer mit mir allein bin und einen inneren Dialog führe, bevor ich in die Manege hinausgehe.»
Keystone

Können Sie Ihre Bühnenfigur Helga Schneider in einem Satz beschreiben?

Ein Urviech, das kein Blatt vor den Mund nimmt.

Wie lange dauert es bis aus der Regula die Helga wird?

Von der Figur her eine Sekunde lang, mit dem ganzen Schminken, der Haarpracht, der Verkabelung und mit genügend Musse 45 Minuten.

Haben Sie irgendwelche Rituale?

Der Wechsel von Regula zu Helga ist ein ganz intimer Moment, bei dem ich immer mit mir allein bin und einen inneren Dialog führe, bevor ich in die Manege hinausgehe.

Was können Sie als Helga, was Sie als Regula nicht können?

Ich habe als Helga Narrenfreiheit. Ich kann auch einmal etwas Unangebrachtes sagen. Weil die Helga so einfach gestrickt ist mit ihrer Hausfrauen-Philosophie, muss sie sich auch nicht immer überlegen, ob etwas 100 Prozent politisch korrekt ist und stubenrein.

Haben Sie manchmal Angst vor Ihrem Job?

Es gibt Situationen, in denen ich sehr nervös bin. Ich merke, das Lampenfieber wird, je älter ich werde, immer mehr zu einem Problem. Obwohl ich seit 30 Jahren diesen Job mache und mich als Vollprofi sehe, gibt es immer wieder Situationen, in denen ich spüre, dass ich nicht in meinem Zentrum bin.

Warum ist dem so?

Ich glaube, mit zunehmendem Bekanntheitsgrad und mit der Professionalität steigt der Druck von aussen, aber auch jener, den man sich selber auferlegt.

Können Sie unterdessen «Truthahn in den Wechseljahren» ins Russische übersetzen?

Noch nicht, aber ich werde es nach unserem Interview gleich googeln.

Helga Schneider reisst Sprüche, die oft nicht ganz kindgerecht sind. Spielen Sie in den Nachmittagsvorstellungen ein anderes Programm?

Helga ist am Nachmittag mit ihrer Wortwahl dezenter und einfacher. Ich bin definitiv kein Kinderclown und hatte deshalb etwas Angst vor den Nachmittagsvorstellungen. Und jetzt realisiere ich: Die Kinder haben viel Freude an der Frau mit den vielen Haaren. Vielleicht haben sie deshalb an Helga Freude, weil sie oft motzt. Helga ist so etwas wie die schräge Tante.

Über welche Themen würden Sie niemals Witze machen?

Ich kann nicht sagen, dass es Themen gibt, über die ich nie Witze machen würde. Die Frage ist vielmehr: Wie macht man einen Witz? Für mich gibt es keine Tabuthemen. Aber man muss jedes Thema mit Intelligenz und Respekt angehen.

Welchen internationalen Star finden Sie begehrenswert?

(Überlegt lang) Begehrenswert? Sie meinen also so rein sexuell? Mit dieser Frage bin ich grad etwas überrumpelt. Ich weiss, nach dem Interview kommen mir zehn Männer in den Sinn. Es gibt so viele Leute, die ich faszinierend finde, die ich bewundere, weil sie ein begnadetes Talent haben. Im Vorfeld der «Knie»-Tournee habe ich mich unter anderem mit Neil Patrick Harris auseinandergesetzt. Wow - was der kann, was der macht, wie er es umsetzt, ist unglaublich gut und präzis. Harris ist intelligent, hat gesanglich und tänzerisch viel drauf und ist ein toller Comedian und Schauspieler. Vor solchen Menschen ziehe ich den Hut.

Grausamste Bestrafung unter der Sie als Kind zu leiden hatten?

Ich hatte so eine schöne Kindheit, ich musste nie leiden. Aber etwas war schwierig: Während dem Essen durften wir nicht reden.

Als Kind sollen Sie hyperaktiv gewesen sein.

Wäre ich heute ein Kind, würde man mir mit Garantie Ritalin verabreichen. Ich war wirklich sehr hyperaktiv und konnte mich nicht konzentrieren in der Schule, weil ich tausend Ideen gleichzeitig hatte und auf fünf Ebenen darüber nachdachte.

Ritalin gab es während Ihrer Kindheit noch keines. Wie stellten Ihre Eltern Sie ruhig?

Sie hatten Nerven aus Stahl. Meine Eltern haben mit uns, ich habe noch zwei Brüder, viel unternommen. Am Wochenende und in den Ferien bastelten wir oft, bauten Pfeilbögen und Laubhütten, waren in der Natur unterwegs und gingen wandern. Wir waren eine kreative Familie, mein Vater war Architekt, meine Mutter Keramikerin. Meine Eltern nahmen sich viel Zeit für uns, genauso wie auch meine Grosseltern. Für ein aktives Kind war das der Zauberschlüssel um Dampf abzulassen.

Zwischenstand: gelöste Regula Esposito. Es ist eine Freude. Sie nimmt nochmals einen Biss vom Toast – es ist der letzte. Die knallharten Fragen: jetzt!

Korrekt, dass Ihre Eltern wollten, dass Sie zuerst einen anständigen Beruf lernen?

Absolut korrekt. Ich sagte zu meinen Eltern von klein auf, dass ich nie so stier werden möchte wie sie. Ich wolle eine emanzipierte Frau sein, wolle nicht abhängig sein von einem Mann und wolle deshalb Künstlerin werden. Irgendwann kam mein Vater und meinte: «Als Künstlerin das eigene Geld zu verdienen, ist schwierig. Da musst du zuerst einen richtigen Beruf lernen, damit du arbeiten gehen und Geld verdienen kannst. Wenn du das gemacht hast, dann kannst du die kreative Ausbildung in Angriff nehmen.» Damals fand ich das doof, heute weiss ich, es war die absolut richtige Erziehung. Ich habe viel davon profitiert.

Warum hat es trotzdem mit der Bühne geklappt?

Was sein muss, muss sein.

Sie wählten die Bühne, weil Sie unabhängig sein wollten.

Die Bühne habe ich nicht gewählt, weil ich unabhängig sein wollte. Die Bühne kam zu mir. Ich glaube, ich habe wirklich Theaterblut in meinen Adern. Ich bin im Zürcher Niederdorf aufgewachsen, neben dem Neumarkt Theater. Die Mutter meiner Schulfreundin war eine bekannte Künstlerin, die im Theaterensemble mitwirkte. Deshalb durften wir schon als Kinder hin und wieder Statistenrollen spielen. Das war das Grösste für mich. Ich fühlte mich schon als Kind daheim auf der Bühne.

Prix Walo 2018: Regula Esposito gewinnt für ihre Bühnenfigur Helga Schneider den Preis in der Kategorie Kabarett/Comedy.
Keystone

Was ist der grösste Affront, den Sie sich als junge Frau erlaubt haben?

Da kommt mir nichts in den Sinn. Ich glaube, ich bin ein bisschen langweilig.

Wollen Sie sich zur aktuellen Sexismus-Debatte #Metoo äussern?

Ich finde diese Debatte sehr wichtig, weil in der heutigen Zeit immer noch derart viele schräge Sachen laufen. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz darf unter keinen Umständen tabuisiert und muss verfolgt werden. Aber man kann es auch übertreiben. Das führt dann so weit, dass man heute fast nichts mehr sagen darf, vor allem auf der Bühne, ohne dass man nicht einen Brief zugeschickt bekommt. Das finde ich nicht gut.

Als Comedian sind Sie seit drei Jahrzehnten erfolgreich auf der Bühne tätig. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit mit Grüselmännern gemacht?

Ich habe in meiner Jugendzeit eine mühsame Grüsel-Erfahrung erlebt. Ich bin nie missbraucht worden, aber ich hatte einen älteren Freund, der meine Jugendlichkeit ausgenützt hat. Das ist eine Negativ-Erfahrung in meinem Leben, aber ich habe keinen Schaden davon getragen. Während meiner Zeit als Comedian habe ich noch nie Erfahrungen mit Grüselmännern machen müssen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eben ein Unterschied ist, ob du als Frau auf der Bühne stehst oder als Mann. Wir haben im Bereich Stand-up-Comedian viele Männer, gerade in Deutschland, die ich sehr sexistisch finde, sehr vulgär und sehr primitiv. Diese Männer füllen grosse Hallen und die Leute lachen über ihre Witze. Aber wenn eine Frau einen ähnlichen Witz auf die Bühne bringen würde, wäre sie sofort weg vom Fenster, weil es als zu primitiv gälte.

Ihr Gesichtsausdruck: Sie kann zwischen lustig-freundlich und angewidert-unfreundlich hin- und herschalten. Jetzt, nach den #Metoo-Fragen: Tendenz angewidert.

Wirklich wahr, dass Sie auch privat so viel «schnurren», wie Ihre Bühnenfigur Helga Schneider?

Leider ja.

Ihre irreste Wortkreation?

Da kommt mir grad nichts in den Sinn.

Warum verstehen Frauen nicht, dass es nichts zu sagen gibt?

Das hat mit der Natur und den Hormonen der Frau zu tun. Die Frau ist mehr das Harmoniehuhn, die wie ein «Gluggere» alles unter Kontrolle haben will. Und wenn sie am Abend ins Bett geht, will sie alle Probleme gelöst haben (lacht laut).

Warum wollen Frauen immer gleich heiraten?

Da kann ich nicht mitreden. Ich bin nicht der Immer-grad-Heiraten-Typ.

Woran erkennt man, dass Sie jeden Moment explodieren können?

Ich bin leider ein offenes Buch, mir sieht man es schon lange vorher an, bevor ich explodiere. Das hat mit meinem Naturell zu tun. Ich bin nicht die, die immer so perfekt durch die Welt geht und immer lächelt. Manchmal bin ich einfach ein Tubel.

Bitte jetzt nicht schlagen: Aber warum sind Frauen weniger lustig als Männer?

Ich finde Frauen genauso lustig wie Männer. Frauen haben aber vielleicht weniger den Mut, als Comedian auf die Bühne zu stehen.

Gibt es noch andere Gründe, dass es weniger Komikerinnen als Komiker gibt?

Von der Idee bis zum Entscheid «Ich stehe auf die Bühne», funktioniert der Mann offensiver. Eine Frau macht sich im Vorfeld viel mehr Gedanken: Wie mache ich es? Wann mache ich es? Warum mache ich es? Ich glaube, der Prozess im Vorfeld dauert bei der Frau viel länger. Und wenn eine Frau es dann macht, muss sie auch etwas anders arbeiten, damit sie die gleiche Akzeptanz erhält wie ein Mann.

Wo lagern Sie die Perücke Ihrer Bühnenfigur Helga Schneider?

Es ist ein ganzes Rudel. Ich muss grad mal zählen ... Es sind zwei Blondinen und fünf Brünette. Die sind überall verteilt, eine ist immer beim Coiffeur, eine ist bei mir daheim aufbewahrt, die restlichen fünf Exemplare sind im «Knie» gelagert. Die Perücken müssen regelmässig gewaschen und geföhnt werden. Meine Haare gehen also zum Coiffeur, ohne dass ich mit muss.

Echthaar - ja oder nein?

Kunst.

Gewicht der Perücke?

Sehr leicht.

Verraten Sie, wer die Frisur von Helga Schneider kreiert hat?

Angefangen hat es mit einer ganz billigen Schaufensterpuppe aus der Konkursmasse eines Warenhauses. Irgendwann musste ich dann eine neue Perücke herstellen lassen und so fand ich meine Haarfee. Karin Baumann ist eine wunderbare Maskenbildnerin und seit 30 Jahren für meine Perücken zuständig. Sie legt auch einmal eine Nachtschicht ein, wenn im «Knie» eine Perücke ins Sägemehl fällt.

Ihre Einsamkeitsbeschäftigung?

Ich bin zwar hin und wieder allein, aber nicht einsam. Ich kann mich wahnsinnig gut beschäftigen. Man könnte mich auch allein in einem fremden Land aussetzen.

Ins Meer rausschwimmen: lieber allein oder zu zweit?

Zu zweit.

Sind Sie gerade verliebt?

Sehr.

Immer wieder ein gutes Gefühl, in den Spiegel zu gucken?

Ja.

Sie sind 52 und damit wohl definitiv in der zweiten Lebenshälfte angelangt. Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Ich finde das Älterwerden etwas Schönes, etwas Bereicherndes und Wunderbares. Als Comedian profitiere ich vom Älterwerden. Die Jungen sagen vielleicht: «Ach, jetzt kommen die alten Säcke wieder.» Aber ich schaue lieber einen älteren Schauspieler an als einen jungen, noch ungeschliffenen Stein. Ältere Comedians haben mehr Lebenserfahrung, mehr Know-how. Ich geniesse das sehr.

Während 18 Jahren tourte Regula Esposito alias Helga Schneider (links aussen) mit der Kabarettgruppe Acapickels durch die Schweiz.
Keystone

Clowns sollen besonders feinfühlige Menschen sein, heisst es. Comedians auch?

Ja. Und ich finde das auch sehr wichtig. Jeder Mensch, der Kunst macht, ist irgendwo feinfühlig oder sensitiv. Denn es braucht die dunkle Seite, es braucht Abgründe, um etwas erschaffen zu können, was nachher im Licht steht.

Wann sind Sie besonders verletzlich?

Wenn man mich hintergeht oder anlügt bin ich extrem verletzt. Und wenn ich übermüdet bin und Hunger habe, bin ich eine Mimose.

Mal geweint wegen einem Mann?

Viel zu oft.

Vor 18 Jahren ist Ihr Mann, der Bündner Autor Flurin Spescha, gestorben. Nur drei Wochen davor hatten Sie geheiratet. Wie haben Sie nach diesem Schicksalsschlag das Lachen wieder finden können?

Privat brauchte ich sehr lange, bis ich wieder stabil war, mit beiden Beinen auf den Füssen stand und Frieden machen konnte mit der Situation. Ich stand damals nicht allein auf der Bühne, sondern wir waren zu viert mit den «Acapickels» auf Tournee. Ich konnte also nicht einfach sagen, «ich mache jetzt mal ein halbes Jahr Pause». Ich bin deshalb vier Wochen nach seinem Tod wieder auf die Bühne zurückgekehrt. Im Nachhinein weiss ich, das war zu früh. Aber ich muss sagen, der Halt der Gruppe hat mich über Wasser gehalten. Auf der Bühne stehen und in die Rolle der Helga zu schlüpfen, war eine Art Ferien machen vom privaten Elend.

Ein geflügeltes Wort sagt: «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.»

Schicksalsschläge und Krisen machen einen stark. Wenn man mit einer aussergewöhnlichen Situation zu tun hat, muss man lernen, umzudenken und das Leben von einer anderen Seite anzusehen. Das bringt einen weiter im Leben, macht einen reich. Im Moment sieht man es vielleicht nicht so, aber mit der Distanz realisiert man, dass die Krise eine Chance war und einen weitergebracht hat.

Was haben Sie heute für ein Verhältnis zum Sterben respektive zum Tod?

Ich habe mir vor dem Tod meines Partners leider zu wenig Gedanken gemacht darüber. Aber durch den Tod meines Mannes und auch durch andere Todesfälle - ich habe unter anderem meinen Vater in den Tod begleitet - habe ich heute ein sehr gutes Verhältnis zum Tod. Der Tod gehört zum Leben. Der grösste Fehler, den man machen kann ist, sich nicht damit auseinanderzusetzen. Der Tod gehört zu Natur und wir sind die Natur. Der Tod ist ein heiliger, spiritueller Moment.

Sind Sie Mitglied einer Sterbeorganisation?

Nein, aber ich bin eine totale Befürworterin des Freitodes. Ich persönlich würde mich in gewissen Situationen auch für diese Möglichkeit entscheiden.

Bester Gag in Ihrem Testament?

Meine Abdankungsfeier. Da werden meine Freunde viel zu tun, aber auch viel Spass haben.

Zur Person: Regula Esposito

Regula Esposito, 52, steht seit über 30 Jahren als Comedian auf der Bühne. Während 18 Jahren tourte sie mit der Frauen-Kabarettgruppe Acapickels durch die Schweiz. Nach der Auflösung der Gruppe 2010 startete sie mit ihrem Soloprojekt Helga Schneider. Nach Programmen «Helga ist bag», «Hellness» und «Superhelga» ist sie diesen Sommer mit dem Circus Knie auf Tournee. 

Tournee: Der Circus Knie gastiert aktuell in Wettingen, danach bis am 20. Juni in Basel. Die weiteren Daten: www.knie.ch

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er viele Jahre die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
zVg

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